Mitwirkende:
Liturgie+Predigt: Pfarrerin Simone Lippmann-Marsch
Lesungen: Marco Albrecht oder Richard Wagner
Musikalische Leitung + Orgel: Suhuyun Lim
Übertragungsleitung: Viktoria Hellwig
Predigt
Liebe Gemeinde,
dieser Bibelklassiker, die Geschichte vom barmherzigen Samariter, fordert mich ehrlich gesagt heraus. Denn manchmal denke ich: Dazu ist doch schon alles gesagt worden. Jeder kennt den Samariter, jeder kennt die Pointe: Hilf, wo du kannst.
Und trotzdem merke ich: Gerade diese Geschichte stellt mir Fragen, die weh tun.
Denn ich bleibe nicht beim Samariter hängen. Auch nicht bei dem, der halbtot im Staub liegt. Ich bleibe hängen bei den beiden, die vorbeigehen: beim Priester und beim Leviten.
Sie sehen den Verletzten und gehen doch weiter. Im griechischen Originaltext der Bibel heißt es ausdrücklich: „Sie sahen ihn.“ Sie waren nicht blind. Sie bemerkten ihn. Und doch gingen sie vorbei.
Wir hören das und denken schnell: „Wie herzlos! Wie kalt!“ Aber ich glaube: Es ist komplizierter. Manchmal gehen Menschen nicht vorbei, weil sie böse sind, sondern weil sie selbst kaum noch stehen können.
Ich denke an Herrn Berger.
Herr Berger war einer, den man als „erfolgreich“ bezeichnet hätte. Selbstständig, ein eigenes Haus, eine Frau, zwei kleine Kinder. Alles schien geordnet, fast wie aus dem Bilderbuch.
Und dann, mitten im Leben, der Bruch: Seine Frau erkrankte schwer und starb innerhalb weniger Monate. Von einem Tag auf den anderen stand er allein mit den Kindern da.
Von außen wirkte er stark: Er arbeitete weiter, sorgte für die Familie, funktionierte. Die Leute sagten: „Unglaublich, wie er das schafft.“ Manche bewunderten ihn. Manche beneidet ihn sogar um seine Stärke.
Doch innerlich fror er ein. Er redete nicht über seine Trauer. Er ließ nichts zu. Wenn es zu weh tat, stürzte er sich in neue Projekte: Umbau am Haus. Überstunden im Büro. Ehrenamt im Verein. Immer mehr Aufgaben, immer neue Herausforderungen. Alles, was ihn betäubte.
Die Kinder wuchsen groß. Sie hatten alles: Essen, Kleidung, Schulausflüge. Nur eines hatten sie kaum: den Vater. Er war da und doch nicht erreichbar. Emotional nicht greifbar. Wenn sie ihn brauchten, kam oft nur: „Ich muss noch arbeiten. Ich bin müde.“
Jahre vergingen. Herr Berger lebte wie einer, der immer auf der Überholspur ist. Immer in Bewegung, immer das nächste Ziel vor Augen. Nur nicht stehenbleiben. Nur nicht fühlen.
Und dann, kurz vor der Rente, brach die Kraft weg. Er saß in seinem Büro, die Akten türmten sich, das Telefon klingelte und plötzlich ging nichts mehr. Einfach nichts mehr.
Und er sagte den Satz, der mich nicht loslässt: „Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet, um durchzuhalten. Aber in Wahrheit lag ich längst am Boden.“
Als ich das hörte, musste ich sofort an die Geschichte des Samariter denken. Auch dort begegnen wir Menschen, die äußerlich stark wirken und doch innerlich längst am Boden liegen: der Priester, der Levit.
Sie sehen den Verletzten und gehen vorbei. Nicht, weil sie herzlos sind. Sondern weil sie selbst nicht in der Lage sind, sich berühren zu lassen.
Der Priester ist gefangen in seinen religiösen Regeln. Wenn er einen möglicherweise Toten berührt, gilt er als unrein und darf seinen Dienst nicht mehr tun. Vielleicht denkt er: Ich muss doch heilig bleiben. Ich darf meine Aufgabe nicht gefährden.
Der Levit, Tempeldiener, hat ähnliche Vorschriften. Vielleicht denkt er auch einfach: Ich habe schon so viel aufgeladen. Ich kann nicht noch eine Last tragen.
