Eine Person in einem eleganten schwarzen Kleid steht auf dem roten Teppich vor dem Berlinale Palast. Im Hintergrund sind Fotografen und Menschenmengen zu sehen, die auf das Ereignis reagieren. Die Atmosphäre ist festlich und glamourös.
15.02
2026
10:00
Uhr

Gottesdienst mit Filmmusik zur Berlinale

Vielleicht ist das eine der großen Aufgaben unserer Zeit und auch dieser Berlinale: mutig werden, mutig bleiben und neu sehen, neu hören lernen … Am Ende bleibt nicht der Applaus, nicht der Goldene Bär, nicht der perfekte Moment: Es bleibt die Liebe. Es geht darum, Gottes Liebe in unserem Leben  wahrzunehmen und sichtbar werden zu lassen: in Worten, Taten und in unserer Gemeinschaft.“ (Julia Helmke)

Mitwirkende:

Generalsuperintendentin Julia Helmke (Predigt)

Sebastian Heindl (Orgel)

Gloria Blau (Gesang)

Barbara Manterfeld-Wormit (Moderation)


Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommen wird. Liebe Gemeinde, liebe Filmbegeisterte, liebe Suchende nach Sinn, nach Wahrheit, nach Liebe, „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Kaum ein Text der Bibel ist so bekannt wie dieser. Das 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes. Es wird gelesen bei Hochzeiten, gedruckt auf Karten, zitiert in großen Momenten des Glücks. Als wäre er geschrieben für die romantische Liebe, die ganz großen Gefühle der Leinwand. Das ist schön - nur: Manchmal verliert er gerade dadurch seine Schärfe. Denn Paulus schrieb hier gar keinen romantischen Text. Er schreibt vielmehr von einer Zumutung. Er spricht von Liebe, die nicht Besitz ist. Nicht Leistung. Nicht Gefühl allein. Er spricht von einer Liebe, die mehr und anders ist. Die bleibt, wenn alles andere vergeht: Begabung, Erfolg, Ruhm, ja sogar religiöse Gewissheit. Paulus beschwört eine Liebe, die sieht, die aushält und ausstrahlt. Er beschreibt ein scheinbares Paradox: eine Verbindung in Freiheit. Diese Art Liebe, diese Verbindung von Menschen über Zeit, Ort und Erfahrung hinweg, ist es, was Menschen bis heute am Film fasziniert. Schon von Beginn des Kinos an haben Filme Menschen zum Staunen gebracht. Bilder haben quasi im Kinosaal laufen gelernt. Im Kino werden neue Bilder entdeckt, auch die inneren Bilder erlebbar. Menschen auf verschiedenen Kontinenten sehen denselben Film. Kino schafft genau das: Es überwindet die Grenzen von Raum und Zeit, erweitert Horizonte, verbindet Menschen. Hollywood ist oft als Traum-Fabrik bezeichnet worden, „bigger than life“ - größer als das ‚normale‘ Leben. Einer der allerersten Filme im Jahr 1895 zeigt die Einfahrt eines Zuges in einen Bahnhof. Er fährt direkt auf die Zuschauenden zu. Im Kinoraum soll es damals so gewesen sein: Die Leute versteckten sich unter den Sitzen, so real war diese Zugeinfahrt. Ein anderer sehr früher bekannter Film hieß: Die Reise zum Mond. Es geht um das Aufbrechen in neue Welten, die Neugierde auf das, was es alles außerhalb meines Alltags stattfindet. Sich in andere Wirklichkeiten zu träumen und Lebensgeschichten nacherzählen mit ihren Höhen und Tiefen, auch als eine Art Pilgerreise hin zu einem bestimmten oder auch offenen Ziel, das ist der Inhalt vieler Filme. Und natürlich geht es um das, was Mensch-Sein ausmacht: Die Liebe, oft die ganz große Liebe. Manchmal nach dem Motto: Wenn schon nicht im echten Leben, dann jedenfalls auf der Kinoleinwand…

