Autor: Heute Morgen zum Palmsonntagmorgen sind wir bei Apropos Sonntag in einer vielleicht ungewöhnlichen Konstellation: Hier sitzt ein Fußballtorwart, hier sitzt ein Seelsorger - Marius Gersbeck ist Torwart bei Hertha; Gregor Bellin ist Seelsorger im Olympiastadion - und dann gibt es noch einen Journalisten, der die Fragen stellt. In dieser vielleicht ungewöhnlichen Konstellation sprechen wir heute über das Thema “Von ‚Hosianna!‘ zu ‚Kreuzige ihn!‘“
Ihr beiden kennt euch ja schon länger, das heißt: Wir sagen Du zueinander.
Die erste Frage vielleicht an den Seelsorger: Gregor, Von ‚Hosianna‘ zu ‚Kreuzige ihn!‘ und das Ganze mit einem Fußballer. Wie passt das denn heute hier zusammen?
Bellin: Der Palmsonntag, über den wir uns heute unterhalten, vor knapp 2000 Jahren passiert, ist der Einzug von Jesus in Jerusalem und die Leute jubeln ihm zu und finden es ganz großartig. Und die gleichen Menschen, die heute jubeln, sind die, die fünf Tage später rufen: "Kreuzige ihn!" Und ich habe in meinem Leben, auch im Stadion, schon die Erfahrung gemacht: Du kannst heute das Tor schießen und du wirst gefeiert. Und wenn du nächste Woche vorbeischießt, bist du schon mal der größte Depp. Und das ist dann noch die harmlose Variante. Marius und ich, wir kennen uns schon sehr, sehr lange, dass ich erlebt habe, wie Marius gefeiert wurde im Stadion. Ich sehe noch sehr heute sein erstes Spiel damals gegen Dortmund. Du warst der Superhero und kurz davor, für viele, die sagen: "Oh, ganz toll." Dann war das Pech, dass er nicht dauerhaft spielen konnte, weil wir einen anderen Torwart schon hatten. Und als dann Marius wiederkam, alle freuten sich: Marius kommt wieder, einer aus unserer Kurve. Und kurz danach passiert was und er wird in der Presse verrissen.
Autor: Genau, da kommen wir nach und nach jetzt drauf.
Marius, du hast 2013, sagte Gregor eben, dein Bundesliga-Debüt gehabt, warst sozusagen der Held beim 2:1 gegen Dortmund und das damals als Achtzehnjähriger. Du kennst also das, wenn Leute dir zujubeln, schon seit vielen Jahren. Wie fühlt sich das denn an, wenn man so im Mittelpunkt steht, so als ganz junger Mensch, als ganz junger Fußballer?
Gersbeck: Auch wenn ich jetzt nicht der Typ dafür bin, der im Mittelpunkt stehen muss oder möchte, ist natürlich etwas, worauf man als Sportler immer darauf hinarbeitet, dass man in besonderen Momenten eine besondere Leistung zeigt. Und das ist natürlich schön, wenn sich dann viele daran erinnern und einem in dem Moment vielleicht zujubeln.
Autor: Du hast ja mehrere solche Momente gehabt. Das eine Spiel war gegen Dortmund, aber das blieb ja nicht bei dem einen Spiel. Du bist auch U-19-Europameister geworden und warst ja oft im Mittelpunkt, warst ja oft einer, dem zugejubelt wurde.
Gersbeck: Ja, wie gesagt, ich habe das Privileg, Fußballprofi sein zu dürfen. Das ist schon alleine was Besonderes. Dass ich dann auch ein paar Titel gewonnen habe oder viele Zweitligaspiele machen durfte, ist sehr, sehr schön und das ist das, wofür man lebt und wofür man dann jeden Tag dankbar ist. Das sind die schönen Seiten, die man dann erleben darf.
Autor: Aber es gibt ja auch die anderen Seiten, die hast du ja auch selbst erlebt.
Gersbeck: Ja, es geht im Fußball immer sehr schnell. Es gibt natürlich auf das Sportliche bezogen immer auch schlechte Tage mit schlechten Leistungen. Es gibt schlechte Phasen mit Verletzungen, das gehört dazu. Und neben dem Sport hatte ich natürlich auch den einen Vorfall in Österreich, und das ist natürlich genauso negativ für einen selber und das betrifft einen auch. Und dann geht es auch mal schnell in die andere Richtung.
Autor: Für die, die es nicht wissen: Was war denn da?
