An Karfreitag übertragen wir einen evangelischen Gottesdienst aus der Dorfkirche Wildenbruch.
Mitwirkende:
Pfarrer Michael Dürschlag
Kirchenmusikerin: Elke Wiesenberg
Chorus Vicanorum
Gitarrengruppe des Chorus Vicanorum
Lektorenteam: Thekla Wiesenberg, Peter Schütz, Volker Wiedersberg, Yvonne Adam
Predigt
Karfreitag
Ein stiller Tag.
Und ich merke:
Ich habe keine fertigen Worte heute.
Ich stehe vor diesem Geschehen
und frage mich,
wie man darüber sprechen kann,
ohne etwas falsch zu machen
Oder schön zu reden.
Leid macht stumm.
Leid ist nicht wegzudenken.
Es geschieht.
Es geschieht, und es ist unerträglich
Damals – und heute.
Ein Mensch wird gefoltert.
Ein Unschuldiger stirbt.
Ungebremste grausame Macht lebt sich aus.
Und alles in mir sträubt sich,
das heute zu deuten.
Deshalb höre ich auf Johannes.
Gleich am Anfang seines Evangeliums schreibt er:
„Das Wort wurde Fleisch
und wohnte unter uns.“
Wörtlich:
es zeltete.
Nicht fest war er bei uns.
Nicht geschützt.
Verletzlich.
Vorläufig.
Und dann dieser Satz:
„Wir sahen seine Herrlichkeit.“
Ich stocke.
Herrlichkeit?
Wo? Am Kreuz? Im Leid, dass das Herz zerreißt?
Ich sehe eine Welt, die versagt.
Ich sehe Macht, die sich auslebt.
Ich sehe einen Menschen,
der ausgeliefert ist.
Und ich höre:
„Ecce homo.“
Siehe, der Mensch.
Ein geschundener Körper.
Einer, der nicht ausweicht.
Kein Glanz.
Kein Sieg.
Ein Mensch.
Und Johannes sagt:
Wir sahen seine Herrlichkeit.
Ich taste mich an dieses Unfassbare heran
und habe fast Angst,
es falsch zu verstehen.
Denn nichts an diesem Tag ist gut oder herrlich
Nichts ist schön.
Nichts darf beschönigt werden.
Und vielleicht beginnt der stille Karfreitag genau hier:
Dass wir nichts erklären.
Kein Warum.
Kein Wozu.
Denn jedes Glattziehen
macht das Krumme nicht gerade
Sondern unwahrhaftig
Es bleibt etwas – am Kreuz
Im Leid
Kein schneller Sinn.
Keine Erklärung.
Nur vielleicht dies:
Dass Gott sich nicht entzieht.
Dass seine ALL- macht sich nicht zeigt im Eingreifen,
nicht im Stoppen der Gewalt,
nicht im Durchsetzen von Stärke.
Gott steht nicht auf Seiten der Macht,
wenn sie zerstört.
Sondern auf der Seite derer,
die ihr ausgeliefert sind.
Auf der Seite der Verwundeten.
Der Ohnmächtigen.
Der Unschuldigen.
Und ich sage das vorsichtig,
fast tastend:
Vielleicht ist das die Spur von δόξα.- DOXA – Glanz – Herrlichkeit Gottes – Licht Schimmer
Kein fetter Glanz über dem Leid, der alles überstrahlt.
Eher ein Bleiben.
Ein Dableiben Gottes in der Welt – Christus an unserer Seite
Und mehr habe ich heute nicht.
Nur diesen einen Satz,
den ich kaum auszusprechen wage:
Gott sagt – durch das Leid
Ich bin da.
Das Licht in der Finsternis - die Dunkelheit von Leid und Karfreitag löscht es nicht aus
Karfreitag. Jesus stirbt am Kreuz. So beschreibt es der Evangelist Johannes:
Nachdem das geschehen war,
wusste Jesus, dass jetzt alles vollbracht war.
Damit vollendet würde,
was in der Heiligen Schrift steht,
sagte er: »Ich bin durstig!«
In der Nähe stand ein Gefäß voll Essig.
Die Soldaten tauchten einen Schwamm hinein.
Dann legten sie ihn um einen Ysopbund
und hielten ihn Jesus an den Mund.
Nachdem Jesus den Essig genommen hatte,
sagte er: »Es ist alles vollbracht.«
Er ließ den Kopf sinken und starb.
Gitarrenstück 1 Donna , Donna – Maria Linnemann
Jesus stirbt am Kreuz. Unschuldig und grausam. Karfreitag –
es ist der höchste Feiertag in unserer Kirche. Nicht Ostern. Nicht Weihnachten.
Und ich merke. Wie sehr ich Einspruch erheben möchte:
Unschuldiges Leid ist sinnlos.
Es geschieht.
Und ich halte es kaum aus.
