Ein Mann steht vor einem historischen Gebäude, trägt eine Motorradjacke mit reflektierenden Elementen und einen Schal in den Farben eines Sportvereins. Im Hintergrund sind Skulpturen und Architektur des Gebäudes sichtbar. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken. Ein Mann steht vor einem historischen Gebäude, trägt eine Motorradjacke mit reflektierenden Elementen und einen Schal in den Farben eines Sportvereins. Im Hintergrund sind Skulpturen und Architektur des Gebäudes sichtbar. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken.
Ein Mann steht vor einem historischen Gebäude, trägt eine Motorradjacke mit reflektierenden Elementen und einen Schal in den Farben eines Sportvereins. Im Hintergrund sind Skulpturen und Architektur des Gebäudes sichtbar. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken.
10.05
2026
08:40
Uhr

„Zwischen Hertha und Hedwig“

Apropos Sonntag über Diakon Gregor Bellin

Ein Beitrag von Michael Kinnen

Er ist Stadionseelsorger am Berliner Olympiastadion und auch Seelsorger an der Sankt Hedwigs-Kathedrale des Erzbistums: Diakon Gregor Bellin. Michael Kinnen hat mit ihm über diese beiden besonderen Aufgaben im kirchlichen Dienst gesprochen - und so manche Gemeinsamkeit entdeckt: „Zwischen Hertha und Hedwig“.

Autor: Gregor, wir kennen uns jetzt durch verschiedene Sendungen schon. Wir sagen Du zueinander. Zum einen bist du im Hauptberuf Krankenhausseelsor-ger, aber heute geht es um zwei andere Aufgabenfelder, die interessant sind: Überschrift: „Zwischen Hertha und Hedwig“. Hertha, Hertha BSC. Du bist Seel-sorger am Olympiastadion in Berlin, Du bist aber auch Diakon an der Hedwigs-Kathedrale in Berlin. Jetzt sind wir an deinem ersten Arbeitsplatz, nämlich in der Hedwigs-Kathedrale. Wir sind gerade in der Krypta unter der Hedwigs-Kathedrale. Ist das so was wie ein Lieblingsort für dich?

Diakon Gregor Bellin: Also ich bin zum einen hier sehr, sehr gerne in St. Hedwig, weil die Atmosphäre, wie hier Liturgie, Gottesdienst, miteinander ge-feiert wird, mich sehr anspricht. Dieser Ort Krypta von St. Hedwig hat für mich noch eine besondere Bedeutung aufgrund der Atmosphäre des Raumes, wo das Taufbecken in der Mitte steht. Und wenn ich überlege, dass ich, wenn ich senkrecht nach oben gehe, darüber weiß, dass da der Altar ist, oben auch die Offnung zum Himmel nin, dann steckt für mich da alles drin, was christliches Leben eigentlich ausmacht. Hier die Grundlegung und dann die Perspektive, wo es hingeht.

Autor: Wir sind jetzt also sozusagen im Herzen der Kathedrale, im Herzen des Erzbistums, das ja auch nach Brandenburg und nach Vorpommern ausstrahlt. Was sind deine Aufgaben? Wie begegnest du diesen Menschen, die hierher kommen?

Bellin: Ich bin jetzt seit zwölf Jahren hier in Sankt Hedwig mit zuständig. Die Aufgaben haben sich in der Zeit ein Stück weit auch verändert. Es fing mal mit ausschließlich Liturgie an, dann kamen Glaubenskurse dazu für Menschen, die sich auf einen Übertritt oder Wiedereintritt in die Kirche vorbereitet haben, Be-treuung von Lektoren und Gottesdienstbeauftragten. Und dann war der Um-zug. Wir sind in die Ausweichkirche St. Josef in Berlin Wedding gegangen und dann wieder zurückkommen und sich diesen Raum und diese Kirche neu er-schließen. Das war einfach etwas Spannendes.

Autor: Du bist schon 27 Jahre Diakon, also Seelsorger, Geistlicher im Erzbis-tum Berlin. Wenn du da zurückblickst, was sind denn Highlights, die du als Dia-kon erlebt hast hier?