Kino ist da im besten Sinne des Wortes Lichtspiel – gute Filme machen die Welt ein Stück heller. Auch, indem sie Dunkles ans Licht holen und Dinge dadurch verändern. „Der Himmel über Berlin“ zum Beispiel, den der diesjährige Jurypräsident, der Regisseur Wim Wenders vor fast vierzig Jahren gedreht hat. Ein Film über Berlin und die Stadt der Engel. Eine Szene spielt direkt auf dem Turm der Ruine der Gedächtniskirche. Nachgestellt im Studio zwar, aber unvergesslich bis Heute: Bruno Ganz als Engel, der auf diese Stadt blickt. Eigentlich ein Märchen. Engel, die Menschen in der damals noch geteilten Stadt Berlin durch ihr Leben begleiten. Engel, die mitfühlen, die spürbar doch nicht sichtbar sind – und selber gern fühlen möchten wie ein Mensch. Und am Ende passiert genau das: Einer von beiden legt die Flügel ab und wird Mensch – mit allem, was dazu gehört – eingeschlossen der blutigen Nase. Menschlichkeit und Seel-sorge sind hier anschaulich geworden, erfahrbar. Ein warmherziger Film ist das am Ende des damaligen Kalten Krieges. Die Liebe, wie sie im Hohelied der Liebe im Ersten Testament und bei Paulus beschrieben ist, umfasst alles: Leben und Tod, Leiden und Leidenschaft. Die göttliche Liebe ist dabei Maßstab und Orientierung zugleich. Sie ist langmütig und freundlich, freut sich an der Wahrheit und nicht an Ungerechtigkeit. Sie übersteigt Wissen, Prophetie und jede menschliche Erkenntnis. Wir sehen sie nur teilweise – wie es heißt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild – dann aber eines Tages von Angesicht zu Angesicht. Filme sind solche Spiegelbilder unserer Zeit. Sie zeigen immer nur ein Stück – doch dies in großer und weltweiter Vielfalt. Filmkunst erschafft dabei nicht das eine absolute Bild von einer Geschichte, einem Menschen, einer Gesellschaft. Sie ermöglicht eine Vielfalt von Bildern, macht Angebote, weitet den Horizont., öffnet im besten Sinne Herzen für das, was offenbleibt, weil es in dieser Welt eben immer nur Stückwerk bleibt. Das gilt nicht nur für`s Kino. Unser ganzes Leben ist Fragment. Und gerade darin einzigartig und ganz. Das zeigt ein Film, der in besonderer Weise Himmel und Erde verbindet. Daraus hören wir nun ein Lied – auch eine Art Hohelied der Liebe auf das Leben – in all seiner Unvollkommenheit und Verletzlichkeit:

Ein Lied aus dem schwedischen Film Himmel auf Erden, der neben seiner berührenden Geschichte auch durch seine Musik erfolgreich geworden ist: Gabriellas Lied haben wir hier gerade gehört - kein Kirchenlied. Und doch ist es ein Gebet. Ein gesungenes Gebet, das verändert. So singt Gabriella sich frei: „Dies ist mein Leben, das ich leben will. Ich will fühlen, dass ich lebe.“ Und das ist Gabriellas Geschichte im Film: Sie hat eine wunderbare Stimme – aber wagt kaum sie zu erheben, weil ihr Mann sie kontrolliert und schlägt. Ihr Leben besteht aus Abwertung. Aus Gewalt. Aus einem Leben, indem ein anderer ihr sagt, wer sie zu sein hat. Doch sie ist Teil eines Kirchenchores. Dort bringen alle ihre eigene Geschichte, ihre Verwundungen, Gaben, Schwächen und Sehnsüchte ein. Die Chormitglieder wachsen zusammen, sie singen nicht nur miteinander, sie tragen einander. Einer bringt diesen Prozess in Gang: Die Hauptfigur – ein erfolgreicher Dirigent, der nach einem Zusammenbruch wieder in sein Heimatdorf zurückgekehrt. Und nach einiger Überlegung zum Staunen der Bewohner diesen n unbedeutenden Kirchenchor übernimmt und über sich hinauswachsen lässt. Am Ende kann er sich selber versöhnen mit seiner eigenen Geschichte, in der es stets nur um Leistung ging und die Sehnsucht nach Anerkennung. Er wird zunehmend frei davon. Für Gabriella komponiert er dieses Stück und sie traut sich schließlich es zu singen. Zaghaft erst. Dann immer lauter, schöner, klarer, durchdringender. Paulus schreibt: „Die Liebe bläht sich nicht auf, sie sucht nicht das Ihre.“ Liebe – das ist nicht: Ich mache mich größer als du. Liebe – das ist nicht: Ich passe mich an, bis ich verschwinde. Liebe heißt: Ich darf sein. Und du darfst sein. Ganz. Das Kino erzählt solche Geschichten immer wieder neu. Geschichten vom Scheitern und vom Aufstehen. Geschichten der Infragestellung von behaupteter Macht, vom Mut diese Macht zu durchkreuzen Vom Mut, die eigene Stimme zu finden und vom Risiko, sich zu zeigen. Der Film hält uns einen Spiegel vor – manchmal gnadenlos, manchmal tröstlich. Aber immer mit der Hoffnung, dass Verwandlung möglich ist. Paulus nennt dieses Erkennen „Stückwerk“. Sich wiederzuerkennen in den Geschichten auf der Leinwand und dabei zu merken: Ich bin nicht allein. Auch das lieben Menschen am Kino als Ort: Dass sie dabei mit den Menschen in einem Raum verbunden sind und nicht allein zuhause vor dem Bildschirm. Filme verbinden – weil sie zeigen: unsere Bilder sind Stückwerk. Unsere Rollen auch. Unsere Erzählungen über uns selbst. Doch die Liebe sieht weiter - schreibt Paulus. Sie sieht nie nicht nur, wer wir waren, wer wir sind. Sie weist darüber hinaus, weil sie sieht, wer wir werden können.

