Ein kleiner, moderner Holzbau steht neben einer alten Backsteinkirche. Eine Person arbeitet an der Außenseite des Bauwerks. Im Hintergrund ist ein Lieferwagen geparkt. Die Szene zeigt einen Kontrast zwischen neuem und historischem Architekturdesign.
19.04
2026
08:40
Uhr

Was braucht die Region?

Barbara Manterfeld-Wormit im Gespräch mit Simon Klaas, Pfarrer in Forst i.d. Niederlausitz

Barbara Manterfeld-Wormit (Bmw):

Bei mir zu Gast ist Simon Klaas, er ist Pfarrer in Forst in der Niederlausitz. Seit fünf Jahren mittlerweile schon. Das heißt, Sie kennen die Region schon richtig gut. Herr Klaas, was würden Sie jemandem empfehlen, der das erste Mal dahin kommt? Was sind so die zwei, drei schönsten Orte?

Porträt eines Mannes mit Brille und leichter Stoppelbart. Er trägt ein dunkelblaues Sakko über einem gestreiften Oberteil. Der Hintergrund ist hell, was den Fokus auf sein freundliches Gesicht lenkt.

Simon Klaas (SK):

Forst ist natürlich berühmt für seinen Rosengarten, ein sehr großer Rosengarten, schon über 100 Jahre alt, der sich natürlich in der Saison lohnt zu besichtigen. Forst hat mich immer fasziniert aufgrund seiner wechselhaften Geschichte. Forst war mal eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands bis zum Zweiten Weltkrieg, berühmt für seine Textilproduktion. Das Erbe dessen sieht man auch immer noch. Also es ist wirklich eine Reise wert, und wir haben auch wieder ein wunderschönes neues Museum, was diese Geschichte beleuchtet - natürlich auch die Wunden der Geschichte und ein ganz besonderer Ort für mich ist da immer die Neiße, die auch Grenze ist zwischen Polen und Deutschland und dort eben immer noch einige Brücken und eben auch die große innerstädtische Brücke, damals innerstädtische Brücke von Forst, immer noch in Trümmern liegt und das sieht man glaube ich auch nicht mehr so oft in Deutschland, diese Narbe des Krieges.

Bmw:

Und die liegt ganz bewusst in Trümmern auch, also als Mahnmal oder weil schlicht das Geld fehlt sie wieder aufzubauen?

SK:

Es gab immer wieder Initiativen, diese Brücke wieder aufzubauen. da war ich am Anfang meines Pfarramts in Forst auch relativ aktiv. Also wir haben uns da wirklich auch für eingesetzt, auch zusammen mit polnischen Bürgerinnen und Bürgern von der anderen Seite, weil das macht schon einen Unterschied, man eben aus der Stadt raus muss, um rüber zu fahren und das tut man dann eben eher im Auto, als wenn man so eine Brücke hat, man auch mal mit dem Fahrrad oder zu Fuß rüber gehen kann. Natürlich heißt es immer, da drüben ist nichts. Das ist natürlich nicht wahr, aber klar, der alte Stadtteil von Forst, der Hiesberge, der dort stand, ist vollends zerstört. Aber wo keine Brücke ist, kann auch nichts entstehen.

Bmw:

Das ist vielleicht eine ganz gute Beschreibung auch für den Beruf, den Sie gewählt haben. Als Pfarrer ist man ja auch so ein kleines bisschen Brückenbauer oder bemüht sich zumindest, welche zu schlagen zwischen den Menschen.

Sk:

Ich meine ja, das Forstergymnasium bietet polnisch Unterricht an. Aber es erstaunt mich immer wieder, wie wenig auch, gerade eben wenn ich mit Jugendlichen zu tun habe, wie wenig sie von Polen gesehen haben von der anderen Seite. Also immerhin liegt da ja zum Beispiel nicht weit weg zum Beispiel auch das Schloss des Grafen Brühl, also auch meine Stadtkirche, die Hauptkirche unserer Gemeinde ist ja ein Bau unter der Ägide von Graf Brühl. Und es gibt viele, die waren noch nie in diesem Schloss. Und von daher, ist Luft nach oben, glaube ich, was den Austausch zwischen Polen und Deutschland angeht. Aber auf Verwaltungsebene gibt es da immer mehr. Und es gibt auch wirklich Menschen, die da sehr engagiert sind im deutsch-polnischen Dialog, auf jeden Fall.

