An Erntedank übertragen wir einen Gottesdienst aus der Luisenkirche in Berlin-Charlottenburg. Die Predigt hält Pfarrerin Anne Hensel.
Mitwirkende:
Moabiter Kammerchor (Leitung: Kantorin Almut Stümke) • Jack Day, Orgel und Klavier
Charles du Vinage, Lesungen • Pfarrerin Anne Hensel, Liturgie und Predigt
Hier finden Sie den Liedtext und weitere Informationen:
Predigt
Da sitzen sie. Haben sich niedergelassen. Auf dem Rasen, auf Steinen, auf einer Mauer. Wo es halt so geht. Vielleicht sind auch noch ein paar Papphocker übrig vom Großevent. Oder sie haben einen Rollator dabei, auf dem sie sitzen können, oder einen Koffer.
Eigentlich wollten sie schon wieder aufbrechen, auf den langen Weg nach Hause, zurück in ihren Alltag, woher sie gekommen waren.
Aber er hat gesagt, sie soll warten. Er will ihnen noch etwas mitgeben.
War es ein Rockfestival, was sie erlebt haben? Ein Sportfest? Ein Parteitag? Eine Messeveranstaltung?
Ganz egal. Ein Großevent jedenfalls. Sehr viele verschiedene Menschen aus allen Himmelsrichtungen, allen Altersgruppen.
Wie sind sie hergekommen? Was haben sie mitgebracht?
Wo viele Menschen sind, gibt es viele Erwartungen. Wünsche. Bedürftigkeiten.
Ich hab gemerkt, dass mir was fehlt. Da war ein Hunger. Ich wollte mehr als nur das normale, alltägliche Einerlei.
Ich war erschöpft und brauchte eine Auszeit. Mal was ganz anderes.
Ich suche einen neuen Weg. Bei mir muss sich was ändern. So geht es nicht weiter.
Ich will Menschen treffen. Menschen, die so denken wie ich. Die ähnliches wollen. Damit ich nicht allein bin.
So sind sie also hergekommen aus ihren verschiedenen Wirklichkeiten. Und haben dann eigentlich eine gute Zeit gehabt. Spannendes erlebt. Mitgefiebert. Gejubelt. Vielleicht haben sie sich auch über manches geärgert. Sie waren nah dran, und doch ganz woanders. Eigentlich würden sie am liebsten hierbleiben. Zuhause ist doch alles beim Alten. Wieder zurück ins Hamsterrad, ins Graue, in all den Nervkram. Da sitzen sie nun also. Und warten. Auf das, was noch kommen soll.
Da sitzen sie also. Und warten. Auf das, was noch kommen soll.
Was wird er ihnen geben? Der, wegen dem sie hierher gekommen sind?
Was hat er denn?
Heute würde man sagen: Er fragt sein Leitungsteam:
Was haben wir, was wir ihnen mitgeben können? Nein, sie haben mich nicht darum gebeten. Sie haben gedacht, sie schaffen das alles alleine. Sie haben auch nicht gejammert. Ich selbst hatte das Jammergefühl. In mir drehte sich alles um, als ich ihre Gesichter sah. So leer. So hungrig. So grau. Wir müssen ihnen etwas geben, das sie stärkt und wieder hoffen lässt. Aber:
Was haben wir? Es ist nicht viel. Es wird nicht weit reichen. Doch sie kommen damit immerhin bis nach Hause. Und sie spüren, dass es sie von innen stärkt. Dass es ihnen weiterhilft.