Ein ganzes Dorf beginnt in dem Film „Wie im Himmel“, anders zu hören. Lernt genau hinzuschauen. Und sich einzumischen. Liebe ist mutig. Das alles braucht Zeit. Es gibt Zögern und Rückschläge und dennoch ist klar, dass der Weg der Liebe, das heißt, der Mitmenschlichkeit, der Barmherzigkeit mit sich und anderen, der Gerechtigkeit für sich und die Nächsten das ist, was letztendlich Bestand haben wird. Für ein Leben in Wahrhaftigkeit und im Einklang. Vielleicht ist das eine der großen Aufgaben unserer Zeit – und auch dieser Berlinale: mutig werden, mutig bleiben und: neu sehen, neu hören lernen. Auf die Stimmen, die sonst überhört werden. Sich einlassen auf Geschichten, die nicht die eigenen sind und nicht immer glatt. Auf Leben, die sich nicht in Schubladen pressen lassen. So ist auch die Liebe, wie sie Paulus beschreibt: aufmerksam, achtsam, offen. „Die Liebe hört niemals auf.“ Das ist kein Versprechen, dass alles gut wird. Es ist ein Versprechen, dass nichts umsonst ist. Keine Träne. Kein Aufbegehren. Kein noch so leiser Gesang gegen die Angst. In dieser Kirche, die selbst so viel erlebt hat in Krieg und Nachkriegszeit: Bomben, Zerstörung und Wiederaufbau, in dieser Kirche, die mit ihren blau leuchtenden Fenstern im Innern selbst so etwas wie „Kinokirche“ ist, feiern wir Gottesdienst. Mitten in einem Festival, das vom Sehen lebt. Als nähme Gott uns selber an die Hand und sagt: Sieh tiefer. Hör genauer hin. Hab den Mut zu lieben. So wie Gabriella singt. So wie Paulus geglaubt hat. So wie das Hohelied der Bibel klingt. Am Ende – das gilt auf der Leinwand wie im Leben – am Ende bleibt nicht der Applaus, nicht der Goldene Bär, nicht der perfekte Moment. Es bleibt die Liebe. In vielen Momenten unseres Lebens und am Ende in Ewigkeit. Amen. Und von dieser Liebe handelt auch das folgende Lied „Liebe, die du mich zum Bilde“. Sie finden es im Evangelischen Gesangbuch unter Nr.401.Es stammt vom schlesischen Dichter Angelus Silesius. Es geht darum, Gottes Liebe in unserem Leben wahrzunehmen und sichtbar werden zu lassen – in Worten, Taten und in unserer Gemeinschaft.

Ablauf des Gottesdienstes