Bildbeschreibung: Zwei Kirchengebäude in einer grünen Umgebung. Links ein modernes, spitzes Bauwerk mit einer hohen Turmhaube, rechts eine klassische, rosa Kirche mit grüner Kuppel. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken. Bildbeschreibung: Zwei Kirchengebäude in einer grünen Umgebung. Links ein modernes, spitzes Bauwerk mit einer hohen Turmhaube, rechts eine klassische, rosa Kirche mit grüner Kuppel. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken.
Bildbeschreibung: Zwei Kirchengebäude in einer grünen Umgebung. Links ein modernes, spitzes Bauwerk mit einer hohen Turmhaube, rechts eine klassische, rosa Kirche mit grüner Kuppel. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken.
09.08
2026
08:40
Uhr

Willkommenskultur

Kirche gemeinsam leben

Ein Beitrag von Jörg Trotzki

„Willkommen in unserer Kirche“, „Willkommen in Deiner Kirche“ – unter diesem Motto wirbt die Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für Offenheit und Gastfreundschaft, Vielfalt und Barrierefreiheit in den Gemeinden. Es umfasst die soziale Integration von Geflüchteten ebenso wie die Offenheit kircheninterner Räume für alle. Wie dieses Miteinander ganz praktisch aussehen kann, zeigen einige Gemeinden aus der Landeskirche.
Kirchliche Gastfreundschaft hat dort eine lange Geschichte. Als Beginn der modernen Kirchenasylbewegung gilt ein Fall im Herbst 1983: in der Heilig-Kreuz-Kirchengemeinde in Berlin-Kreuzberg erhielt damals eine von Abschiebung bedrohte palästinensische Familie Schutz. Heute umfasst kirchliche Willkommenskultur weit mehr. Viele Gemeinden engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, arbeiten mit christlichen Gemeinden anderer Konfessionen zusammen oder stellen ihre Räume für gemeinsame Projekte zur Verfügung.
Ein Beispiel dafür ist die altehrwürdige Nathanael-Kirche am Grazer Platz in Berlin-Friedenau. Seit mehreren Jahren nutzt dort auch eine ukrainisch-orthodoxe Gemeinde die Kirche für ihre Gottesdienste. Die evangelische Gemeinde feiert sonntags am Vormittag, anschließend wird der Kirchenraum für die orthodoxe Liturgie vorbereitet. Pfarrer Wolf Fröhling beschreibt, wie das im Alltag funktioniert. 

Pfarrer Wolf Fröhling 
Die Zusammenarbeit könnte besser nicht sein. Also, wir habe unsere Gottesdienste um Zehn, die haben ihre Gottesdienste sonntags um Zwölf. Und dann kommen die Leute rein. Und dann wird die Kirche eben so umgebaut für deren Zwecke, da ist so eine richtig schöne Ikonostase, also eine goldene Wand, die mit Heiligenbildern verziert ist, (die) wird dann so aufgebaut in Windes-eile, und dann werden so Sandkisten herausgeholt mit Kerzen und Heiligenbildern; und wenn dann der Gottesdienst vorbei ist, dann wird das alles wieder abgeräumt. Also, wenn ich mittwochs früh mit den Kita-Kindern in der Kirche bin, dann sieht nichts mehr nach ukrainisch-orthodoxer Kirche aus. 
Vor der Kirche erinnert die ukrainische Flagge an die Gemeinde, die hier regelmäßig ihre Gottesdienste feiert. Willkommenskultur – das weiß Pfarrer Wolf Fröhling – ist keine Einbahnstraße. Sieht das auch seine evangelische Gemeinde so?

Pfarrer Wolf Fröhling 
Na, die sind begeistert. Die freuen sich doch, dass die Ukrainer hier so aktiv sind. Und wenn sie schon vor dem Krieg geflohen sind größtenteils – (ich meine), die ukrainische Gemeinde wird es ja vorher auch schon gegeben haben, hier in Berlin, aber deutlich kleiner, und ist ja jetzt durch viele Leute, die vor dem Krieg geflüchtet sind und nach Deutschland gekommen sind – es waren ja glaube ich eine Million insgesamt – und wenn sie zumindest der orthodoxen Kirchen angehören, dann sind sie hier in Berlin genau richtig. 
Willkommenskultur heißt vor allem „gemeinsam“ und nicht „einsam“. Der ukrainisch-orthodoxe Kalender – das ist allgemein bekannt – läuft nahezu zwei Wochen hinter unserem gregorianischen Kalender hinterher. 
Die beiden Gemeinden feiern ihre Gottesdienste getrennt. An den großen christlichen Festen gibt es jedoch Berührungspunkte. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat die orthodoxe Gemeinde das Weihnachtsfest auf den 24. und 25. Dezember verlegt und folgt damit dem in vielen westlichen Kirchen üblichen Termin. Das Osterfest wird dagegen weiterhin nach dem julianischen Kalender berechnet und fällt deshalb häufig auf ein anderes Datum.
Wie lässt sich das vereinbaren?