Bellin: Wenn es danach geht, ist natürlich jede Messe so gesehen ein kleines Highlight, ist auch klar. Aber besonders emotional berührend sind dann zum Beispiel auch, als wir hier das Requiem für Papst Franziskus gefeiert haben oder oft auch, wenn man Geschichten von Gläubigen selber miterlebt. High-lights, wo man sagen kann: Toll, dass ich da mit dabei sein durfte. Das stärkt einen auch im eigenen Glaubensleben. 
Und es ist jetzt eben auch die Krypta. Da ist einmal der Ort, wo die verstorbe-nen Berliner Bischöfe bestattet sind, da ist das Grab des seligen Bernhard Lichtenberg. Und dann ist vor allen Dingen jetzt im Zentrum dieses Taufbe-cken, was hier unten steht, wo man auch als Erwachsener Ganzkörpertaufe empfangen kann. Was ich faszinierend finde, ist einmal die Größe des Be-ckens, die Schlichtheit zum einen, aber dann auch diese Ruhe. Diese Ruhe und diese Atmosphäre, die macht sehr, sehr viel aus und man kann hier sehr, sehr gut zu sich selber finden und auch sehr gut beten.

Autor: Und das ist ja vielleicht besonders interessant, weil die Hedwigs-Kathedrale mitten in Berlin steht, am Bebelplatz, wo viele Touristengruppen vorbeikommen. Manche kommen ja vielleicht auch eher zufällig hier rein, se-hen, da ist irgendwie die Tür offen der Hedwigs-Kathedrale. Ist das so eine Laufseelsorge, die du da auch machst?

Bellin: Jein. Man muss immer sagen, dass viele, die hierher kommen, kom-men durch irgendeinen Touristenführer persönlicher Art oder durch irgendein Buch. Die Hedwigs-Kathedrale ist einfach ein Magnet und ein Anziehungspunkt.

Autor: Mit der Hedwigs-Kathedrale verbindest du ja auch ganz persönlich was. Du bist hier zum Diakon geweiht worden. Was bedeutet das?

Bellin: Also ich bin 99 hier in der Kathedrale geweiht worden mit drei anderen Mitbrüdern und es war schon eine besondere Form der Indienstnahme. Auch die große Beteiligung der Gläubigen damals war zum einen eine Verpflichtung, zum anderen eine Stärkung. Von daher war eigentlich immer eine emotionale Bindung nach Hedwig schon gegeben. Da hätte ich mir aber nicht vorstellen können, dass ich eines Tages mal hier an der Kathedrale regelmäßig werde Dienst tun können und dürfen.

Autor: Emotionen ist ein gutes Stichwort. Die findet man ja auch sehr stark an deinem zweiten Arbeitsplatz im Olympiastadion. Da gehen wir jetzt gleich noch hin. Da gibt es nämlich auch eine Kapelle, die unter dem Stadion ist, die viel-leicht manche Gemeinsamkeit sogar mit hier der Hedwigs-Kathedrale, vor al-lem aber mit einer Aufgabe hier hat.

Bellin: Also ich denke mal, du hast eben ja gesagt, wir sind hier im Herzen des Bistums. In der Kapelle des Olympiastadions sind wir nur im Herzen des Stadions, natürlich nicht im Herzen des Bistums, aber dort schlägt ja auch das Herz des Stadions. Wenn man dort senkrecht nach oben geht, geht es nicht so wie hier Richtung Himmel. sondern man ist auf Höhe der Mittellinie. Man merkt also, wir sind fast dort auch in der Mitte des Stadions und dort ist auch so ein besonderer Ort der der Ruhe, der Besinnung, selbst wenn in diesem Stadion 70.000 Krach und Lärm machen, ist da eine besondere Atmosphäre. Und dort feiern wir eben einfach auch regelmäßig Gottesdienst in ökumenischer Ge-meinsamkeit - mein evangelischer Freund und Kollege Bernhard Felmberg und ich. Und es tut einfach auch gut, das so zu tun, weil wir immer merken, dass sich in den 20 Jahren, die wir das jetzt tun, zum einen eine feste Gemeinde etabliert hat, die sich erst in Hedwig auch wieder richtig wird finden müssen. Aber dort haben wir das in 20 Jahren erreicht, dass immer wieder Menschen kommen, dort mit uns Gottesdienst feiern, auf das Wort Gottes hören und damit auch gestärkt in den Spieltag hinausgehen.

Autor: Und da gehen wir mal rüber gleich.

