Ein Himmel mit dunklen Wolken, aus denen Lichtstrahlen durchscheinen. Die Wolken bilden eine Art Öffnung, durch die blauer Himmel sichtbar wird. Die Atmosphäre wirkt mystisch und friedlich.
05.04
2026
08:40
Uhr

Zwischen Sterben und Auferstehung

Was ist dran an Nahtoderfahrungen?

Ein Beitrag von Joachim Opahle

Um Sterben und Auferstehung Christi, darum geht es in den Kirchen an Ostern. Der christliche Glaube ist darauf gegründet, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist, sondern in den Himmel auferweckt wurde. Viele Gedanken und Phantasien ranken sich seither um das, was zwischen dem Sterben und einem möglichen Weiterleben nach dem Tod passieren könnte. Ein besonderes Phänomen sind die sogenannten „Nahtoderlebnisse“: Menschen, die schon fast gestorben waren, und dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen sind, berichten von eigenartigen Jenseitserfahrungen. Was ist dran an diesen Nahtoderfahrungen. Joachim Opahle hat sich auf ihre Spur begeben und einen Arzt und einen Pfarrer gefragt:  

„Plötzlich entstand ein explosives Glück. Ich verlor den Kontakt zu meinem Körper. Es war ein helles Wohlbefinden! Wie ein Sog in das große Glück….“ – mit diesen Worten beschreibt der schwerkranke und dem Tod geweihte Patient eine besondere psychische Erfahrung. Er war in die Klinik eingeliefert worden, hing schon an Schläuchen und Beatmungsgerät. Es ging um Leben und Tod. Doch dann passierte etwas. Der Mann sah nicht nur ein helles Licht, sondern hörte auch eine Stimme: „Deine Frau wird traurig sein!“ War er bereits tot? Konnte er nochmal zurück ins Leben kommen? 

Drei Männer stehen in einem Innenhof, sie diskutieren miteinander. Die Gebäude im Hintergrund sind aus rotem Backstein. Einer trägt ein grünes Weste, der andere ein Hemd mit Krawatte, während der dritte in einem roten T-Shirt ist. Der Platz ist mit Steinen gepflastert.

Was der 60jährige Patient beschreibt, ist als sogenanntes „Nahtoderlebnis“ bekannt, ein besonderer Bewusstseinszustand an der Schwelle des Todes. Das ist ein durchaus ernstzunehmendes Phänomen, sagt Andreas-Claudius Hoffmann. Er ist Chefarzt der Rehaklinik für Onkologie in Plau am See. Doch wann ist ein Mensch überhaupt tot? 

Dr. Andreas-Claudius Hoffmann: Ja, das ist ne gute Frage. Es gibt tatsächlich mehrere Phasen. Die klassische Phase, die ist auch schon lange bekannt, das ist der Herzstillstand; also das Herz hört auf zu schlagen. Und für uns Außenstehende ist der Mann tot, oder die Frau. Jetzt sind wir aber wissenschaftlich schon weiter und wissen, das ist gar nicht der Tod, sondern es gibt dann noch mal den Tod des Gehirns, der Hirntod. Das messen wir dann über ein EEG, und können dann eben feststellen, ob der auch wirklich gestorben ist, also ob die Hirnfunktion aufgehört hat, und nicht nur das Herz aufgehört hat zu schlagen. 

Ein Herz, das aufgehört hat zu schlagen, führt zum sogenannten „klinischen Tod“. Das Herz kann jedoch durch Erste Hilfe-Maßnahmen wieder aktiviert werden. Für das endgültige Sterben entscheidend ist erst der Hirntod, wenn wichtige Bereiche des Gehirns zum Beispiel infolge von Sauerstoffmangel irreparabel zerstört sind:

Dr. Andreas-Claudius Hoffmann: Und wenn der Hirntod eingetreten ist, dann ist auch keine Reanimation mehr möglich. Wenn der klinische Tod, so nennt man das, eingetreten ist, also nur das Herz aufgehört hat zu schlagen, dann ist noch der Mensch wiederbelebbar. 

Eine Präsentation mit dem Titel "Was erleben Menschen im Grenzbereich? – Die Top 10". Die Liste umfasst zehn Erfahrungen, darunter außerkörperliche Erfahrungen, klare visuelle und auditive Wahrnehmungen, Begegnungen mit anderen Wesen und ein Gefühl tiefen Friedens. Eine Quelle wird angegeben.