Pfarrer Wolf Fröhling 
Was den Weihnachtskalender anging, haben sie sich ja uns angeschlossen mit dem russischen Überfall, also, weil sie sagten, wir wollen nicht mehr mit denen zusammen dann am 6. Januar – wenn Putin  da sich ne Kerze anzündet – wollen wir nicht. Wir feiern wirklich schon mit euch zusammen Heiligabend und ersten Feiertag usw. Aber beim Osterfest sind wir doch noch eine Woche auseinander, weil ich da gebeten wurde, am Samstag nach Ostern abends den Scheinwerfer nicht zu vergessen, anzumachen. Wir haben so einen großen Scheinwerfer, der den ganzen Nathanael-Kirchplatz beleuchtet. Da kommen tausende Leute, weil die dann früh – an deren Ostermorgen – was bei uns ja dann Sonntag nach Ostern - Quasimodogeniti – ist, da machen die immer so ne Segnung von Osterkörbchen … 
Zum orthodoxen Osterfest versammeln sich nach Angaben der Gemeinde mehrere tausend Gläubige auf dem Grazer Platz. Drohnenbilder dokumentieren dies. Trotz vieler helfender Hände – alle Osterkörbchen zu segnen – musste letztlich auch Wolf Fröhling ran …

Pfarrer Wolf Fröhling 
Und da bin da rumgegangen und habe immer gerufen „Christos voskrese!“ – Christus ist auferstanden – und da haben die auf ukrainisch geantwortet „Er ist wahrhaftig auferstanden“ geantwortet. Das war also wirklich eine richtig tolle ökumenische Geschichte, wie man sie nicht alle Tage erlebt. 

So leben also seit vielen Jahren die evangelische Nathanael-Kirchen-gemeinde in Friedenau und die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde am Grazer Platz zusammen. Die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde wurde 2015 als Reaktion auf den Krieg in der Ostukraine gegründet. Seit 2022 nutzt sie die Nathanael-Kirche in Friedenau. Küster Andrij Ilin erinnert sich an die ersten Monate nach Beginn der russischen Invasion.

Andrij Ilin 
Das war wirklich ein langer Weg, bis wir hier, in die Kirche kamen. Wir haben angefragt, ob wir die Kirche als unser Lager nutzen dürften. Das war im Februar 2022 [Anmerkung der Redaktion: Der Einmarsch Russland in die Ukraine erfolgte am 24.02.2022]. Die Kirche wurde von der deutschen Gemeinde im Winter nicht genutzt. Die hatten eine Winterkirche im Gemeindehaus gemacht. Die (Kirche) stand leer. Es war eine Notsituation. Und wir haben uns die Kirche als unser Lager für Hilfsgüter gemacht. Und nachher – in ein paar Wochen – war es in der Kirche, wo wir früher waren [Anmerkung der Redaktion: gemeint ist die Hermsdorfer Dorfkirche] ganz eng. Wir haben nachgefragt, ob wir auch mit den Gottesdienst hierher kommen dürfen. Das wurde uns auch genehmigt. Und seitdem sind wir hier, in der Nathanael-Kirche. Es ist wirklich toll, die Zusammenarbeit mit der evangelischen Gemeinde.

Andrij Ilin hat den Aufbau der Gemeinde von Beginn an begleitet. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 suchte die Gemeinde zunächst vor allem Platz für Hilfsgüter. Wenig später kam die Frage hinzu, ob auch die Gottesdienste in der Nathanael-Kirche gefeiert werden könnten. 
Aus der zunächst kurzfristigen Hilfe ist eine dauerhafte Zusammenarbeit geworden. Die ukrainische Gemeinde beteiligt sich inzwischen auch am Unterhalt des Gebäudes und übernimmt Aufgaben im Gemeindeleben.

