Autorin
Es gibt Menschen, die fallen sofort auf, weil sie etwas tragen, das man eher selten sieht: ein Feuerwehrmann, vielleicht, eine Richterin in ihrer Robe oder ein Dominikanermönch in einem langen weißen Ordensgewand. Wenn Bruder Florian so eine Schule in Berlin oder Brandenburg betritt, dann ist das für viele Schüler der erste Kontakt mit einem Ordensmann und auch mit der Kirche überhaupt. Viele Menschen in Brandenburg kennen nämlich niemanden, der glaubt. Und dann steht da plötzlich ein Mönch. Warum du in Schulklassen gehst, darüber spreche ich heute mit dir. Florian, schön, dass du zu Gast im Studio bist.
Bruder Florian
Sabrina, danke für die Einladung. Ich bin gern hier.
Autorin
Du bist selbst Lehrer, besuchst aber auch Schulklassen - nicht um zu unterrichten, sondern ganz persönlich von deinem Leben im Kloster zu erzählen. Wie kam es denn dazu?
Bruder Florian
Richtig! Ich habe das vor allem auch bei meinen eigenen Schülerinnen und Schülern gemerkt, dass die sich interessieren, wie meine Lebensweise als Ordensmann ist und bin dann auch eingeladen worden von Kolleginnen und Kollegen beispielsweise in den Geschichtsunterricht. Und das ist eigentlich tatsächlich jetzt mittlerweile zu so einer Art Projekt ausgewachsen. Also ich werde jetzt richtig oft angefragt, das zu machen. Also in ganz Brandenburg bin ich eingeladen.
Autorin
Nimm uns doch gern mal mit. Du kommst da morgens in die Schule und dann bist du ja meistens der Erste, der im Klassenzimmer ist. Du bereitest alles vor. Dann geht die Klassenzimmertür auf, die Schüler kommen rein. Und was passiert dann als erstes?
Bruder Florian
Erstmal stelle ich mich vor, ich sage meinen Namen und dass meine Anrede Bruder Florian ist. Und das erkläre ich ein bisschen. Und dass ich vom Dominikanerkloster komme. Dann haben wir schon zwei Begriffe „Dominikaner“ und „Kloster“, die sind unbekannt. Und dann mache ich so ein bisschen einen Ausblick, dass wir uns das im Laufe der Stunde gemeinsam erarbeiten. Es gibt ja auch trotz allem, obwohl das hier ein sehr säkular geprägtes Gebiet, eine sehr säkular geprägte Region ist, doch allerhand an Vorwissen, was die Schülerinnen und Schüler mitbringen. Jeder weiß irgendwie irgendetwas. Und so arbeiten wir uns dann langsam vor, dass wir uns das erschließen. Was heißt das: ein Ordensmann, ein Mönch, ein Kloster. Was macht man da? Was ist eine Nonne? usw.
Autorin
Also, wenn ich an meine eigene Schulzeit denke, hätte damals plötzlich ein Mönch vor der Tür gestanden, hätten wir wahrscheinlich erst mal ein bisschen gekichert. Vielleicht hätte ich auf dein weißes, langes Ordensgewand geschaut oder auf den großen, dunklen Rosenkranz, den du am Gürtel trägst. Ein bisschen Ehrfurcht hätte ich vielleicht auch gehabt. Ich habe dich ja vor kurzem in eine Schulklasse begleitet, wie du das gemacht hast. Da hatte ich nicht das Gefühl, da gibt es viele Berührungsängste. Jemand hat dich auch gefragt: Was baumelt denn da an dem Gürtel? Und dann hast du den Rosenkranz abgenommen und hast den herumgereicht und dann hatten den alle mal in den Händen. Ist das deine Art, wie du Vorurteile abbaust?
Bruder Florian
Ja. Also tatsächlich ist es so: Es gibt natürlich Vorurteile, und ich würde sagen, Vorbehalte. Es ist natürlich auch total ungewohnt, dass jemand überhaupt von der Kirche kommt. Und dann ist es natürlich noch mal eine stärkere Form, sage ich mal als Ordensmann, wo man das dann auch noch mal direkt erkennt, dass da jemand sich schwerpunktmäßig in seinem Leben mit dem Glauben beschäftigt. Und tatsächlich ist es mir wichtig, dass ich den Jugendlichen erzähle, wie mein echtes Leben aussieht. Und so an meinem Ordensgewand hängt tatsächlich auch so ein Rosenkranz. Und das ist eigentlich recht praktisch. Den kann man leicht runternehmen und dann einfach einmal rumgehen lassen.
