Die Aufnahme zeigt eine Kirche mit einem hohen Turm und gelber Fassade, umgeben von kahlen Bäumen und Autos. Die Stimmung ist urban und etwas graufärbig, was auf eine kalte Jahreszeit hinweist. Einige Fahrzeuge parken in der Nähe der Kirche.
14.12
2025
10:00
Uhr

3. Advent aus der Luisenkirche

"Bereitet dem Herrn den Weg – denn er kommt in die Wüste eures Lebens"

Mitwirkende:
The English Choir Berlin, Leitung William Peart  •  Jack Day, Orgel und Klavier  •  Elham Hamedi, Kamantsche
Charles du Vinage, Lesungen  •  Pfarrerin Anne Hensel, Liturgie und Predigt

 

Predigt 
Zu Weihnachten muss alles aufgeräumt sein. Bei mir ein klares Muss! Bei Ihnen auch?  Bei mir war das schon als Kind so.
„Naja, vielleicht wenigstens einmal im Jahr“, mögen meine Eltern gedacht haben… und vor allem meine Omi, die zu Weihnachten immer zu Besuch war und zu Hochform auflief und das für sehr wichtig hielt. 
Meine Methode sonst war einfach: alles in den Schrank und den dann mit Tesafilm zukleben, damit er ja zu bleibt. 
Das funktionierte aber an Weihnachten nicht, auch vor mir selbst nicht. Sonst kommt das Christkind nicht…  sonst wird nicht Weihnachten!, wurde mir gedroht. Das hat damals gewirkt – und mich auch ein bisschen eingeschüchtert.
Auch unter erwachsenen Menschen gelten solche Regeln manchmal. Nicht nur, wenn die Schwiegermutter kommt. Das Aufräumen und Putzen und Herrichten gehört für viele zum Vorweihnachtsritual oder zum Adventsstress. Positiv wie negativ. Es ist ja auch ein schönes Gefühl, wenn alles glänzt. Zu Weihnachten soll es „in Ordnung“ sein, außen wie innen. Zu Weihnachten wollen wir Frieden und Harmonie auf allen Ebenen.  Zumindest wünschen wir es uns – wenigstens ein paar Tage lang.
Und dann kommt da so ein Johannes daher und beschimpft mich. Johannes der Täufer ist keiner, der sich für Weihnachtsstimmung interessiert. Der beschreibt zwar auch eine Vorbereitung, aber in sehr unsanftem Umgangston. Völlig gegen mein vorweihnachtliches Harmoniebedürfnis. Otterngezücht, nennt er mich. Schlangenbrut, heißt es in einer anderen Übersetzung. Wenn ich mir dieses Schimpfwort, das im Übrigen auch in unserer Bibel singulär ist, näher ansehe, wird es nicht besser. Die Schlange gilt als falsch, als giftig, als hinterhältig.  Und von einer solchen soll ich also abstammen – Schlangenbrut - , das wäre sozusagen meine Familie – was würde meine Weihnachtsomi wohl dazu sagen?? ...  
Johannes legt sogar noch mal nach: Es sei ihm ganz egal, ob seine Zuhörer von Abraham abstammen, also aus allerbester Familie; von ihm aus könnten sie aus Steinen gesprungen sein. Deine Herkunft macht dich zu keinem besseren Menschen. Ob du Charlottenburger bist oder Schwabe, Amerikaner oder Armenier, Evangelisch oder Katholisch, Muslim oder Buddhist, Adel oder Arbeiter... Entscheidend ist nicht die Herkunft. Entscheidend ist dein Handeln. Entscheidend ist nicht, woher du kommst, sondern was du tust. Leider machen wir in der Realität oft andere Erfahrungen. Ich meine nicht nur das racial profiling oder die Benachteiligung bei Wohnungssuche oder Bewerbungen, oder die Bildungschancen für Kinder und Jugendliche. Gerade die soziale Herkunft, also doch das Elternhaus, entscheidet in Deutschland oft wirklich vieles, immer noch. Hier könnte man den Ärger von Johannes wirklich teilen, auch ohne sich persönlich angegriffen bzw. angesprochen fühlen zu müssen – die meisten von uns zumindest.
Es bleibt aber daneben die Frage: was heißt das nun für mich persönlich? 
Es kann ja nicht nur ein Aufregen über andere, über die politische Situation, und ein Fremdschämen sein. 
Gehen wir mal zurück zum Setting des Textes.
Wo ist er denn eigentlich, der Johannes, als er das sagt? Wohin gehen die Leute, um ihn zu hören? 
In die Wüste. An den unfreundlichsten und unwirtlichsten Ort also, den wir uns vorstellen können. 
Lebensfeindlich. Hitze und Kälte im Extrem. Steine und Sand. Das absolute Gegenbild zum hyggeligen Weihnachtszimmer. 
Kein Kerzenschein, kein Tannenduft, keine Lichterkette.
Ein Ort, wo sich kaum jemand freiwillig aufhalten würde. 
„In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg“ – so heißt es eigentlich. 
Also nicht nur der Prediger, der Mahner ist dort in der Wüste, sondern: ihr sollt, wir sollen dem Erwarteten dort einen Weg bereiten. 
Und jetzt komme ich ins Überlegen. 
In meiner Wüste? Was ist denn das bei mir? Was ist der lebensfeindliche, der unwirtliche, der ungemütliche Teil meines Lebens? 
Der steinige und sandige Bereich, wo nicht schön aufgeräumt ist? Wo Hitze und Kälte und Dürre herrschen? 
Den ich auch nicht präsentieren möchte? (Das ist nicht das unaufgeräumte Kinderzimmer oder der zugeklebte Schrank.)
Und genau dorthin — dorthin will er kommen? ER? 