Ich persönlich, das hat natürlich mit meinem Lebensgefährten zu tun, hab auch immer mit dem Niedersorbischen zu tun. Und das ist da in der Region zumindest auch auf den Ortsschildern immer sichtbar. Also bei mir in der Gemeinde gibt es ja das abgebaggerte Dorf Neuhorno. Das würde ich sagen, das hat noch eine gewisse wendische Tradition. Da gibt es dann zum Beispiel das sogenannte Zampern bei der Fasnacht. Solche Sachen, solche Traditionen.

Bmw:

Jetzt haben Sie es mit dem abgebaggerten Dorf Hornow schon angesprochen: Es ist ja auch eine Region, die wirklich eine ganze Menge erlebt und auch erlitten hat. Welche Rolle spielt das heute im Lebensgefühl? 

SK:

Es gibt wirklich ganz tolle Menschen, die wahnsinnig viel bewirken wollen.  Ich glaube, Menschen von außen, auch gerade aus Großstädten, sind immer wieder erstaunt, wie viel Veranstaltungen, Vereine, Kultur und so weiter es gibt. Und gleichzeitig ist wahr, dass es wahnsinnig viel Frust und Resignation auch in der Region gibt. Forst ist eine gebeutelte Stadt. Wenn man es betrachtet, ist dieser Niedergang von dieser großen Textilmacher-Tradition völlig deindustrialisiert. Natürlich gibt es all diese Arbeitsplätze nicht mehr. Die Kohle und der Ausstieg aus der Kohle waren eine Retraumatisierung in bestimmten Kontexten.

Aber ich habe schon das Gefühl, dass der Strukturwandel wieder positiver besetzt ist. Also dass es da eben nicht mehr nur um den Blick auf das, verloren gegangen ist, gibt, sondern durchaus auch der Blick nach vorne in die Zukunft. Cottbus spielt da natürlich eine große Rolle. Aber ich habe schon das Gefühl, dass Forst grundsätzlich auch davon profitieren möchte und profitieren will von all den auch den Strukturwandelgeldern, die ja wirklich in erheblichem Maße in die Region fließen. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel große Probleme im Gesundheitswesen. Wir finden ganz viele Fachkräfte nicht dort oder auch im Schulbereich.

Bmw:

Daran ändert auch nichts, dass nicht die Lausitzer Seenlandschaft mehr. 

SK:

Der sogenannte Ostsee wird ja jetzt gerade gefüllt östlich von Cottbus. Da soll ja auch mal so was draus werden, aber das dauert eben alles.  ja, ich merke schon, da ist viel Frust da und das spiegelt sich natürlich in den politischen Überzeugungen auch wieder. 

BMW:

Was meinen Sie, was brauchen Menschen, die da leben, gerade die jungen Leute auch, zu denen Sie ja auch Kontakt haben in Ihrer Kirchengemeinde? 

SK:

Ich hatte, als ich mal eine Oberstufenklasse hatte, im Forstergymnasium, wo ich Religionsunterricht gegeben habe, habe ich mal gefragt, wie viele von euch bleiben denn eigentlich oder wo geht es jetzt weiter? es ist eben ganz klar, dass über zwei Drittel wirklich die Region erstmal verlassen. Das mag erstmal für die Ausbildung sein, aber ich glaube, es ist nicht ausgemacht, dass sie zurückkommen. Ich denke, das hat was mit Perspektive zu tun, ganz klar. Kann ich mich beruflich verwirklichen? Kann ich hier, finde ich hier, eine Möglichkeit, meine Familie sozusagen aufzubauen? Grundsätzlich würde ich sagen, sind da aber viele Weichen richtiggestellt. Also da bewegt sich ja ganz viel. In Cottbus wird eine medizinische Hochschule aus dem Boden gestampft. Ja, da ist wirklich Bewegung. Es gibt, glaube ich, so eine Unsicherheit, ob diese Projekte und dieses Investment in die Zukunft, ob das wirklich tragen wird. 

Bmw:

Was kann Kirche dazu beitragen?

SK:

Ich bleib mal bei dem Brückenbauer-Bild, weil das ist, glaube ich, ganz notwendig, gerade wenn es darum geht, Menschen, neu dazukommen, mit Menschen, die schon immer dort sind, miteinander in Kontakt zu bringen. Gerade auch der Fachkräftemangel, der lässt sich ja nicht mehr beheben ohne Menschen, die auch zuwandern, auch von weit her. Und gleichzeitig...

