06.09
2026
10:00
Uhr

Evangelischer Gottesdienst aus der Gethsemanekirche

Am 14. Sonntag nach Trinitatis senden wir einen evangelischen Gottesdienst aus der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg. Die Predigt hält Pfarrerin Johanna Hestermann und muikalisch gestaltet wirde der Gottesdienst von Kantor Oliver Vogt.

Mitwirkende:
Liturgie: Pfarrerin Johanna Hestermann.
Musik: Gethsemanekantorei, Kantor Oliver Vogt (Leitung), Anna Schorr (Orgel)
Lektor:innen: Marianne Graffam, Gunter Schaible
Übertragungsleitung: Viktoria Hellwig

Predigt
Es ist ein schon etwas in die Jahre gekommenes Klischee über den Prenzlauer Berg: 
Dass es der Stadtteil mit dem Babyboom und den Latte-macchiato-trinkenden Eltern sei. Denn langsam werden auch sie älter, die Kinder und die Kieze rund um die Gethsemanekirche. 
Trotzdem gehören Kinder zugegebenermaßen noch fest zum Stadtbild.
Und das ist, gerade jetzt im beginnenden Herbst, eine große Freude! 
Wenn die Kastanien reifen und von kleinen Händen vom Boden geklaubt werden. 
Wenn auf die Trockenheit des Sommers endlich wieder der Herbstregen fällt und sich größere Pfützen zwischen den Bordstein-Platten bilden, durch die fröhlich gehüpft und gewatet wird.

Kinder können sich für solche Dinge begeistern, an denen wir Erwachsenen längst vorbeilaufen, weil wir sie schon hundertmal gesehen haben. 
„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!“ (Mt 18,3) 

„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“
Dieser Satz von Jesus hat für mich auch mit Zachäus zu tun. Mit einem Erwachsenen, der plötzlich etwas tut, das erstaunlich kindlich wirkt: Er klettert auf einen Baum, um Jesus sehen zu können.
Ungewöhnlich für einen Erwachsenen. Oder, wann sind Sie das letzte Mal auf einen Baum gestiegen? Einfach so. Um besser sehen zu können?  

Ich stelle mir vor, wie dieser reiche Mensch in seiner edlen Kleidung zu rennen beginnt. Ohne Rücksicht darauf, wie lächerlich das von außen wirken könnte. 
Und wie er hastig hinaufsteigt in diesen Maulbeerbaum. Zerbröselnde Rinde, die an Kleidung und Händen klebt. 
Zachäus will Jesus unbedingt sehen. Und das ist es auch, worum diese ganze Geschichte kreist: 
Ums Sehen und Gesehen-werden. 
Um die Bereitschaft, einmal genauer hinzusehen. 
Genau dazu fordert uns der Erzähler dieser Geschichte gleich zu Beginn auf: „Siehe! Da war ein Mann namens Zachäus.“
[Move 3 Denkgewohnheiten stören]
Ist dieser Mann ein Vorbild? 
Nein, bei weitem nicht. Nicht umsonst wird der Evangelist Lukas mit einem Augenzwinkern auch als der „Sozialist unter den Evangelisten“ bezeichnet. Weil er so einen großen Wert auf soziale Gerechtigkeit und die Umkehr von Machtverhältnissen legte. 
Zachäus aber ist reich. Und nicht nur das: Als Oberzöllner ist er ein Kollaborateur mit der römischen Besatzungsmacht. Einer, der vom Leid anderer profitiert.
Ein verachtenswerter Mensch, darin sind sich die Anhänger und Anhängerinnen Jesu ebenso einig wie wahrscheinlich auch viele, die heute christliche Werte hochhalten.
- Und genau deshalb richtet Jesus seinen Blick auf diesen Menschen:
Er sieht nicht einfach den Zöllner, den Kollaborateur, den reichen Mann, über den längst ein Urteil gefällt ist. Er sieht Zachäus.
Darin liegt die Zumutung dieser Geschichte: dass Jesus unsere Sehgewohnheiten stört.
Jesus schaut genauer hin. Und plötzlich wird aus dem, was wir über einen Menschen zu wissen glauben, wieder ein Mensch mit einem Namen, einer Geschichte und der Möglichkeit, sich zu verändern.
Sind Sie bereit, sich so in Ihren Seh- und Denkgewohnheiten unterbrechen zu lassen? 
Musik: Reseccional (Not one sparrow is forgotten) von William Hawley

Die Konkurrenz der Aufmerksamkeiten, die gab es schon in biblischen Zeiten und die gibt es bis heute.  Wer wird gesehen? Wer wird übersehen?  Oft genug wird das genutzt, um politisch Profit zu schlagen und Menschen gegeneinander aufzubringen. 
Und manchmal ist dieser öffentliche Blick selbst Teil des Problems. Fragen wie: Wer ist besonders schützenswert? Was soll im Fokus der Öffentlichkeit stehen? Worauf sich der öffentliche Blick richten? Sie lenken den Blick: Davon können all jene berichten, die schon einmal im Zentrum eines Shitstorms standen. Plötzlich schauen alle hin. Jeder Satz wird bewertet, jedes Wort kann gegen einen verwendet werden. Manche überstehen das. Anderen reißt dieser Blick der Öffentlichkeit den Boden unter den Füßen weg.
Auch Jesus kriegt den Blick der vielen in der Zachäus-Geschichte zu spüren.
Er, der sich auf seiner Wanderung bis dahin vor allem denen zugewendet hat, die nichts haben oder aufgrund von Krankheit ausgegrenzt werden, dieser Jesus schenkt seine Aufmerksamkeit nun einem, der doch alles hat und anderen Unrecht tut. Wie kann das sein? Empörung macht sich breit unter denen, die es mitbekommen.