In dieser Phase zwischen klinischem Tod und Gehirntod können die sogenannten „Nahtoderlebnisse“ auftreten. Betroffene berichten von besonderen Glückserfahrungen, von hellem Licht und auch von Stimmen und Geräuschen. Sie erleben sich, als wenn sie sich außerhalb ihres Körpers befinden. Für den Arzt ein interessantes und wichtiges Phänomen, das in medizinischen Studien bereits seriös erforscht wurde: 

Dr. Andreas-Claudius Hoffmann: Absolut! Also nicht dass ich das jetzt in Plau (am See) beobachte oder selber anekdotisch erlebt habe, auch wenn mir Menschen das schon geschildert haben, sondern das sind sehr ernst zu nehmende, prospektiv erfasste Studien, die das sehr engmaschig überprüfen und kontrollieren; und tatsächlich in dieser Spanne zwischen klinischem Tod und Hirntod scheint es eine Phase zu geben, wo sich manche auf wie auch immer geartete Weise lösen können von ihrem Körper und auf einmal Fähigkeiten haben, die sie vorher gar nicht hatten, zum Beispiel die blinde Frau, die auf einmal beschreiben kann was passiert ist, wie die Sanitäter aussehen, wie die Autos aussahen, die am Unfallort waren usw. Das heißt: unabhängig davon, dass sie gar keinen Zugriff mehr hat durch ihr Gehirn auf Ohren, auf Augen, konnte sie das beschreiben, und ja, das nehme ich sehr ernst, das sind ernstzunehmende Studien, und das kann man tatsächlich auch wissenschaftlich fundiert glauben.

Menschen, die eine solche Nahtoderfahrung gemacht haben, berichten, sie seien in eine neue Sphäre des Bewusstseins vorgedrungen, wie wenn sie gerufen würden von einer geheimnisvollen Stimme. Gläubige beschreiben es so, als hätten sie in die geöffnete Himmelstür geblickt. Für den Mediziner Andreas-Claudius Hoffmann sprechen solche Erfahrungen dafür, dass es so etwas wie ein spezielles Bewusstsein geben könnte, das nach dem Tod des Körpers noch weiterlebt und für neue Erfahrungen zugänglich ist. Manche sagen auch, das ist „die unsterbliche Seele“ eines Menschen: 

Andreas-Claudius Hoffmann: Absolut, also das ist eben das Spannende, was ich also auch bei dem Thema so spannend finde, denn, wie gesagt, ich habe nur die wissenschaftliche Seite beleuchtet. Ich selber bin gläubiger Christ, aber hier geht’s nur um die wissenschaftliche Beleuchtung des Ganzen und ganz klar wissenschaftlich muss man jetzt konstatieren, als aktuellsten Stand der Wissenschaft: Ja, es gibt offensichtlich ein Bewusstsein, wie das dann jeder für sich nennt und wie er das kategorisiert, ist ja jedem überlassen, aber es gibt offensichtlich ein Bewusstsein, was jenseits des körperlich fassbaren und messbaren funktioniert und Dinge erfassen kann, sich an Dinge erinnern kann, auf Dinge zugreifen kann, sich bewegen kann, unabhängig vom Körper. 

Musik

Medizinische Studien aus allen Teilen der Welt haben gezeigt, dass es Nahtoderlebnisse in allen Kulturen und Religionen gibt. Sie sind auch ähnlich, egal ob jemand sich als religiös versteht oder nicht. Andreas-Claudius Hoffmann, Chefarzt einer Rehaklinik für Krebskranke, fasst die Ergebnisse der Untersuchungen so zusammen:  

Dr. Andreas-Claudius Hoffmann: Das ist einmal, dass sie außerhalb des Körpers diese Erfahrung haben, „Out-of-Body Experience“, dann haben sie ganz klare visuelle und auditive Wahrnehmungen, sie hören ganz klare Dinge, sie sehen ganz klare Dinge. Dann werden sie wie so bewegt, also sie können sich zwar auch aktiv bewegen, aber werden auch irgendwo hingezogen, das wird auch immer wieder beschrieben, und zwar dann immer auf eine Art Tunnel, Licht, wie auch immer. Und je nachdem ist das ja auch wahrscheinlich, wie lange dann die Nahtoderfahrung dauert, wie das Ausmaß dieser Erfahrung ist. Aber die, die eben das volle Ausmaß haben, die haben dann immer auch diese Begegnung mit einem weißen Licht oder einen tiefen Frieden und eine tiefe Klarheit, wird da beschrieben.