Autorin
Und was kommen denn so für Fragen von den Schülern?
Bruder Florian
Also, es kommen sehr unterschiedliche Fragen. Es kommen Fragen zu meinem Tagesablauf, beispielsweise wann man aufsteht, wie oft man sich zum Gebet trifft. All das beantworte ich, dass wir auch gemeinsame Zeiten haben fürs Essen oder auch für die Freizeit, dass wir uns dann zusammensetzen.
Autorin
Wann stehst du denn auf?
Bruder Florian
Etwa so gegen 6:00 stehe ich auf.
Autorin
Okay, Das ist ja noch normal.
Bruder Florian
Ja, das ist relativ normal. Und bei uns, muss ich sagen, das erkläre ich den Schülerinnen und Schülern auch immer, das ist relativ spät. Also unser Kloster steht ja mitten in der Stadt. Wir haben auch Angebote am Abend, wo wir Menschen einladen, ins Kloster zu kommen. Es ist nicht so wie bei Benediktinern, dass wir da so um 5:00 das erste gemeinsame Gebet hätten. Also Benediktiner ist eine andere Ordensgemeinschaft, ein anderes Kloster. Es gibt noch viele andere. Manche stehen sogar mitten in der Nacht auf und schlafen überhaupt nicht durch. Das geht bei uns nicht. Weil sonst könnte ich nicht in der Schulklasse stehen und übers Kloster erzählen.
Autorin
Dazu kommen wir später noch mal! Du sagst Missionieren will ich gar nicht. Aber was deine Ziele sind, darüber sprechen wir gleich. Jetzt hören wir erst mal Lotte und Max Giesinger mit “Auf das, was da noch kommt”.
Musik
LOTTE und Max Giesinger - “Auf das was da noch kommt”
Autorin
Willkommen zurück! Bei mir ist heute Bruder Florian zu Gast. Er ist Lehrer und Dominikanermönch. Florian, du besuchst Schulklassen nicht, um zu unterrichten oder eine Predigt zu halten, sondern du willst mit den Schülern ins Gespräch kommen. Gerade in Brandenburg, wo Religion für viele Menschen keine große Rolle in ihrem Leben spielt. Was ist denn dein Eindruck: Was beschäftigt die jungen Leute heute so am meisten?
Bruder Florian
Also, wenn ich jetzt einfach nur mal blicke auf meine Besuche in den Schulklassen, dann ist es so, dass ich sagen kann, das ist ja schon ein bisschen auffällig, dass Religion und Religiöses allgemein keine Rolle spielt, gesellschaftlich - oder wenig, sagen wir mal wenig. Denke ich. Das ist auch in den Schulklassen, bei den Schülerinnen und Schüler zum überwiegenden Teil so. Das ist zumal die Situation, wie sie ist. Was ich beobachte, jedoch, wenn ich komme, dass dann doch ein sehr großes Interesse besteht. Oder es werden immer wieder Fragen gestellt zu grundsätzlichen Aspekten des Glaubens. Also was versteht man unter Gott beispielsweise? Und das finde ich doch sehr auffällig. Das wir eigentlich so ein bisschen so eine Gesellschaft haben, die so mit der Religion fremdelt. Und auf der anderen Seite, wenn man da so ein bisschen ins Gespräch kommt und das anbietet, dann ist da doch ein relativ großes Interesse und eine Neugier da.
Autorin
Ich hab dich ja bei einem deiner letzten Schulbesuche in Brandenburg begleitet. Da kamen Fragen wie: Wie oft betest du? Darfst du überhaupt Urlaub machen? Warum hast du keine Familie? Aber wahrscheinlich steckt hinter diesen Fragen oft noch etwas anderes. Nicht: Wie lebst du als Mönch, das hast du ja auch gerade schon gesagt, sondern: Warum hast du dich überhaupt für dieses Leben entschieden? Ich meine, ein Schüler hat dich gefragt: Wann fängst du dann dein Privatleben an? Du hast gesagt: „Nee, das ist der Plan für mein ganzes Leben, bis zum Lebensende.“ Gibt es öfter solche Situationen, dass die Schüler richtig baff sind?