Gersbeck: Da hatte ich dann den größten Fehler meines Lebens, da hatte ich eine körperliche Auseinandersetzung. Und dann ging es natürlich sehr schnell, dass man verteufelt wurde, weil auch sehr viel geschrieben wurde. Und da bin ich sehr froh, dass dann trotz alledem natürlich die Familie und der Verein hinter mir stand, mir da zur Seite stand, geglaubt hat. Und da kenne ich auch das Gefühl, dass natürlich ganz schnell gehen kann, dass man kurz mal vorm Abgrund steht und denkt, man verliert alles.
Autor: Und was war da?
Gersbeck: Ich habe mich da aus dem Hotel rausgeschlichen und dann bin ich, weil ich verletzt war, rausgegangen zu einem Seefest und bin am Ende dieses Seefests in eine körperliche Auseinandersetzung geraten.
Autor: Vielleicht für die, die es nicht irgendwo schon gelesen haben: Es gibt in Österreich das Wort Diversion. Das heißt, das Strafverfahren ist eingestellt worden. Du hast dich entschuldigt, du hast eine Geldauflage bezahlt. Also juristisch ist das Ganze erledigt, aber es hat ja trotzdem was mit dir, auch mit dem Geschädigten, gemacht. Wie bist du dann weiter verfahren? Wie bist du damit umgegangen, als die Stimmung auch gekippt ist?
Gersbeck: Definitiv, also mit dem Geschädigten war mir eigentlich am wichtigsten, dass es ihm gut geht, er meine Entschuldigung als Erstes annimmt. Für ihn war das auch wirklich völlig in Ordnung und er hätte es am liebsten eigentlich auch sofort vergessen und hatte gar keine Lust auf diesen Medienrummel. Das hat mich natürlich erleichtert und das Drumherum für den Moment zumindest etwas vergessen lassen, weil man selber hat natürlich jeden Tag gezittert, jeden Tag Neues gelesen. Das war wirklich eine sehr schlimme Zeit und da rede ich nur von mir, weil schlimmer ist es noch für die, die eigentlich unbeteiligt sind. Sei es die Frau, die Eltern, die Freunde, die lesen das Gleiche und denken, was man dann für ein Monster sein soll und wissen, dass nicht so ist. Deshalb, alle haben sehr gelitten und einen selber hat es dann sehr betroffen und deswegen war es wirklich die schlimmste Zeit, die ich bis jetzt in meinem Leben hatte.
Autor: Weil die Stimmung gekippt ist… - Du hast von Entschuldigung gesprochen; wie du damit umgegangen bist, da können wir gleich noch mehr davon sprechen. Aber beim Stichwort Entschuldigung meldet sich auch der Seelsorger, Gregor Bellin.
Bellin: Für mich ist immer, gerade bei der Geschichte auch vom Marius: Wie gesagt, wir kennen uns beide schon sehr lange und man liest Sachen über einen Menschen und ich habe ihn bis dahin immer als warmherzig, ehrlich, aufrichtig, authentisch erlebt. Und was da stand, das passte nicht. Das war nicht der Marius, den ich immer erlebt habe und wie ich ihn auch bis heute nicht erlebe, nur weil er in einer Situation einen Fehler gemacht hat. Und dann wird von anderen über eine Sache berichtet, die nicht dabei waren, die sich irgendwas aus den Fingern saugen und sehen dabei nicht, dass also - da wird jemand wirklich an den Rand seiner Existenz gedrückt, obwohl man gar nicht weiß, um was es geht. Und die Frage ist immer für uns, dass wir erst mal merken:
Wie gehen wir mit Worten überhaupt um? Dass die beiden Beteiligten miteinander einen guten Weg schon gefunden haben durch die Entschuldigung und die Annahme dieser Entschuldigung, das müsste im Vordergrund stehen. Und jeder von uns hat in seinem Leben schon erlebt, dass er Fehler gemacht hat und wir sind immer auf das Erbarmen und das Verzeihen anderer angewiesen. Jeder von uns! Und hier geht es für mich gerade auch, gerade Palmsonntag an der Stelle darum, das ist auch das, was Ostern wieder passieren wird: Da ist jemand, der unsere Fehler auf sich nimmt und der sich für uns entschuldigt. Und wir können es nur annehmen als Geschenk.
Gersbeck: Wenn ich das abschließend noch sagen darf: Ich glaube, das war sehr schön gesagt, weil es geht am Ende um den Palmsonntag; nicht um meine Geschichte, die ich da erlebt habe, um irgendwo rumzuhacken. Sondern ich möchte es nur als Beispiel geben und ich glaube, dafür ist es auch sehr sinnbildlich und soll es einfach nur zeigen und nicht, dass man da irgendwas jetzt noch mal aufwühlt bei irgendjemandem. Ich habe da einen Fehler gemacht, habe dafür gerade gestanden - und trotzdem kann man auch wissen, wie es mir dabei ging.
