23.11
2025
10:00
Uhr

Ewigkeitssonntag aus der Friedenskirche

Ein Beitrag von Hendrik Kissel

Wir senden am Ewigkeitssonntag einen evangelischen Gottesdienst aus der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde
Charlottenburg. Die Predigt hält Pastor Hendrik Kissel.
 

Mitwirkende

Predigt
Hendrik Kissel

Sprecher:innen
Robert Spitzner
Dagmar Eichhorn
Moderation
Lina Rothkegel
Saxophone
Lina Rothkegel
Violine&Loop 
Piotr Prysiaznik
Gesang, Flügel&Orgel
Moritz Klatt
 

Predigt

Voller Schwung sind wir unterwegs – bereit, etwas Neues zu beginnen. Und plötzlich: zack, Stillstand. Eben schien noch alles offen, die Zukunft winkte uns zu – und dann macht’s nur klack… Tür zu.
Wer kennt diese Enttäuschungen nicht?
So ähnlich läuft es auch in der Geschichte, die Jesus erzählt hat – der Text, den wir vorhin im Gottesdienst gehört haben.
Eine plötzlich geschlossene Tür.
Ausgerechnet am Ewigkeitssonntag – an dem wir uns nach offenen Himmeln sehnen, nach Trost, nach Wiedersehen.
Und dann hören wir von Menschen, die draußen stehen.
Da rutscht vielen von uns innerlich gleich ein kleiner Gedanke durch den Kopf:
„Moment… bitte nicht wir.“
Und genau hier, finde ich, fängt die Geschichte an spannend zu werden – weil sie eben nicht dazu da ist, uns Angst zu machen, sondern uns wach, lebendig und sogar ein bisschen gelassen zu machen.
Ja, gelassen – trotz verschlossener Türen... 
(Eine Geschichte voller Energie – und Stillstand)
Was ist hier los?
Wir befinden uns bei einer orientalischen Hochzeit.
In Israel war es damals üblich,
dass die Braut mit ihren Brautjungfern im Haus der Braut wartet.
Der Bräutigam kommt,
die jungen Frauen gehen ihm entgegen
und geleiten dann das Brautpaar mit einem Lichterzug
hinüber ins Haus des Bräutigams – dort wird gefeiert.
Und dafür haben sie Fackeln,
die man in Öl tränkte und dann anzündet.