Bruder Florian
Sich mit so einem Punkt auseinanderzusetzen - das kommt nicht so oft jemand vor, der das mal zur Debatte bringt. Und das sorgt doch für Überraschungen. Wenn man sich die drei Gelübde anschaut, die man im Kloster ablegt - also den Gehorsam, die Ehelosigkeit, Keuschheit und die Armut, also Besitzlosigkeit - das sind die drei Gelübde, die man ablegt. Und das ist tatsächlich für viele auch befremdlich. Das ist schon so, dass ich das so wahrnehme von der Stimmung her. Und gleichzeitig verbinde ich das dann immer mit der Rückfrage, warum man denn das macht. Warum verzichtet man denn da auch auf ein Stück Freiheit, ja?
Autorin
Da gab es ja auch die Frage von einer Schülerin, meine ich, wie das mit dem Geld ist. Und dann hast du gesagt, dass ihr alle ein gemeinsames Konto habt.
Bruder Florian
Richtig. Also wir haben ein gemeinsames Konto und da hat jeder einen persönlichen kleinen Verfügungsrahmen, den kann er dann nutzen. Und wenn was besondere Anschaffungen sind, dann muss man das tatsächlich mit dem Hausoberen besprechen. Ich zum Beispiel bin ja als Lehrer tätig. Ich meine, ich gehe selber arbeiten, ich bin erwachsener Mann. Ich kann eigentlich unter normalen Umständen darüber entscheiden, was ich mit meinem Geld mache, wo ich lebe. Und so weiter und so fort. Und diese Entscheidungsfreiheit gebe ich natürlich ab, wenn ich ins Kloster gehe. Ja, und gleichzeitig ergibt sich dadurch dann eine andere Freiheit, eine neue Freiheit auf jemanden hin. Und das ist eigentlich immer so, wenn ich dann frage, warum man das eben macht, dann ist es eigentlich doch, nach kurzem Nachdenken kommt immer in allen Klassen diese Antwort: um frei zu sein für Gott.
Autorin
In deinem Projekt geht es ja auch darum, dass Schüler andere Lebensentwürfe kennenlernen und auch respektvoll miteinander ins Gespräch kommen. Viele Lehrer erzählen dir im Vorgespräch, das hast du mir erzählt, von einer zunehmenden Polarisierung unter Jugendlichen, von extremen Positionen, von immer weniger Bereitschaft, einander zuzuhören. Interessant finde ich, eigentlich erzählst du ja „nur“ - in Anführungsstrichen - von deinem Leben. Und trotzdem wird dein Projekt inzwischen sogar als Beitrag zur Demokratiebildung auch gewertet. Wie passt das zusammen?
Bruder Florian
Ja, so wie du es schon gesagt hast. Ich denke, das ist einfach ein Lebensmodell von vielen. Ist natürlich jetzt ein relativ außergewöhnliches Lebensmodell als Ordenschrist, aber gleichzeitig ist es so, dass ich denke, das ist ein Beitrag. Wenn die Schülerinnen und Schüler mehrere solche Lebensmodelle kennenlernen, dann sind sie einfach auch zur Auseinandersetzung mit der Vielfalt, die in unserer Gesellschaft auch gelebt werden will, herausgefordert, sich damit auseinanderzusetzen. Und ich denke, das ist ein guter Beitrag.
Autorin
Vielleicht braucht unsere Gesellschaft genau das wieder häufiger: Neugierig bleiben, Fragen stellen und einander erst mal zuhören. Wir hören uns und sprechen uns gleich weiter. Und jetzt hören wir aber erst mal Wincent Weiß mit “An Wunder”.
Musik
Wincent Weiß - “An Wunder”
Autorin
Vielleicht ist das Überraschendste an Bruder Florian gar nicht sein weißes Ordensgewand, sondern seine Überzeugung: Er glaubt an Gott. Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch. Florian, du bist Dominikanermönch und besuchst Schulen in Berlin und Brandenburg, um über deine Gründe zu sprechen, dich für ein Leben im Kloster zu entscheiden. Ich hab dich begleitet und hab mit ein paar Schülern gesprochen und sie gefragt, wie sie deinen Besuch fanden.