Andrij Ilin 
Wir arbeiten sehr eng zusammen, (wir) unterstützen einander. Die evangelische Gemeinde hat viele Hilfsgüter 2022 beschafft und gekauft. Wir haben unsererseits zum Beispiel einen Heizstrahler hier in der Kirche auf unsere Kosten eingebaut, weil hier eine Ölheizung ist. Diese ist sehr teuer und ineffizient, weil die Kirche sehr groß ist. In diesem Jahr haben wir (einen) warmen Fußboden eingebaut zwischen den Reihen. Kleine Instandhaltungs-maßnahmen werden auch von der ukrainischen Gemeinde durchgeführt. Die Kirche wird auch von unseren Leuten geputzt. Wir haben ein tolles Zusammenleben. 
 

Musik – Wise Guys – Ein Engel 

Eine gemeinsame Nutzung von Kirchenräumen gibt es in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in einigen Gemeinden. Es ist ein Stück gelebte Willkommenskultur der Kirche. Ein weiteres Beispiel findet sich in Alt-Schöneberg in Berlin. Dort hat die Alt-Katholische Gemeinde in Berlin Raum für ihren Glauben gewonnen.  Beide verstehen sich nicht als Gastgeber und Gast, sondern als gleichberechtigte Partner, sagt Pfarrerin Rebecca Cyranek:

Rebecca Cyranek 
Die Alt-Katholische Gemeinde ist kein Gast bei uns, sondern tatsächlich unsere Partnergemeinde. Also, wir sind zwei Gemeinden im Miteinander sehr gleichberechtigt. Und es gibt schon lange, lange, lange Berührungen zwischen der Alt-Katholischen Gemeinde und der Evangelischen Gemeinde Alt-Schöneberg und die haben wir ausgebaut und im Zusammen mit unseren Gemeinden eigentlich zu einer Partnerschaft geführt. Es gibt inzwischen einen Kooperationsvertrag. Der ist ziemlich schmal, also da steht gar nicht so viel drin, außer, dass wir viel zusammen machen wollen, wo es gut zusammen geht, aber trotzdem zwei Gemeinden bleiben, natürlich, weil wir unterschiedliche Konfessionen haben. 
Die Zusammenarbeit beschränkt sich nicht nur auf die gemeinsame Nutzung der Gebäude. Vieles wird gemeinsam geplant und gestaltet. Besonders sichtbar wird das in den Gottesdiensten. Und wo geht es schon besonders gut zusammen?

Rebecca Cyranek 
Also, es geht besonders gut beim Gottesdienstfeiern. Ich glaube, darüber ist auch diese Partnerschaft gewachsen. Also, wir feiern sehr, sehr regelmäßig hier ökumenische Gottesdienste. Wir feiern nicht nach einem neuen Ritus, sondern wir feiern alt-katholisch oder evangelisch. Das geht gut, im Abendmahlfeiern, weil wir Abendmahls-Gemeinschaft haben. Und aus diesen gemeinsamen Gottesdienst-Feiern heraus sind noch andere gemeinsame Projekte, wie zum Beispiel unser gemeinsamer Kon-Firm-Kurs, also, wir haben Jugendliche hier, mit denen wir einen gemeinsamen Kon-Firm-Kurs machen, das heißt, wir bereiten uns gemeinsam auf Konfirmation und Firmung vor. 
Pfarrerin Rebecca Cyranek ist des Lobes voll. Sehen das auch die Gemeindeglieder so?

Rebecca Cyranek 
Ich würde behaupten, die sehen das durchweg positiv. Die haben ja schon lange auch miteinander Gottesdienste gefeiert. Auch das war ja schon irgendwie hier auf dem Weg vorbereitet, als ich ankam. Und dann haben wir aus unseren Gemeinden uns zusammengesetzt mit einem kleinen Kreis und haben mal überlegt, was können wir denn mit dem ökumenischen Schatz machen, und wollen wir das irgendwie weiterführen und zu einer richtigen Partnerschaft entwickeln. Das haben wir erst mit ein paar Gemeindegliedern gemacht, und dann sind wir in die Gemeindeversammlung gegangen jeweils und haben auch noch mal vorgestellt und erzählt, was wir gern möchten und haben die Gemeinden auf diesem Wege immer mitgenommen und haben dann in einem großen gemeinsamen Gottesdienst diese Kooperation beschlossen, unterschrieben und gefeiert. 
Die evangelische Kirchengemeinde Alt-Schöneberg hat mit der Alt-Katholischen Gemeinde Berlin mehr als einen Partner gefunden. Man habe sich gemeinsam mit offenen Armen auf den Weg gemacht. Für den alt-katholischen Pfarrer Ulf-Martin Schmidt ist diese Form der Zusammenarbeit mehr als gelegentliche ökumenische Begegnungen. Ihm geht es darum, den Glauben auch im Alltag gemeinsam zu leben.