Man kann die Nahtoderlebnisse so deuten, dass der Mensch eine Seele hat, die unabhängig vom Körper existiert. Ein irgendwie gearteter Beweis für die Auferstehung ist das nicht, jedenfalls nicht aus medizinischer Sicht, sagt der Arzt. Er definiert sehr genau, wie weit sein wissenschaftlicher Bereich als Mediziner reicht – und wo die Schwelle des Glaubens an eine unsterbliche Seele beginnt: 

Dr. Andreas-Claudius Hoffmann: Die Kompetenz von mir endet da, ich denke aller Wissenschaftler, wo wir etwas nicht mehr messen können. Also wir als Wissenschaftler können uns ja nur auf das verlassen, was wir ganz klar mit dem Zentimetermaß oder irgendwelchen biologischen Methoden oder gentechnischen Methoden auf irgendeine Weise nachweisen, messen können, irgendwie Maß und Zahl formen können. Wenn wir das nicht mehr machen können, dann können wir nur konstatieren: da ist irgendetwas, aber das können wir nicht messen oder beweisen. Mehr können wir nicht sagen. Und da fängt dann die Tätigkeit des Theologen an, der dann eben sagen würde: ja klar, wir haben eben eine Seele, darum geht’s ja in allen Religionen tatsächlich, dass wir ne Seele haben, genau. 

Neben aller wissenschaftlichen Nüchternheit ist der Klinikchef aus Plau am See aber auch offen für Phänomene, die jenseits medizinischer Erkenntnis liegen. Er sagt: Die Kompetenz des Mediziners beim Sterben endet mit einer Einladung zum Staunen

Dr. Andreas-Claudius Hoffmann: Absolut! Und das schon eben mein ganzes Medizinerleben lang. Schon seit ich denken kann und medizinisch mit Menschen arbeite, gibt’s immer wieder Momente zum Staunen, auch heute noch, in jedem Gespräch. Es gibt so tolle Erlebnisse, die Menschen machen. So tolle auch medizinische kleine Wunder, die passieren, kleine und große Wunder, die nicht erklärbar sind; die wider alle Vernunft passieren, wo sie nicht ganz genau sagen können, so läuft das, wie bei nem Automaten: ich programmiere das und das, und genau so klappt das immer. Da kommt so ne menschliche Komponente rein, die können sie nicht erklären. 

Musik: Christ ist erstanden

Vier Männer stehen im Gespräch zusammen. Einer trägt einen Anzug mit Krawatte, während die anderen informell gekleidet sind. Sie wirken engagiert im Austausch und stehen vor einer hellen, Fachwerkhaus-Fassade.

Dass jeder Mensch eine unsterbliche Seele hat, davon ist Pater Harold Bumann überzeugt. Der katholische Pfarrer von Wittstock an der Dosse beschreibt sie so: 

Harold Bumann: Die Seele ist unter anderem etwas, was zum Beispiel die Phantasie macht; die Seele kann zum Beispiel gewisse Konzepte entwickeln, also wenn ich etwas gesehen habe, kann ich daraus Schlussfolgerungen ziehen. Also jeder Mensch hat letztendlich eine Seele und wir glauben daran, dass wir eine Seele haben, die ewig lebt.

Wenn ein Mensch stirbt, verlässt die Seele den Körper. Für sie beginnt eine neue Phase, eine Art himmlisches Gericht, davon ist der katholische Pfarrer überzeugt. Die Nahtoderlebnisse sind für ihn ein Hinweis darauf, dass die Seele existiert:

Harold Bumann: Wenn jemand stirbt, dann wissen wir, der Körper der verwest, auf dem Friedhof oder wo auch immer, und die Seele kommt jetzt vor das persönliche Gericht. Nahtoderfahrungen sind für mich ein Entgegengehen zu diesem Christus, der unser Richter sein wird, und die Seele wird nach dem Tod dieses große Licht sehen. Man wird sich selber sehen, wie weit habe ich jetzt dieser Liebe entsprochen in meinem Leben, oder wie weit habe ich eben nicht entsprochen. Der erste Moment nach unserem Tod wird dieses persönliche Gericht sein.

Am heutigen Ostertag feiern Christinnen und Christen in den Kirchen die Überwindung des Todes und ein ewiges Weiterleben der Seele bei Gott. Oder einfacher gesagt: ein Wiedersehen im Himmel. Pater Harold Bumann ist überzeugt davon, dass auch für ihn dort ein Platz bereitet ist: 

Harold Bumann: Ich habe große Hoffnung dazu, wobei mir eben immer wieder bewusst ist, dass wir immer wieder auch gegenüber uns selber sehr kritisch sein müssen und immer wieder vergleichen sollen mit Jesus Christus. Aber es soll nicht die Angst vorherrschen, dass wir dieses Ziel nicht erreichen. Wir sind alle eingeladen, Jesus Christus immer mehr zu imitieren, jeder ist da frei, kann das machen oder nicht. Und ich habe die große Hoffnung, dass ich in den Himmel kommen werde, das sicher. Aber ich kann heute nicht mit Bestimmtheit sagen, wenn jemand stirbt, wohin er geht. Das wäre Anmaßung der Kirche, und das machen wir bewusst nicht, das ist sehr wichtig.