Und vielleicht beginnt Karfreitag genau hier:
Dass ich nicht widerspreche. Nichts erkläre.
Ich ertappe mich ja dabei,
wie ich suche:
nach einem Gedanken,
der trägt,
nach einem Sinn,
der das Ganze irgendwie einordnet.
Aber ich ahne:
Jede Besinnung kann schief werden.
Jeder Versuch, es zu glätten,
macht es krumm.
Und dann höre ich wieder Johannes.
Und ich stolpere über dieses Wort:
δόξα.
Herrlichkeit. Wir sahen seine Herrlichkeit – in diesem Jesus.
Und ich frage mich:
Darf man das sagen?
Hier?
Jetzt?
Vor dem Kreuz?
Ich finde keine schnelle Antwort.
Nur dieses vorsichtige Vielleicht:
Dass δόξα nicht die Deutung des Leids ist.
Nicht seine Rechtfertigung.
Sondern etwas,
das nicht verschwindet,
wenn alles andere zerbricht.
Ein Hauch Glanz. Ein Funken Licht.
Und ich merke,
wie vorsichtig ich werde.
Fast ängstlich.
Weil ich nichts beschönigen will.
Weil ich nicht sagen will:
Leid hat einen Sinn.
Das hat es nicht.
Aber vielleicht dies:
Dass Gott nicht weggeht.
Auch jetzt nicht.
Dass er nicht eingreift,
nicht erklärt,
nicht auflöst.
Aber bleibt.
Können wir Menschen oft nicht. Bleiben, wenn man es kaum aushalten kann.
Ich kann das nicht beweisen.
Ich kann es kaum sagen.
Ich kann es nur leise aussprechen:
Das Licht in der Finsternis – Gott sagt: Ich bin da.
die Dunkelheit von Leid und Karfreitag bringt das Licht nicht zum Erlöschen –
der Glanz bleibt in der Welt.
Wir sahen seine Herrlichkeit – der Satz vom Anfang des Johannesevangeliums klingt nach, klingt durch auch am Kreuz
Ich habe ein Bild vor Augen:
Ich sehe
Einen dunklen Raum.
Eng.
kaum Sauerstoff.
Eine verwitterte Wand.
Grau.
Abgegriffen.
Als hätten schon Ewigkeiten an ihr genagt
Und darauf –
mit schwarzer Farbe –
ein Kreuz.
Grob.
Nicht schön.
Eher so hingeworfen.
Ich stehe davor
und merke:
Das ist mehr als ein Symbol.
Das ist ein Protest.
Ein Widerspruch.
Ein Auflehnen.
Das ist ein Zeichen von Gewalt.
Von Schmerz.
Von etwas, das nicht hätte sein dürfen.
Hier gibt es nichts zu deuten.
Das ist ein Zeichen des Todes
Und des unschuldigen Leides
Und dann sehe ich es.
Ganz fein.
Ein Riss.
Kaum sichtbar.
im Kreuz.
In der Wand.
Und durch diesen Riss
fällt Licht.
Ganz schwach.
Fast, als dürfte es nicht da sein.
Kein Strahlen.
Kein Glanz und Gloria eher
Nur ein Hauch.
Und ich erschrecke fast davor.
Weil ich denke:
Nein.
Jetzt mach es nicht schön.
Mach es nicht heller,
Das passt nicht.
Aber :
Das Kreuz bleibt schwarz.
Die Wand bleibt grau.
Der Raum bleibt eng.
Nichts wird aufgehoben.
Und doch ist dieser Riss da.
Nicht als großer fetter Trost.
Nicht als Antwort auf alles
Eher wie eine feine Zusage
Ich weiß nicht,
ob man das sagen darf.
Aber vielleicht ist das genug:
Dass das Dunkel nicht ganz undurchdringlich ist.
Dass etwas hindurchkommt,
ohne das Zerbrochene jetzt heilen zu können
Kein Schimmer falscher Hoffnung
der alles überzieht.
Eher ein kaum wahrnehmbares
Dableiben -
Und ich bleibe stehen
vor dieser Wand.
Und kann nur spüren:
Das ist jetzt alles
Nicht mehr
Aber auch nicht weniger.
Der Menschensohn Jesus verherrlicht –
In Tod und Leid
Ganz Mensch – ganz Gott – Licht vom Licht
In finsterster Dunkelheit und Leid
Ein Glimmen – von Macht –
In der Ohnmacht –
Ein Riss im Leid
Eine Ahnung – des Lebens –
Ein Menschen Kind – ich - selbst am äußersten Rand
Des Daseins – nicht allein -
Solchen Momenten – wollen wir nachspüren –
wenn wir an ein Ende kommen
Physisch – psychisch – ist Jesus – Sohn des Menschen
Schon da gewesen –
Scheint seine Gegenwart, Glanz Gottes – nur ein Hauch durch einen Riss – in Leid und Verzweiflung