Es ist nicht viel. Aber das wenige steht für Vollkommenheit. Viele Symbole tauchen da in der biblischen Geschichte auf: 4000 Menschen – sie stehen für die vier Himmelsrichtungen, sieben Brote für alle Tage der Woche. Und kleine Fische sind es, wirklich ausdrücklich kleine. Das ist insgesamt keine Realitätsbeschreibung. Würde keinem Faktencheck genügen. Will es auch gar nicht. Das ist kein Rechenexempel für ein Großcatering. Es ist symbolisch gemeint, zeichenhaft. Und damit wunderbar. Zum Wundern. Und zum Staunen. Wer kann das heute schon noch…
Es ist nicht viel, was wir ihnen geben können. Wissen die Jünger. Von wo kommt es? Von oben, symbolisch. Und aus ihrer Mitte. Nicht ängstlich festgehalten, sondern hingegeben, geteilt, mit-geteilt mit den anderen neben mir, auf allen Seiten.
Es ist nicht viel, es reicht nur für den Moment. Das war schon damals so, in der Wüste, an die wir erinnert haben: Das Manna, das vom Himmel fiel, reichte nur bis zum nächsten Morgen.
Es sättigt für den Moment. Der Hunger wird wieder kommen. Wenn sie wieder in ihrem Alltag angekommen sind, in ihrer Wüste.
Aber vielleicht haben sie eine Lösung gefunden. Für ihren Hunger, der sie hergebracht hat. Eine Lösung, die ihnen weiterhilft, zu Hause.
Ich habe mal im Chemieunterricht gelernt, was eine gesättigte Lösung ist… Da wird eine feste Substanz in einer flüssigen gelöst. Genau in der Menge, dass man es nicht sieht. Kein Bodensatz. Aufgeteilt und verteilt, nichts zurückgehalten, und das energetische Maximum erreicht. Mehr geht nicht zu lösen. Aber das ist schon eine ganze Menge.
Wenn ich bei einem guten Essen gegen Ende gefragt werde, ob ich noch etwas haben möchte, und ich sage „Danke“, dann nimmt man den Teller weg und räumt ab. In England ist es umgekehrt. Dort heißt ein „Danke“: Ja, gern noch etwas. Bei uns bedeutet es hingegen: Nein, danke, ich habe genug. Ich bin satt.
Ich bin satt. Was heißt das eigentlich? Es ist für uns, ^jedenfalls für die meisten in unserem Teil der Welt und unserer Gesellschaft, eine Selbstverständlichkeit, nicht hungern zu müssen. Ja, die Lebensmittelpreise sind gestiegen, sogar sehr. Für viele eine echte Belastung. Aber selbst, wenn das eigene Geld knapp ist, gibt es noch unterstützende Möglichkeiten, Lebensmittel zu erhalten. Einrichtungen wie die Tafel, oder Laib und Seele tun Segensreiches.
Das Thema Ernährung beschäftigt trotzdem viele, ist ziemlich in Mode sogar: wenn über Zuckersteuer oder Fast-Food, über vegane Nahrungsmittel oder artgerechte Tierhaltung, über Deklaration von Zusatzstoffen oder Pestizide in der Landwirtschaft diskutiert wird. Oder wenn ich höre, dass pro Kopf pro Jahr 129 kg Lebensmittel vernichtet, weggeschmissen werden. Wenn Lieferketten gestört sind. Oder wenn irrsinnigerweise neuseeländische Äpfel weniger kosten als brandenburgische.
Vielleicht haben Sie das längst satt, diese Diskussionen.
Etwas satt haben – das heißt: es war oder ist zu viel. Ich bin übersättigt. Oder krasser noch: Vielleicht ist es sogar schon zum Kotzen. Kommt mir hoch.
Aber schon lange davor, bevor diese Sättigung oder Übersättigung eintritt, bin ich satt.
Ich bin satt – heißt deutlich mehr als nur: ich habe keinen Hunger. Satis steht lateinisch für genug, ausreichend, angemessen.
Ich habe genug. Mein Bedürfnis ist gestillt. Das heißt auch: ich brauche nicht mehr. Ich habe bekommen, was ich benötigte. Hoffentlich kann ich dafür Danke sagen. Und nehme es nicht als selbstverständlich hin – was es nämlich nicht ist. Was es für viele Menschen nicht ist. Und darum: danken und so bitten und beten:
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. Amen.