O-Töne Schüler:innen
Schülerin 1
Ich habe nicht damit gerechnet, dass man all seine Sachen auch abgeben muss, wenn man ins Kloster kommt.
Schüler 2
Dass man diesen… Ich weiß nicht mehr ganz, wie es hieß, dass man diesen Eid spricht, dass man für immer da bleibt. Es hat mich sehr überrascht.
Schüler 3
Wie die da leben, dass man wirklich so eine strikte Regel hat.
Schüler 4
Ich habe überhaupt noch nichts über Klosterleben gewusst, also hat mich sehr interessiert.
Autorin
Ich habe das Gefühl gehabt, die Schüler waren alle sehr offen und du hast alle Fragen beantwortet, meine ich. Gab es denn mal Situationen in der Vergangenheit, wo du gesagt hast: Da antworte ich jetzt nicht drauf.
Bruder Florian
Ja, das hat es schon gegeben. Das ist insgesamt eine Atmosphäre, alles zu fragen. Aber es gibt zum Beispiel auch Fragen, wenn ich gefragt werde, welche Partei ich zum Beispiel wähle. Ja, man kann diese Frage stellen. Natürlich, man kann jede Frage stellen. Aber ich denke, das müssen Schülerinnen und Schüler auch lernen, dass man sagt: Ich möchte darauf keine Antwort geben.
Autorin
Was ich echt stark fand, war: Es kam ja auch die Frage, ob du selber mal überlegt hast, aus dem Orden auszutreten, ob du selber mal eine Krise gehabt hast. Und da hast du sehr schön drauf geantwortet. Was hast du gesagt?
Bruder Florian
Diese Frage kommt tatsächlich auch immer wieder, also auch in dem Zusammenhang, ob man so eine Ordensgemeinschaft verlassen kann. Und meine Antwort darauf ist ja. Also prinzipiell kann man das schon machen, dass man auch eine Entscheidung, die man fürs Leben getroffen hat, aus unterschiedlichen Gründen hinterfragt, sei es als Ordensmann oder sei es, dass man verheiratet ist usw. Und das ist natürlich so, dass es immer Höhen und Tiefen gibt, im Leben wie auch in einer Beziehung. Das ist nicht geradlinig. Und was ich dann darauf immer sage und was also auch in Situationen, in denen es mir nicht so gut gegangen ist, was ich dann auch selber gemacht habe, ist, dass ich dann versuche, ins Gespräch zu kommen mit jemandem, dem ich vertraue. Also, dann gilt es auch ein bisschen darum zu kämpfen, wofür man sich entschieden hat und was am Anfang, wo man Feuer und Flamme war und begeistert war. Man darf sich dann so was, wie gesagt, auch in der Partnerschaft immer mal wieder erinnern und dann kann so ein Feuer auch wieder aufflammen.
Autorin
Ja genau. Ich meine, du hattest auch gesagt, so in einer Welt der tausend Möglichkeiten, wie ist es da, wenn man an der Entscheidung erst mal festhält und nicht gleich nach anderen Optionen schaut. Das fand ich schon stark und ist auch ein starker Gedanke, den man da mitnehmen konnte. Vielleicht nehmen die Schülerinnen und Schüler am Ende gar keine fertigen Antworten mit nach Hause, sondern einfach genau das, was du gerade gesagt hast, etwas viel Wertvolleres, nämlich die Erfahrung, dass man Fragen stellen darf. Fragen ans eigene Leben. Und vielleicht ist das auch ein schöner Wunsch für uns heute alle neugierig bleiben, auch denen Gegenüber, die anders denken. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen offenen Blick, gute Begegnung und einen schönen Sonntag. Hier kommt noch Silbermond mit “Leichtes Gepäck” und vorher noch vielen Dank an dich, Florian, dass du heute da warst.
Bruder Florian
Vielen Dank fürs Dabeisein. Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag und alles Gute.
Musik
Silbermond - “Leichtes Gepäck”