Wahrscheinlich verdienen die Brautjungfern sich mit solchen Diensten etwas dazu –
also waren sie rechtzeitig da.
Wir haben also einen Bräutigam und zehn Frauen.
Der Bräutigam – man möchte fast sagen: typisch –
der kommt zu spät. :)
Während er sich wahrscheinlich noch den Bart kämmt,
sitzen zehn junge Frauen herum, mit ihren Fackeln
warten und kämpfen gegen die Müdigkeit.
Fünf von ihnen haben Ersatz, quasi eine Powerbank dabei.
Die anderen nicht – vielleicht, weil sie dachten:
„Wird schon klappen, der wird gleich da sein.“
Und dann kommt er – aber endlich.
und als die Unvorbereiteten später zurück sind, ist die Tür zu.
Klopf, klopf – nichts bewegt sich.
Nur diese Stimme: „Ich kenne euch nicht.“
Da möchte man rufen: „Na klasse – das soll Himmel sein?“
(Fünf drinnen, fünf draußen – und viele Fragen)
Und ehrlich – was ist mit den fünf Klugen los? 
Diese Engagierten des Reich Gottes,
die alles im Griff haben sollten – Ölreserve, Taschenlampe, Checkliste – fertig!
Die sich schon vor dem Bräutigam einen Platz an der Sonne reserviert haben.
Und wir denken: Na klar, das sind wir –
die treuen Kirchgänger oder die, die dem Guten nachstreben
Sollen die fünf wirklich unsere geistlichen Vorbilder sein?
Die, die keinen Tropfen Öl abgeben?
Kein bisschen Solidarität, kein „Hier, nimm meins, wir teilen uns das Licht.“
Nichts. 
Vielleicht hatten sie einfach Angst,
dass ihre ganze Vorbereitung, ihre Mühe, ihre Leidenschaft für Gott
am Ende doch nicht reicht.
Oder sie dachten: „Na ja – selbst schuld.“
Ganz ehrlich: Vorbilder für meinen Glauben sind sie nicht –
auch wenn man sie „die Klugen“ nennt. 
Oder, mal ehrlich gesagt:
Wenn diese fünf im Kirchenvorstand säßen,
würde ich meine Anträge per Einschreiben schicken –
und sicherheitshalber eine Kopie behalten. :)
(Gott ist doch kein Türsteher)
Und weiter noch – wenn Gott wirklich so einer wäre,
der einfach die Tür zuschlägt, sobald jemand zu spät kommt,
dann würde ich ehrlich gesagt weiterschlafen
und sagen: „Ich mach mein Ding.“:)
Aber Gott sei Dank – so ist er nicht.
Er ist kein himmlischer Türsteher mit Petrus als Security-Mann für den Einlasskontrolle;)
Gott steht da mit offenen, ausgebreiteten Armen
und einem Lächeln, das sagt:
„Na endlich – du bist da. Ich hab schon mal Licht angemacht.“
Das ist das biblische Bild des lebendigen Gottes –
seine Gegenwart, die schon jetzt Ewigkeit ist.
Nicht ein Gott, der Leistung misst: „Hast du genug Öl?“
Sondern einer, der schenkt: „Mein Licht reicht für euch alle.“
(Klug leben – aber wie?) 6
Aber zurück zum Text: was will dann Jesus mit diesem Gleichnis von uns?
Vielleicht hält uns die Geschichte einen Spiegel vor. 
Unsere Welt ist voll von Absicherung, Abgrenzung, dem ewigen „Ich zuerst“.
Vielleicht erzählt Jesus das, damit wir uns fragen:
Was heißt eigentlich klug leben?
Ich glaube: 
Klug leben heißt zweierlei:
Vorsorge treffen –
aber genauso Mitgefühl haben.
Wie zwei Flügel, die erst gemeinsam das Leben tragen.
(Der Tod – eine verschlossene Tür)
Heute, am Ewigkeitssonntag, beginnen die Tage für viele von Ihnen –
von euch – an Menschen zu denken, die fehlen.
An Stimmen, die verstummt sind.
An Hände, die nicht mehr da sind.
Der Tod nimmt uns Lebendige und Liebende.
Er kappt Verbindungen, die unser Leben zusammengehalten haben.
Und wir können nicht mehr hinterher – die Tür bleibt zu.
Das ist hart, schmerzhaft, manchmal kaum auszuhalten. 
(Jetzt ist die Zeit)
Aber vielleicht ruft uns dieser Erinnerung an den Schmerz in Verbindung mit dem Gleichnis wach.
Jesus sagt: Jetzt!
und meint: Das Leben ist kein Probelauf, kein „demnächst vielleicht“.
Es ist jetzt.
Und keiner von uns weiß, wie lange.
„Seid jetzt wach“, sagt Jesus – nicht perfekt,
sondern aufmerksam für das, was zählt:
für das Schöne, das Unfertige,
für Begegnung, für Versöhnung.
Und ja, auch fürs Vorsorgen.
Denn ehrlich: Manches schieben wir ja gern auf –
so wie die Steuererklärung oder die Patientenverfügung. :)
(Wach für Gott – und füreinander)
Unsere Vorbereitungen auf den Tod
und die Fragen im Angesicht des Todes
können vielfältig und unterschiedlich sein.
Und wenn Jesus sagt „Seid wach!“,
dann meint er vielleicht:
Seid nicht nur wach für mich –
und dann nur für euch selbst,
sondern auch füreinander.
Wach für die, die draußen stehen.
Wach für die Erfahrungen von Ungerechtigkeit –
sie sind eure Nachhilfezeichen, dass sich etwas ändern muss.
Wach werden für die kleinen Wunder, die euch begegnen – 
erst recht, wenn man sich zusammentut und Dinge verändert.
Wach für das, was noch Licht – nein, Feiern! – braucht.
Heute stehen also zwei Dinge nebeneinander:
Wach sein – heißt: sich ehrlich fragen, was am Ende bleibt.
Wach bleiben – heißt: mitten im Leben stehen,
bei den Menschen, die dich – oder Sie – brauchen.
Und das alles ohne Druck, ja manchmal mit Mut und wenns passt mit Humor.
Denn keiner von uns ist unfehlbar.
Wach sein – das heißt frei sein,
weil Gott anders ist, als wir oft denken.
(Die offene Tür Gottes)
Er schlägt dir – euch – die Tür nicht vor der Nase zu.
Die Ewigkeit der Ewigen ist offen für uns alle.
So stell ich mir das himmlische Fest vor –
das, was wir Evangelium nennen, einfach erzählt.
Die gute Nachricht,
die schon in der jüdischen wie in der christlichen Bibel steht:
Gott macht auf.
Für alle.
Nicht nur für die Klugen oder Pünktlichen,
sondern auch für die, die’s verpasst haben
oder falsch abgebogen sind.
Und Gott grinst und sagt:
„Na endlich! Ihr seid da. Ich hab schon mal Licht angemacht.“
(Der Morgenstern)
Wer so Gott vertraut,
sieht oder hört ihn nicht direkt –
aber es ist wie mit einem Morgenstern:
ein Licht in der Nacht, das nicht die Nacht verlängert,
sondern mit ziemlicher Sicherheit ankündigt, dass die Sonne da ist und kommt.
Die Morgenstern steht für den vom Tod auferstanden und lebenden Christus selbst – der auf Gott bei uns verweist. So trägt uns Christus mit seiner Gegenwart hindurch
durch Dunkel und
durch Tod
hindurch ins Leben.
(Jochen Klepper – Licht in der Nacht)
Darum passt es gut, dass wir gleich das Lied von Jochen Klepper singen:
„Die Nacht ist vorgedrungen.“
Nur zwei Wochen liegt der 9. November zurück –
ein Tag, an dem wir uns der dunklen Nächte unserer Geschichte erinnern.
Und ich glaube, wir werden diesen 9. November künftig immer auch
mit dem 7. Oktober verknüpfen – und mit all dem, was danach auf unseren Straßen sichtbar wurde.
Jochen Klepper selbst sah für sich und seine Liebsten in dieser Welt keine Hoffnung mehr
und suchte im Suizid die letzte Zuflucht.
Und doch – in seinem Lied klingt etwas durch, das stärker ist als jede Nacht:
das Licht Gottes.
Ein Licht, das selbst in der tiefsten Finsternis nicht verlischt. Amen.