Bmw:

Da steht die Region auch nicht alleine da…

SK:

Nee, da steht die Region auch nicht alleine da. Gleichzeitig gibt es natürlich einfach eine große Unterstützung für die politischen Kräfte, die sagen: Wir wollen keine Zuwanderung. Und das ist nicht leicht, da die Menschen zusammenzubringen. Und ich merke auch, in der Kirchengemeinde sind wir einerseits bisschen Insel der Glückseligen, wo auch die Menschen sind, die was wollen, die offen sind, die wirklich auch an einem Gemeinwesen interessiert sind. Auf der anderen Seite merke ich aber auch, es ist absolut notwendig, immer wieder auch die Menschen und die Gruppen eben an den Tisch zu bekommen, die das Gefühl haben, dass mit ihnen nicht geredet wird oder die das Gefühl haben, dass sich ihre Heimat so sehr verändert, dass sie sie nicht wiedererkennen.

Aber trotzdem, glaube ich, darf man da nicht aufgeben. Man muss immer wieder seine Türen öffnen. Und ich glaube, ganz wichtig auch für eine Art von Stabilität zu sorgen, dass Kirche da ist, dass Veranstaltungen stattfinden, dass liebgewonnene Traditionen beibehalten werden, dass nicht alles nur, dass sich nicht eben alles verändert. weiß nicht, zum Beispiel, also einer unserer Vorgänger hatte eben einen Biker-Gottesdienst, den er sehr erfolgreich da umgesetzt hat. Das war dann zum Erliegen gekommen und ich und mein Kollege hatten immer gesagt, das ist nicht unser Ding, wir sind keine Biker. Aber dann war der Wunsch so groß, ich dann gesagt habe, okay, ich mach das.

Bmw:

Das heißt, Sie haben einen Motorradführerschein gemacht?

Sk:

Nee, so weit ging es dann nicht. Aber ich habe dann gesagt, ich setze mich in so einen Beiwagen und fahre mit Kirchenfahne nach dem Gottesdienst mit.

Musik The Road to Hell Part 2 perf.: Chris Rea (Gesang ab 0:45)

Bmw:

Bei mir zu Gast ist Simon Klaas. ist Pfarrer in der Niederlausitz in Forst und ich möchte mit ihm sprechen über ein Projekt, was jetzt in Kürze startet. Im Mai geht es los und da werden sie mit einem Tiny House durch die Gegend fahren. Nicht nur durch Forst, sondern auch durch etliche andere Orte, und es geht um eine spannende Frage, nämlich was ist mir, was ist dir heilig? Wie sind Sie auf dieses Projekt gekommen, Herr Klaas? Und was erwartet die Menschen, wenn Sie dieses Tiny House plötzlich durch Ihren Ort, Ihre Stadt rumpeln sehen? 

Sk:

Ja, also da kommen sozusagen zwei Herzensprojekte zusammen. Das eine ist eben das Tiny House, was aus einer früheren Beschäftigung in Berlin entstanden ist, was sich mit dem Architekten van Bolle-Mentzel vor einigen Jahren in Wittenberg gebaut habe. Hat mich einfach fasziniert so ein Raum. Für mich war es immer ein Gemeinschaftsraum, durch den man mobil ist, mit dem man durch die Gegend fahren kann.

Also es war so am Anfang, wo ich dachte, es könnte Richtung Pfarramt gehen, wo ich so dachte, so was wäre doch genial für die Gemeindearbeit. Ist dann in Corona ein bisschen unpopulär geworden als zu kleiner Raum. Aber jetzt habe ich es eben quasi wiederentdeckt.  Und das zweite Herzensthema ist der interreligiöse Dialog. In Brandenburg ist es natürlich nicht so einfach, überhaupt die Partnerinnen und Partner zu finden, die an interreligiösem Dialog,

bmw:

Juden, Jüdinnen, Christen…

SK:

Muslime, und Bahai und natürlich auch über die Konfessionsgrenzen, also Katholiken, evangelische Freikirchen und so weiter.

Es gab aber ein kleines Netzwerk im interreligiösen Dialog in Brandenburg. Das nannte sich „Anders als du glaubst“. Das ist ein bisschen eingeschlafen, aber die Menschen, die damals aktiv waren, die gibt es natürlich noch.  ich hatte dann die Idee, dass wir vielleicht dieses Thema, also Religion im ländlichen Raum, dass man sich jetzt wirklich mit den Themen der Religion und auch den anderen, fremden Religionen beschäftigen möchte. Das ist nicht unbedingt naheliegend. Und da kam dann so ein bisschen das Tiny House zu Hilfe und ich sagte: Okay, dann lass uns doch mit diesem Thema zu den Menschen in die Orte fahren.