Pfarrer Ulf-Martin Schmidt 
Ich hab relativ früh gemerkt, dass es eine Schönwetter-Ökumene gibt, zu Pfingstmontag, wo sich alle treffen, zu gemeinsamen Gottesdiensten in Berlin, dass aber auf vielfältiger Ebene Ökumene sehr auch verschieden gelebt wird in Berlin.  Mir war das ganz lange ehrlich gesagt zu wenig, denn es blieb immer dabei, dass jeder für sich bleibt und man nur punktuell zusammenkommt. Denn wir hatten mit Alt-Schöneberg seit 1926 ungefähr sechs gemeinsame Gottesdienste im Jahr. Für mich wurde dann ziemlich schnell klar, wenn es einen ökumenischen Partner in Berlin geben soll, mit dem das gut funktioniert, bleibt eigentlich nur die evangelische Kirche übrig, vielleicht noch die methodistische und die monolithische Kirche und die anglikanische Kirche, mit der wir sowieso Kirchengemeinschaft haben. Ansonsten wird es auf theologische Basis schwer, das Vollprogramm zu fahren. Denn für uns ist es unabdingbar, dass wir Abendmahl gemeinsam feiern können. Und da fallen die meisten ökumenischen Partner schon raus. 

Pfarrer Ulf-Schmidt will gern mit ein paar „Klischees“ aufräumen. Der Begriff „alt-katholisch“ führt immer wieder zu Missverständnissen. Viele verbinden ihn mit einer besonders traditionellen Kirche. Dabei sei alt-katholisch modern, offen, ökumenisch. Der Pfarrer bspw. darf verheiratet sein, er darf offen queer sein – eine wichtige Unterscheidung zu der römisch-katholischen Kirche. Außerdem entscheiden bei den Alt-Katholiken die Bistumssynode, der Bischof und die Gemeinde gemeinsam. 

Pfarrer Ulf-Martin Schmidt
Aus dem Medienkontext ist das marketingmäßig ein Desaster, ja. Also, das kommt aber eigentlich aus der Zeit, als „alt“ noch etwas durchweg Positives war. Wir sind im 19. Jahrhundert entstanden. Da war „alt“ eigentlich etwas Bewundernwertes. Zum Alten wollte man hin, weil, das stand für alte Werte, für Tradition und ähnliches. Heute verbinden wir mit „alt“ meist „altmodisch“. Und das kann man bei uns auch durchweg auch denken, wenn man in unsere Gottesdienste reinkommt, sind wir halt klassisch. Für einige mag das abschreckend sein, für andere ist das genau der Grund, warum sie kommen. Wir Alt-Katholiken stehen auf Gemeindeebene für eine überschaubarer Gemeindegröße mit klarer liturgischer Ausrichtung, die versucht, Jesu-Nachfolge auf ihrer bestimmte Art und Weise ökumenisch offen zu leben.  
„Gemeinsam, nicht einsam“. Die Partnerschaft in Alt-Schöneberg beschränkt sich nicht auf zwei Gemeinden. Das Gelände wird auch von weiteren christlichen Gemeinschaften genutzt. Sie feiern dort ihre eigenen Gottesdienste und begegnen sich bei gemeinsamen Veranstaltungen. 

Rebecca Cyranek
Wir haben da wirklich ökumenische Gäste, das bedeutet Gemeinden, die bei uns in unseren Räumlichkeiten Gottesdienstes feiern. Nicht mit uns gemeinsam, sondern tatsächlich ihren eigenen Gottesdienst an unterschiedlichen Tagen in der Woche, manche feiern sonntags, nachdem wir in der Kirche waren. Mit diesen Gästen ist der größte gemeinsame Berührungspunkt immer unser Gemeindefest, wo all diese Gäste mit auch eingeladen sind, einen Stand zu haben, damit wir diese ökumenische Vielfalt hier vor Ort mal sichtbar machen. Wir haben die japanische Gemeinde hier, wir haben eine rumänische Gemeinde hier und wir haben die zentral-afrikanische Gemeinde hier.

Zwei Gemeinden in Friedenau. Zwei Gemeinden in Alt-Schöneberg. Unterschiedliche Konfessionen, verschiedene liturgische Traditionen – und doch gemeinsame Kirchenräume, gemeinsame Projekte und gemeinsame Verantwortung.
„Willkommen in unserer Kirche“, „Willkommen in Deiner Kirche“. Als Gast, als Partner, als Bruder und Schwester in ehrlich gelebter Ökumene. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz empfängt – im Glauben an Jesus Christus – auch Sie mit offenen Armen und offenem Herzen.

Musik – Silly – Asyl im Paradies