Musik: Barclay James Harvest: Hymn

Autor: Heute Morgen in Apropos Sonntag zu Gast: Diakon Gregor Berlin. „Zwi-schen Hertha und Hedwig“ ist heute unser Thema. Wir waren eben in der Hedwigs-Kathedrale, das ist sein erster Arbeitsplatz und jetzt gehen wir zu seinem zweiten Arbeitsplatz, nämlich in die Kapelle des Berliner Olympiastadi-ons. Dort ist er Seelsorger schon seit vielen Jahren. Die Kapelle hat in diesem Jahr Jubiläum. 20 Jahre Kapelle im Berliner Olympiastadion und die gucken wir uns jetzt mal an.

Atmowechsel/Autor: So, dann gehen wir jetzt hier durch den Tunnel in die Ka-pelle.

Bellin: Da sind wir jetzt auf dem Weg dahin. Hier schließen wir mal. Jetzt kommen wir in den Bereich, wir sind im vierten Untergeschoss des Stadions, hinter der nächsten Glastür. Da steht schon Players Lounge dran. Und wir kommen jetzt hier zur Kapelle, also zur Prayers Lounge. Da steht in der Kapel-le dran: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“. Das steh unten drunter: Da steht: „Die Bibel, Matthäus-Evangelium, Kapitel 16, Vers 26“. Das, was immer dabei wichtig ist, wenn man immer früher gesagt hat, ist aus Matthäus, dachten vie-le, Lothar Matthäus hätte diesen weisen Spruch gesagt, da muss ich die Leute enttäuschen.

Autor: Ist es also noch eine Nummer größer? Es ist von der Bibel...

Bellin: Ja, also es ist aus der Heiligen Schrift, aus dem Neuen Testament einer der Evangelisten, aber es ist nicht Lothar Matthäus.

Autor: Dann gehen wir mal in die Kapelle. Du hast den Schlüssel dafür, bist sozusagen der Petrus hier der Kapelle, Du hast die Schlüssel des Himmelrei-ches…

Bellin: ... die zur Kapelle, aber da ist der Weg zum Himmelreich...

Autor: …viel näher. Und da sind wir und sehen eine goldene Kapelle, sehr viel Gold. Ein Altar sehe ich, ich sehe ein Taufbecken in Ambo, aber ein Kreuz sehe ich nicht.

Bellin: Ein Kreuz sehen ganz viele erstmal nicht, wollten mir auch schon viele schenken. Wir schenken dir in Anführungsstrichen für die Kapelle das (Kreuz). Und da ist hinter dem Altar in der Wand sieht man zwischen den Bibelversen dieses goldene Kreuz....

Autor: ...als Aussparung... Jetzt sehe ich es ja.

Bellin: Und wenn man jetzt an der Stelle hochgeht und man geht auf Rasen-niveau, ist man hiermit genau auf Höhe der Mittellinie. Wir sind also sozusagen das Herz des Stadions.

Autor: Wie sieht das aus? Ich komme zum Spiel und komme da ein bisschen früher oder kann ich einfach so hier durchmarschieren? Brauche ich überhaupt eine Karte für den Gottesdienst?

Bellin: Die Karte braucht man aber nicht für den Gottesdienst, sondern ins Stadion zu gelangen. Wenn Herr Hertha BSC spielt und ein normaler Spieltag ist und Dreiviertelstunde vor Spielbeginn fangen wir hier an und sind im Schnitt eine Viertelstunde vor Spielbeginn fertig, sodass jeder noch im Stadion auf seinen Platz gehen kann.

Autor: Aber einfach so in Ruhe hier sitzen kann ich nicht, um mich zu besin-nen.

Bellin: Während des Spiels ist die Kapelle geschlossen und sonst kommt man eigentlich nur zu bestimmten Anlässen hier in diese Stadionkapelle. Sie ist nicht normalerweise frei zugänglich wie andere Pilgerkirchen, wo man sagt, da gehe ich mal gerne hin. Manche Spieler machen es manchmal nach dem Spiel, dass sie sich nochmal hier reinsetzen oder auch noch mal ein Gespräch bitten. Das kann schon passieren, aber sonst ist Hauptspieltag ist heißt auch, dass hier mit dem Gottesdienst das stattfindet.

Autor: Es gab auch einen Papstbesuch, der im Olympiastadion stattgefunden hat. Da warst du auch dabei.