Musik: Sound of Silence (Simon & Garfunkel)
Autor: Heute Morgen, am Palmsonntagmorgen, haben wir bei Apropos Sonntag gleich zwei interessante Gäste. Zum einen Marius Gersbeck, Torwart bei Hertha BSC, und Gregor Bellin, Diakon und Seelsorger im Olympiastadion in Berlin.
Unser Thema heute Morgen ist: „Von Hosianna zu Kreuzige ihn: Wenn Stimmungen kippen“.
Marius, du hast als Fußballer beides erlebt. Zum einen, dass du selbst als aktiver Fußballer immer wieder Stimmungsschwankungen ausgesetzt warst von Fans, die den Daumen über dich gehoben und gesenkt haben. Du bist aber auch selbst Fan von Hertha und warst schon von klein auf im Stadion. Was meinst du, welche Verantwortung haben denn Fans, wenn's darum geht, Daumen zu heben, Daumen zu senken?
Gersbeck: Ich glaube, eine große und ich glaube, sie ist auch oft einem selber gar nicht so bewusst, weil man ja erst mal die Emotionen mitnimmt und das dann auch weitergibt. Das heißt, wenn das Spiel schlecht läuft, werde ich sehr schnell anfangen zu meckern. Freuen ist meistens schwieriger und ist dann natürlich zwar schön, aber hält auch nicht lange an. Das heißt, von Spiel zu Spiel kann diese Stimmung kippen und deswegen haben sie da eine große Verantwortung, weil man da auch sehr viel bei dem Gegenüber auslösen kann.
Autor: Du hast es ja auch erlebt, wie es ist. Was macht das denn mit einem, wenn man plötzlich hochgelobt wird in den Himmel und am nächsten Tag in die Hölle verdammt wird und ausgepfiffen wird? Was macht das persönlich mit einem?
Gersbeck: Das zieht einen natürlich runter. Also ich glaube, keiner hört gerne schlechte Sachen über einen. Deswegen ist es kein schönes Gefühl und das macht keinen Unterschied, ob das irgendwo im Internet geschrieben wird oder im Stadion einem hinterhergerufen wird.
Autor: Da sind wir auch bei der Verantwortung von Medien. Gregor, was sagt der Seelsorger dazu?
Bellin: Auf alle Fälle haben die Medien auch die Aufgabe, einmal ehrlich zu berichten, aber die Medien sind eben doch jederzeit in der Lage, Meinung zu machen, weil es ist immer die Frage, ob ich nur schwarz-weiß oder ob ich wirklich das Ganze haben möchte. Und da kann ich natürlich auch durch moralische Bewertungen bestimmte Richtungen herstellen. Die Sache ist ja immer die: In Kommunikationsmodellen, wenn wir beide miteinander reden oder wir drei, das, was ich sage, die Botschaft macht immer der Empfänger. Also muss ich mich klar ausdrücken, damit die richtige Botschaft ankommt. Und sonst kann ich nur sagen: "So war es nicht gemeint." Und dann wissen wir schon genau: Wenn's nicht so gemeint war, kann's nicht gut gewesen sein.
Autor: Damit sind wir dann auch bei der Verantwortung nicht nur von den Medien irgendwo weit weg, sondern von jedem Einzelnen.
Bellin: Jeder Einzelne hat ja die Verantwortung, damit selber richtig umzugehen. Das sieht man zum Beispiel auch im Stadion, wenn jetzt hier Marius als Torwart gerade danebengreift und da sagt einer: "Mensch, so ein Fliegenfänger!", dann ist das eine Momentsituation, die kennt er als Torwart. Aber der nächste Moment ist, dass ich auch sage: "Ich weiß, was er sonst für ein toller Torwart ist. Ich weiß, was er halten kann." Sonst wäre er zum Beispiel nicht U19-Europameister geworden, wenn er ein Fliegenfänger gewesen wäre. Also das eine ist, ist ein emotionaler Ausbruch, aber die grundsätzliche Wertschatzung, die muss immer stimmen. Und das ist eine Sache, die sowieso immer wichtig ist: Der Mensch, so wie er mir gegenübersteht, ihr beide zum Beispiel, ihr seid beide Ebenbilder Gottes und entsprechend habt ihr eine Würde und diese Würde darf ich nicht verletzen.