Sie alle drei wirken äußerlich stark, aber innerlich längst zusammengebrochen. Auch Herr Berger unfähig, die Not seiner Kinder zu sehen.
Manchmal gehen Menschen vorbei, weil sie selbst am Limit sind.
In der jüdischen Welt zur Zeit Jesu waren Priester und Leviten hochangesehen. Sie standen für Reinheit, für Ordnung, für den Kontakt zu Gott.
Aber genau das konnte zur Falle werden. Ihre Rolle, ihre Pflichten, ihre Masken verhinderten vielleicht, dass sie menschlich reagieren konnten.
Und das ist das Verstörende an Jesu Erzählung: Die „Frommen“, die Respektierten, die eigentlich für Gottes Nähe stehen sollten, sie gehen vorbei. Und der „Falsche“, der Fremde, der Samariter, bleibt stehen.
Damit stellt Jesus die Welt auf den Kopf. Er zeigt: Es sind nicht die Vorzeige-Frommen, die Gott nahe sind. Sondern der, der fähig ist, sich unterbrechen zu lassen.
Und das macht mir klar: Das passiert heute genauso.
Ich gehe durch die Stadt, sehe jemanden am Boden. Und innerlich denke ich: „Der ist bestimmt besoffen. Das ist mir zu viel.“ Oder: „Dafür sind doch Profis da.“ Oder: „Ich habe selbst genug Sorgen.“ Ich sehe und gehe vorbei.
Manchmal ist es Angst. Angst, mich zu blamieren, etwas falsch zu machen. Manchmal ist es Bequemlichkeit. Aber oft ist es schlicht Überlastung.
So wie Herr Berger, der so sehr mit seinem eigenen Überleben beschäftigt war, dass er für andere nicht mehr verfügbar war. Von außen wirkte er stark. Aber innerlich war er längst am Boden.
Vielleicht sind die Vorbeigehenden gar nicht die Starken. Vielleicht sind sie selbst die Verletzten nur merkt man es ihnen nicht an.
Der Priester, der sich hinter Regeln verschanzt – ist er nicht selbst ein Gefangener?
Der Levit, der zu erschöpft ist, um zu helfen – ist er nicht selbst halbtot?
Herr Berger, der für alle stark wirkt, aber innerlich leer ist – ist er nicht selbst einer, der im Graben liegt?
Vielleicht ist die Wahrheit: Nicht nur der, der geschlagen am Boden liegt, braucht Hilfe. Sondern auch die, die vorbeigehen.
Jesus erzählt diese Geschichte nicht, um uns den moralischen Zeigefinger zu zeigen, sondern um uns die Augen zu öffnen: Auch der, der scheinbar funktioniert, kann innerlich zerbrochen sein. Auch der, der weitergeht, ist vielleicht selbst hilfsbedürftig.
Und mitten da hinein kommt Gott.
Gott sieht nicht nur den, der sichtbar verletzt ist. Gott sieht auch die, die ihre Wunden unter Schichten von Pflichterfüllung, von Stärke, von Perfektion verstecken. Gott bleibt stehen. Auch bei dir, wenn du weitergehst, weil du nicht mehr kannst.
Im Samariter zeigt sich Christus selbst: Einer, der dich findet, wenn du nicht mehr aufstehen kannst. Einer, der dich trägt, wenn deine Kraft versiegt ist. Einer, der dich in Sicherheit bringt, wenn du längst nicht mehr kämpfen kannst. Darum dürfen wir glauben: Christus ist der, der nicht vorbeigeht. Er bleibt stehen – bei dem Verwundeten am Straßenrand, aber auch bei dir, wenn du nicht mehr kannst.
Herr Berger sagte: „Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet, um durchzuhalten. Aber in Wahrheit lag ich längst am Boden.“
Vielleicht ist genau das die verborgene Wahrheit dieser Geschichte. Nicht nur der im Staub braucht Hilfe. Auch die, die scheinbar weitergehen, die funktionieren, die stark wirken, auch sie liegen innerlich oft längst am Boden.
Und das Evangelium sagt: Gott geht nicht vorbei. Er sieht dich. Er bleibt stehen. Auch bei dir.
Amen.