Dieses was ist mir heilig, da würde man vielleicht auch andere Worte nutzen, aber das ist der Aufhänger. Was ist mir besonders wichtig? Was ist kostbar für mich? 

Bmw:

ist nicht verhandelbar…

SK: Und das wollen wir eben wirklich erfahren. Also wir haben eine Strecke: Wir fangen eben bei einer jüdischen Künstlerin und einer jüdischen Kantorin in der Nähe von Beelitz an, mit denen ich schon viele Jahre zusammenarbeite und reisen dann über den Spreewald nach Cottbus und Forst.

BMW:

Und das heißt, das Tiny House kommt und wird dann in Cottbus auf dem Marktplatz geparkt oder wie kann ich mir das vorstellen? Also so, dass die Leute quasi mit der Nase drauf gestoßen werden und dann können die reingehen oder sie kommen raus, wenn das Wetter schön ist und man kommt ins Gespräch?

SK:

Genau. Und um das Tiny House gibt es natürlich vieles zu entdecken. Diese Frage eben: Was ist dir heilig? -  die soll auch dazu einladen, eben wirklich vielleicht auch etwas mitzubringen, ein Objekt, was einem heilig ist und dann dokumentieren wir das und am Ende gibt es eine Ausstellung im Forster Museum, wo man dann noch mal irgendwie gucken kann, was wir da so an Antworten auf diese Frage gefunden haben. da lade ich alle einfach ein, hinzukommen. Da kriegt man einen Kaffee oder einen Tee oder kommt ins Gespräch und gibt auch verschiedene andere Interaktionsmöglichkeiten. Wir haben eben auch immer wieder tolle Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Religionen und Kulturen eingeladen, die eine Lesung machen, die einen Kalligraphie-Workshop anbieten. In Forst machen wir sogar einen interreligiösen Gaming-Workshop, also für Jugendliche sozusagen am Computer. Oder es gibt ein interreligiöses Konzert auch in Forst zum Abschluss. Also wir versuchen eben wirklich auf verschiedenen Ebenen alle Sinne der Menschen irgendwie anzusprechen, um über dieses Thema, was wirklich das Innerste eben von Religion, aber vielleicht auch von Menschsein berührt, zu den Menschen zu bringen.

Bmw:

Ein tolles Projekt, Herr Claas. Wünsche ich Ihnen ganz viel Erfolg. Wann startet es genau und wo kann ich mich informieren, damit ich auch weiß, wann, wo, das Haus und sie anzutreffen sind?

SK:

Wir sind unterwegs vom 2. bis zum 10. Mai und alle Informationen finden sich auf unserer Webseite www.holy-flow.org. Also holy wie heilig - minus flow, wie das Fließen der flow.org.

Bmw:

Wunderbar. Und ganz zum Schluss dürfen Sie sich eine Musik aussuchen, Herr Klaas. Darüber haben wir im Vorfeld nicht gesprochen, aber ich weiß, dass Sie gerne tanzen. Und tanzen ist ja auch eine Art, im Flow zu sein. Gibt es eine Musik, die Sie besonders mögen?

SK:

Tanzen wird man dort übrigens auch können bei unserem Holy Flow Festival und zwar in der Kirche, in der Oberkirche in Cottbus.

Bmw:

Kann ich sehr empfehlen: Ein toller Raum - mit viel Platz.

SK:

Mit viel Platz! Die Stühle kann man zur Seite stellen und hat dann dort alle Möglichkeiten, sich frei zu bewegen. Also herzliche Einladung auch zu unserem freien Tanz in die Oberkirche zu kommen!

BMW:

Was für eine Musik? Welche würden Sie da spielen? Vermutlich nicht die Orgel.

SK:

Nee, das stimmt. Also ich liebe, glaube ich, ich liebe Bossa Nova. Einfach einer, der mich immer wieder zum Bewegen und Tanzen bringt, ist „The Girl from Ipanema“.

Bmw:

Das ist doch ganz wunderbar. Das nehmen wir. Herr Klaas, ganz herzlichen Dank. Alles Gute für Ihre Arbeit und viel Erfolg bei Ihrem Projekt. 

SK:

Vielen Dank.

Schlussmusik Girl from Ipoanema – perf. Amy Winehouse