Wenn wir uns über ein Spiel streiten, Marius und ich, ist wichtig, dass wir anschließend zusammen Bier trinken können - weil ich mag ihn trotzdem und ich gehe davon aus, er mich auch, sonst hätte er sich nicht mit mir hingestellt.
Und das sind die Sachen, die wichtig sind.
Autor: Es geht um den Menschen, den Menschen Marius Gersbeck. Wir sind jetzt heute am Palmsonntag. Blick auf Ostern, die Karwoche steht vor der Tür.
Was bedeutet dir denn persönlich dieser Glaube? Was macht der Mensch, Marius Gersbeck, mit Ostern?
Gersbeck: Jetzt, wo man natürlich dann eigene Kinder hat, genießt man die Zeit auch mit den Kindern, versucht, es denen auch nahezubringen, auch ein bisschen kirchlich näherzubringen. Das kann man da natürlich gut machen, auch wenn's am Ende wahrscheinlich wieder so sein wird, dass sich über die Geschenke am meisten freuen, die sie finden werden. So ehrlich muss man auch sein. Und der Glaube an sich ist, glaube ich, sehr wichtig. Für jeden Einzelnen - muss er selbst entscheiden, in welchen Momenten er ihn braucht oder nicht. Ich habe ihn gesucht und gebraucht nach Verletzungen, nach... vor allem in schweren Zeiten, ist, glaube ich, meistens so, weil wenn alles gut ist, dann sieht man es meistens nicht und wenn es schlecht ist, sucht man irgendwo diese Zuversicht und die finden viele, unter anderem auch wir, dann im Glauben.
Autor: Wie feiert denn die Familie Gersbeck Ostern?
Gersbeck: Wir werden auf jeden Fall zusammen was Schönes essen und werden die Kinder dann noch draußen ein bisschen was suchen lassen und eventuell finden wir auch den Weg in die Kirche. Genau, vielleicht laufen wir uns ja sogar über den Weg.
Bellin: Genau.
Autor: Du hast mal im Interview gesagt: „Ich bete vor jedem Spiel und das ist keine Floskel." Was heißt das konkret? Warum machst du das und was bedeutet das für dich?
Gersbeck: Ja, man hofft ja natürlich, dann irgendwo noch ein paar positive Momente für das Spiel mitzunehmen, irgendwo Kraft zu schöpfen. Und deshalb tut es in manchen Momenten ganz gut. Ich mache es auch vorm Fliegen vor allem, wenn man doch irgendwie den Boden verlässt. Da kann ich mich dann immer am bewusstesten dran erinnern und hoffe, dass ich gesund und munter wieder ankomme.
Autor: Und die klassische Frage dann: Ist das der Fußballgott, den du da anfragst?
Gersbeck: Nee, also dadurch, dass ich so oft schon verletzt war, hoffe ich erst mal, gesund zu bleiben und zweitrangig ist dann, wie das Spiel endet. Wobei ich natürlich hoffe, dass wir jedes Spiel gewinnen.
Autor: Und auch der Seelsorger schüttelt kräftig den Kopf beim Stichwort „Fußballgott“.
Bellin: Den Fußballgott gibt's in der Hinsicht gar nicht. Auch wenn er damals in einer Arena mal benannt wurde, dass der Fußballgott es nicht gut gemeint hat. Aber es gibt ihn definitiv nicht. Der Gott, den Marius meint und den ich meine, ist Jesus Christus. Und das ist der Grund, weshalb wir diesen Palmsonntag, besser gesagt - sage ich jetzt als katholischer Christ - diese heilige Woche ja feiern, der Einzug in Jerusalem. Und dann kommen diese Tiefpunkte, der Karfreitag. Und da sind wir bei einer ganz wichtigen Erfahrung. Ich kann immer sagen - so diese wunderbare Floskel: Alles wird gut! Und wenn's noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht zu Ende. Das erleben wir: Nach menschlicher Erfahrung ist Karfreitag Feierabend, da ist Schluss. Aber Ostern ist der Auferstandene da. Und dieser Auferstandene, der von den Toten gegen alle Erfahrung auferstanden ist, der gibt mir Hoffnung und für Marius auch als Fußballer immer wichtig, als Christ: Ich darf hinfallen, aber ich habe auch die Botschaft damit: Ich kann und darf wieder aufstehen und kann dann wieder mich auf den Weg machen. Hat er oft genug gemacht und wenn jeder ehrlich ist, in anderen Fällen, muss nicht beim Fußball sein, ist es jedem schon mal so gegangen.
Gersbeck: Ich glaube, das war ein sehr schönes Ende. Hat sich sehr gut angehört.