Zieh in mein Herz hinein, hinein vom Stall und von der Krippen, haben wir gesungen. 
Ist mein Herz denn die Wüste? Ich glaube nicht. Das Herz ist das Ziel des Weges, und die Wüste ist vielleicht der Weg dorthin. 
Auf dem ist ER. Advent heißt Ankunft. Weihnachten steht vor der Tür… 
(Seufzen) Was muss bis dahin noch alles passieren! Aufräumen! Da liegt einiges im Weg – IHM im Weg und mir im Weg... 
Es ist nicht wüst und leer, sondern eher wüst und voll. 
„Macht die Wege eben“, ruft Johannes. Die Berge und Hügel sollen weg und die Täler auch… Vor meinem Auge sind da so einige. 
Berge von Arbeit. Oder Schuttberge, die noch abgetragen werden müssten. 
Schuttberge, wie die ganz buchstäblichen: Überreste von Abrissarbeiten oder aus Kriegen, die jeder von uns geführt hat – im eigenen Leben. Welche Kriege habe ich schon ausgefochten, wieviel Schutt haben sie hinterlassen? Altlasten sozusagen. 
Was hab ich da bei mir noch rumliegen? An alten Lasten oder Lastern? 
Oder gibt es Schuldenberge? 
Von den Müllbergen ganz zu schweigen: Nicht mehr Benötigtes. Oder Abfall. 
Etwas, was ich entsorgen müsste…. oder: wovon ich mich entsorgen müsste. Welche Sorgen sind wirklich überflüssig? 
Das sind Berge, auf die ich wirklich verzichten kann. Aber ich muss sie aktiv abtragen, sie verschwinden meistens nicht von selbst. 
Und rein in den Schrank und Tesafilm drüber klappt auch nicht. Das ist nicht wirksam, und vor allem nicht nachhaltig. 
Harte Arbeit auf dem Weg durch die Wüste, durch meine Wüste, auf dem Weg auf Weihnachten zu. 
Und dann gibt es ja auch noch die Täler. Das, was also zwischen den Bergen ist. Zwischen den Höhen, auch den positiven. 
Tiefergelegtes oder Tiefstapeleien. Unterschätztes, was du mal erhöhen, also wertschätzen solltest. 
Guck genau hin! Verschaff dir einen ehrlichen Überblick. 
Über die Tiefpunkte deiner Existenz und deine Spitzenleistungen. Über die Aufstiegschancen und die Abstürze. 
Ich glaube nicht, dass wir da alles auf Null setzen müssen oder einebnen. 
Nein, aber bewusst machen: Klar und erkennbar sollten sie für mich sein. 
Und dann kann ich mich schon kritisch fragen: Welche Höhen und Tiefen sind Gott im Weg, wenn er zu mir kommen will? 
Oder mir auf meinem Weg zu Gott? Welcher Hochmut und welche Tiefstapelei? Wo bin ich mir zu niedrig, und was ist mir zu hoch? 
Wo erhöhe ich mich selbst, oder werde erniedrigt? Welches Niveau ist angemessen? 
„Macht seine Wege eben“. In der Musiksprache heißt das mit dem schönen italienischen Wort: „piano“, plan also. 
Piano heißt nicht leise, sondern ebenmäßig, gerade, nicht rau und uneben. „Piano, piano“ ist auch die Aufforderung zu Ruhe und Ausgeglichenheit. Gegen Hektik und Stress und Überforderung, ein kleiner Reminder für die Adventsbotschaft mal innezuhalten. 
Kennen Sie Beppo Straßenkehrer? (aus dem wunderbaren Momo-Buch von Michael Ende). 
Piano, piano, höre ich ihn sagen, diesen italienischen Aufräumer. Mit einer wunderbaren persönlichen Ruhe: Schritt, Atemzug, Besenstrich. So fegt er die Straße, so macht er den Weg eben, sauber, bereitet vor… 
Liedansage
„Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast…“

„Ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, das kann sich recht bereiten, zu dem kommt Jesus Christ.“
Er kommt. Jetzt müssen wir wirklich dringend den roten Teppich ausrollen für den großen Gast. 
So ein roter Teppich ist nämlich wunderbar geeignet, um darunter noch einiges verschwinden zu lassen, was wir nicht aufräumen können. Er gleicht auch Unebenheiten des Bodens aus, allerdings nur kleinere. Keine großen Berge und tiefen Täler. 
Aber kleine Kanten oder Macken, Flecken oder Fehlstellen lassen sich damit wunderbar kaschieren.
Warum dieser Teppich rot ist? Rot ist nicht nur eine Weihnachtsfarbe, sondern es ist die Farbe der Liebe. 
Mit der kann man auch sehr viele Unebenheiten ausgleichen, Macken oder Kanten, Flecken oder Fehlstellen – so vieles, was bei mir und bei anderen nicht aufgeräumt ist… wenn ich mit Liebe darauf sehe und all das mit Liebe zudecke, dann ist Gott schon bei mir angekommen.