„Auch er ist ein Sohn Abrahams“, sagt Jesus, ein Mensch, von Gott geschaffen und vor allem einer, der gerettet werden muss.
„Ich „muss“ heute in deinem Haus bleiben“, sagt er zu Zachäus.
Jesus sieht es als seinen göttlichen Auftrag an zu „allen“ zu gehen, die bei den anderen unten durch sind.
Er wagt einen anderen Blick auf den Oberzöllner.
Zachäus, der daran gewöhnt ist, dass – trotz seines Reichtums – auf ihn mit Verachtung herabgeblickt wird. Zu diesem Mann blickt Jesus nun auf.
Und ermöglicht ihm dadurch, sich zu ändern.

Die Geschichte erzählt etwas über die Macht des Blicks von außen: Wie sehr es Menschen in Rollen pressen kann, wenn auf eine bestimmte Art und Weise über sie gedacht wird.
Wenn sie mit einem Stempel auf der Stirn durchs Leben gehen müssen, der alles, was sie tun, auf eine bestimmte Weise definiert.

Jesus ignoriert diesen Stempel nicht. Er verschließt nicht die Augen vor den Unterschiedlichkeiten, die Menschen nun mal mitbringen.
Aber er zieht aus dem „Stempel“ nicht die gleichen Schlüsse, die andere Menschen oft ganz automatisch ziehen:
„Arm“ gleich „hilfsbedürftig“. „reich und korrupt“ gleich „dauerhaft verachtenswert“, 
„fremd“ gleich „nicht vertrauenswürdig“, „jung“ gleich „inkompetent“. 
Jesus macht bei diesen Gleichungen nicht mit, sondern schaut mit Gottes Augen auf die Menschen. Mit liebevollem Blick. Mit einem Auge für die guten Seiten der Menschen, 
aber auch für ihre Seelennöte.

Welcher Stempel wird Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, gerne aufgedrückt? 
Und was wird dabei gerne übersehen?
Musik: Du siehst mich von Nico Szameitat 

In einem Interview erzählte eine bekannte Schauspielerin einmal, als junger Mensch sei sie von ihrem Mentor stets „liebevoll überschätzt“ worden. Der Interviewer versucht das gleich zu relativieren. Aber - vielleicht ist es genau das, was es manchmal braucht:
Jemanden, der sich diesen liebevollen Blick von Gott abschaut und zu eigen macht. 
Jemanden, der etwas in mir sieht, was noch gar nicht ganz da ist – in das ich aber hineinwachsen kann. 
Jesus war jemand, der genau das getan hat und der uns durch sein Vorbild Mut macht, uns gegenseitig „liebevoll zu überschätzen“, statt immer nur auf das zu schauen, was schief läuft.

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!“ (Mt 18,3) 
Kinder nehmen die Welt oft erstmal so wie sie ist: schauen genau hin, staunen, wundern sich und stellen Fragen. 
Erwachsene hingegen – gerade mit voranschreitendem Alter – sind manchmal abgeklärter, ernüchterter. Haben schon alles Mögliche erlebt und ausprobiert – und mussten schon mit Rückschlägen umgehen. Oft heißt es dann: „Wenn es einmal nicht funktioniert hat, braucht mans erst gar nicht wieder zu versuchen.“ Mit so einer Resignation in der Stimme, die von Erschöpfung zeugt, manchmal auch von Verlorenheit.
So findet sich der eine oder die andere vielleicht in einer Situation wieder, die der von Zachäus gar nicht so unähnlich ist: In einem Leben, das sich manchmal mehr nach einem engen Korsett von Aufgaben und Herausforderungen anfühlt. In Rollen, die sich über Jahre eingeschliffen haben und die längst auch das Bild bestimmen, das man selbst von sich hat – obwohl das möglicherweise nur ein Ausschnitt dessen ist, was in einem steckt. 
Und auch unser Blick auf andere wird dabei enger. Wir kennen die Geschichten schon. Meinen zu wissen, wer jemand ist. Sortieren Menschen in Schubladen ein, bevor wir sie wirklich angesehen haben.
So wie Zachäus, der als Zöllner sicher routiniert darin war, Menschen auf ihre Verwertbarkeit abzuprüfen. 
Wie gut täte es da, es ihm gleichzutun! Einmal Abstand zu nehmen – hinaufzusteigen in den Maulbeerbaum – mit der Ahnung im Herzen, dass es auch noch einen anderen Blick geben könnte. 
Einen Blick, der nicht sofort festlegt.
Einen Blick, der noch etwas erwartet.
Einen Blick, der sich überraschen lässt.
Ist das die Umkehr, von der Jesus spricht? Nicht wieder Kind zu werden, sondern sich einen kindlichen Blick schenken zu lassen. Einen Blick, der die Welt nicht schon abgeschrieben hat.
Eine Möglichkeit. Eine Sehnsucht. Einen Mut, von dem wir gar nicht mehr wussten, dass er noch in uns steckt.
Und vielleicht entdecken wir auch in einem anderen Menschen etwas, das wir bisher nicht sehen konnten.
Um dann zu erleben wie Gott uns beim Vornamen ruft und sagt: „Komm schnell herunter von deinem Baum! Heute will ich bei Dir zu Gast sein!“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der lenke unseren Blick und
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen