Hauptzelebrant – Pfarrer Zimmermann
Lektoren: Frau Supranowitz, Herr Schrage, Herr Hoff
Musikalische Leitung / Orgel – Thomas Sauer
Begrüßung:
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Ganz herzlich begrüße ich Sie zu unserem Gottesdienst hier in der katholischen Kirche Herz Jesu im brandenburgischen Neuruppin. Heute sind das nicht nur alle, die hier vor Ort mitfeiern, sondern auch jene, die über das Radio feierlich mit uns verbunden sind! Schön, dass Sie dabei sind!
Die Herz-Jesu-Kirche ist die Pfarrkirche unserer Großpfarrei mit dem Patronat der Heiligen Gertrud von Helfta. Rund 2000 katholische Christen gehören zu unserer Pfarrei, zu der neben Neuruppin auch die Orte Fehrbellin, Lindow, Rheinsberg, Gransee und Fürstenberg gehören. Doch trotz der Weite fühlen wir uns durch Christus als Gemeinschaft verbunden. Im heutigen Gottesdienst sind wir auch mit Ihnen - den Hörerinnen und Hörern von radio3 - verbunden.
Predigt:
Wenn Sie in den letzten Wochen im Urlaub waren, haben Sie vielleicht auch etwas gutes für sich getan: hatten eine Wellnessbehandlung, Zeit, um ein Buch zu lesen, einfach am Strand liegen, ein gutes Essen oder einfach mal was Schönes anzusehen, etwas wandern gehen oder eine Radtour machen. Das tut gut – dabei kann man sich erholen und vielleicht die Seele baumeln lassen.
Und ähnliches erwarten wir vielleicht auch von unserem Glauben an Gott: wir wünschen uns oft etwas Gutes. Der Glaube soll guttun, Kraft geben, Trösten, das Leben leichter machen. Er soll uns helfen, die Seele baumeln zu lassen. Natürlich kann das auch der Glaube, aber er kann auch mehr.
Denn so wie nicht alle Menschen einen erholsamen Urlaub im Sommer machen konnten, so ist das Leben im Glauben auch nicht immer federleicht. So wie viele Menschen den Sommer allein verbracht haben, krank waren, sich sorgen, einen Verlust erlitten haben, arbeiten waren oder die die Seele nicht baumeln lassen konnten. Für sie war der Sommer Alltag oder sogar anstrengend. So ist es auch im Glaubensleben im Christsein.
Und darauf weist Jesus im heutigen Evangelium hin wir wenn er sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“. Da ist nichts von Wellnes oder einem leichten Leben zu hören. Es ist genau das Gegenteil: Das Kreuz steht für Leiden und Tod. Etwas, was kein Mensch will, aber viele erleiden müssen.
Gott verschließt nicht seine Augen vor dem Leiden in dieser Welt oder in meinem Leben. In Jesus Christus schaut er nicht nur hin, sondern er geht auch mit. Jesus ist nämlich kein religiöser Wellness-Trainer. Er verspricht uns nicht die Leichtigkeit und Unbesorgtheit im Leben, sondern er geht dahin, wo es schwer ist, wo Menschen einsam sind, sich Sorgen machen, Leiden, krank sind, getrennt sind, schuldig geworden sind oder versagt haben. Da wo es wehtut.
Weiter sagt Jesus: „Nimm dein Kreuz auf dich.“ Dieser Satz ist oft missverstanden worden, denn Jesus sagt nicht: Suche dir möglichst viel Leid! - Und wir sollten einem leidenden Menschen nicht vorschnell sagen: „Das ist eben dein Kreuz.“ Nein! Manches Kreuz muss man abwerfen: Gewalt. Demütigung. Missbrauch. Ungerechtigkeit.
Jesus verherrlicht das Leiden nicht. Aber er weiß: Es gibt Dinge, die können wir nicht einfach wegmachen. Eine Krankheit. Einen Abschied. Eine Enttäuschung. Die Sorge. Eine Schuld. Eine Wunde, die noch immer wehtut. Und dann sagt Jesus nicht: „Stell dich nicht so an.“ - Er sagt: „Komm. Ich gehe mit.“ Das ist Kreuzesnachfolge.
Deshalb sollten wir auch vorsichtiger miteinander umgehen. Wir wissen nämlich nicht, was der Mensch neben uns gerade trägt. Vielleicht wartet jemand auf einen Befund. Vielleicht trauert jemand. Vielleicht ist eine Beziehung zerbrochen. Vielleicht gibt es Sorgen um die Kinder. Vielleicht liegt jemand nachts wach - und morgens sagt er freundlich: „Alles gut!“ - Nein.
Menschen tragen Kreuze, die man ihnen nicht ansieht. Darum braucht ein Mensch manchmal nicht unsere Meinung, sondern jemanden, der sagt: „Komm, ich trage ein Stück mit.“ Und plötzlich wird das Kreuz leichter. Nicht weil es verschwunden ist, sondern weil zwei daran tragen.
Dazu gibt es eine alte christliche Erzählung: Ein Mensch kommt zu Gott und sagt: „Herr, warum muss ausgerechnet ich dieses schwere Kreuz tragen? Die anderen haben es doch viel leichter. Gib mir ein anderes!“ Gott sagt: „Gut. Komm mit.“ Er führt ihn in einen riesigen Raum. Dort stehen Kreuze. Hunderte. Große und kleine, schöne und hässliche, leichte und schwere. „Such dir eines aus.“ Der Mensch stellt sein Kreuz in die Ecke. Endlich! Er nimmt ein kleines. Zu schwer. Ein anderes sieht wunderschön aus. Doch als er es auf die Schulter legt, merkt er die scharfen Kanten. Ein weiteres ist leicht, aber so unhandlich, dass er kaum damit gehen kann. Er probiert Kreuz um Kreuz.
Und langsam sieht er nicht mehr nur Holz. Er sieht Geschichten. Die Sorge einer Mutter um ihr Kind. Die Einsamkeit eines alten Menschen. Eine Krankheit. Eine zerbrochene Liebe. Eine Schuld, die niemand kennt. Eine Angst, über die niemand spricht. Da wird er still. Er hatte immer gedacht: Die anderen haben es leichter.
Jetzt begreift er: Jeder trägt etwas. Man sieht es nur nicht immer. Ganz hinten entdeckt er schließlich ein Kreuz. Nicht besonders groß. Nicht besonders klein. Er nimmt es. Schwer ist es. Aber es passt. „Herr“, sagt er, „dieses nehme ich.“ Gott lächelt: „Schau genau hin.“ Der Mensch schaut. Es ist sein eigenes Kreuz. Er nimmt es und geht weiter.
Nach langer Zeit kommt er an eine tiefe Schlucht. Kein Weg. Keine Brücke. Er wird wütend: „Gott! Jetzt habe ich mein Kreuz angenommen und getragen und trotzdem komme ich nicht weiter!“ Dann nimmt er das Kreuz von seiner Schulter. Er legt es über die Schlucht. Und plötzlich merkt er: Es passt. Von einer Seite bis zur anderen. Ausgerechnet das Kreuz, das er unbedingt loswerden wollte, ist zur Brücke geworden.
Ich glaube nicht an einen Gott, der uns Krankheiten und Katastrophen schickt, damit wir etwas lernen. Aber ich glaube an einen Gott, der verwandeln kann. Aus einer Wunde kann Mitgefühl wachsen. Aus einem Scheitern ein neuer Anfang. Aus Tränen die Fähigkeit, mit anderen zu weinen.
Vielleicht können wir einen Menschen gerade deshalb verstehen, weil wir selbst einmal ganz unten waren. Dann war das Leid nicht gut. Aber Gott hat ihm nicht das letzte Wort gelassen. Und genau das ist Ostern.
Jesus verspricht kein Leben ohne Leid, aber er verspricht: Du musst dein Kreuz nicht allein tragen. Dabei ist nicht jedes Leid hinzunehmen: Gewalt, Missbrauch und Ungerechtigkeit müssen bekämpft werden. Doch manches Kreuz lässt sich nicht einfach abwerfen. Dann kann Gott es verwandeln: Eine Wunde wird zu Mitgefühl, ein Scheitern zum neuen Anfang und das Kreuz, das wir loswerden wollten, vielleicht zur Brücke. Christus geht uns voraus: durch das Kreuz hindurch zum Leben.
Jesus sagt: „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach.“ Das Entscheidende ist: Da geht einer voraus. Wir müssen nicht wissen, wie der ganze Weg aussieht. Der nächste Schritt reicht. Denn vor uns geht Christus. Er kennt das Kreuz. Und er kennt Ostern. Darum dürfen wir hoffen: Wo wir nur einen Abgrund sehen, kann Gott längst an einer Brücke bauen. Und manchmal wird ausgerechnet das, was wir am liebsten losgeworden wären, zur Brücke. Zum anderen Menschen. Zu uns selbst. Zu Gott. Und eines Tages vielleicht zur Brücke in den Himmel.