Bellin: Also ich habe im Olympiastadion schon zwei Papstbesuche mitgemacht. Einmal die Seligsprechung von Bernhard Lichtenberg, ganz normal auf der Zu-schauertribüne mit dabei. Dann auch der Gottesdienst, den Papst Benedikt damals gefeiert hat. Da habe ich unten mitgesessen und nachher mit die Kommunion ausgeteilt. Aber es sind auch diese Highlights, wo man… - Ich hab Kinder getauft in der Kapelle des Stadions, sei es Kinder von Hertha BSC, von Fans. Es finden Hochzeiten statt, die wir dort gefeiert haben, wo zwei Men-schen Ja zueinander sagen. Das sind auch schon sehr, sehr schöne Momente. 
Es macht immer Freude, mit Menschen gemeinsam diesen Glauben zu teilen und diesen Glauben zu leben, Wenn man in diesem Bewusstsein zusammen-kommt, ob wir 10 sind, ob wir 100 sind, sich einfach gegenseitig zu spüren zu tragen. Das ist es das, was es ausmacht. Das sind manchmal so die Momente, die wir in der Kapelle des Olympiastadions haben, wenn sich alle an der Hand fassen und gemeinsam dieses Vaterunser sprechen - zu merken über konfes-sionelle Grenzen: Gott ist unser Vater und wir sind Schwestern und Brüder. Ob evangelisch, katholisch spielt in dem Moment nicht die Rolle. Gott ist unser Va-ter und wir kommen hier zusammen und bekennen uns zu ihm. Das verbindet enorm.

Autor: Vor ziemlich genau 20 Jahren, am 20. Mai 2006 zur Weltmeisterschaft, wurde die Kapelle im Olympiastadion gebaut, eingeweiht, in Betrieb genom-men. Seitdem gibt es regelmäßig die Gottesdienste. Die Hedwigs Kathedrale ist schon viel älter. „Zwischen Hertha und Hedwig“, ist ja unser Thema. Wenn du dich entscheiden musst: Hertha oder Hedwig?

Bellin: Die Frage stellt sich nicht, ob Hertha oder Hedwig, weil zwischen Hertha und Hedwig kann ich übrigens auch nur leisten, weil meine Frau Susanne mich darin unterstützt, diesen Dienst überhaupt zu leisten und immer wieder sagt: Du machst es gerne, mach’s weiter! Aber Hertha und Hedwig - Es ist ja gar nicht so unterschiedlich. Es fängt nicht nur..., weil beides mit H an-fängt, sondern es geht um Menschen und es geht die Frage nach Gott. Dafür bin ich mal vor 40 Jahren angefangen, diesen Dienst im Erzbistum Berlin zu tun: Mit Menschen darüber ins Gespräch zu kommen und zu zeigen: Gott ist einer, der dir ein Angebot macht. Und Gott möchte auch, dass du dich für ihn entscheidest. Aber die freiheitliche Entscheidung liegt immer bei dir. Wir sind nicht Herr über den Glauben anderer, sondern wir sind nur Diener dabei - und ich sage jetzt mal Werkzeug, euch damit in Berührung zu bringen. Was du da-raus machst, das liegt bei dir. Aber ich bin immer sicher: Mit dem Heiligen Geist, das ist auch ganz, ganz wichtig, dass der dabei ist. Dann kann es gelin-gen. Wenn es nur an mir liegen würde, käme wahrscheinlich nicht viel bei raus.

Autor: Du hast eben angesprochen, du bist schon sehr lange im kirchlichen Dienst, bist auch schon sehr lange Diakon. Zum Ende dieses Monats endet deine Diakonentätigkeit in Sankt Hedwig, aber nicht für Hertha. Wie geht es weiter?

Bellin: Die Besonderheit besteht ja immer darin: Ich bin ja nicht Diakon ge-worden, um mit dem Eintritt in den sogenannten Ruhestand nicht mehr Diakon zu sein. Also ich bleibe Diakon bis an mein Lebensende. Den Dienst im Olym-piastadion mache ich weiter, weil einfach dieser Ort der Kapelle mir persönlich wichtig ist und weil auch der Arbeitsaufwand in der Form mit Freude und auch Überschaubarkeit immer wieder zu leisten ist. Die Verpflichtung für Sankt Hedwig endet zwar im dienstrechtlichen Sinne, aber die Verbindung zur Ka-thedrale wird definitiv bleiben. A wohne ich nicht weit weg davon und ich freue mich darauf, dann auch die Gottesdienste hier weiter mitzufeiern, in welcher Position und Funktion auch immer. Es muss nicht am Altar sein, sondern es ist auch nach so vielen Jahren schön mit meiner Frau mal gemeinsam in der Bank zu sitzen und gemeinsam den Gottesdienst auch räumlich enger zu feiern.

Musik: Bob Dylan: Knocking on heavens door