Am Sonntag Kantate übertrugen wir einen Gottesdienst der evangelisch-methodistischen Gemeinde aus der Erlöserkirche in Berlin-Tegel. Es musizierten Albrecht Gündel-vom Hofe an der Orgel sowie der Chor unter Ltg. von Agnes Linke-Georg. Es sang Maria Helmin.
Mitwirkende
Marco Alferink
Gerald Brose
Joachim Georg
Albrecht Gündel-vom Hofe
Maria Helmin
Maren Herrendörfer
Christiane Mikkeleitis
Agnes Linke-Georg
Katherina Roth
Oliver Olesch
Predigt Teil I, Pastor Marco Alferink
Kurzansprache zu EM 1,1: Mein Mund besinge tausendfach
„Was ist Dein Lieblingslied?“ Drei Antworten auf diese Frage haben wir bereits gehört. Dabei ist mir Folgendes aufgefallen: Alle haben etwas erzählt, was sie persönlich berührt. Alle haben etwas gesagt, was sie persönlich ermutigt. So wurde für mich klar: Singen ermutigt wirklich! Besonders, wenn ein Lied mir einen Raum eröffnet: Wenn ich mich durch Worte und Melodie in der Tiefe meines Herzens verstanden fühle.
Diese Erfahrung habe ich auch bei einem Gesprächsabend in der Gemeinde gemacht. In Kleingruppen haben wir einander unsere Lieblingslieder vorgespielt und dann etwas dazu erzählt. Auch dabei habe ich erfahren: Durch die jeweils ausgesuchten Lieder habe ich den anderen Menschen neu und anders kennengelernt. Durch dieses Lied spürte ich besser, wonach er oder sie dich sehnt und was sie berührt. Auch ich habe gerne etwas von mir in Zusammenhang mit meinem Lieblingslied erzählt.
Das ist das Erste: Lieder haben eine persönliche Bedeutung und sagen etwas über mich aus – auch darüber, wie es mir geht. Ein zweiter Gedanke:
Oft verbinden Lieder auch Gruppen von Menschen. Erleben kann man das bei einem Konzert oder im Fußballstadion: Durch Lieder spüren Menschen Zusammengehörigkeit. Auch in der Kirche lässt sich das erleben. In der Evangelisch-methodistischen Kirche gilt das besonders für ein Lied – es ist so etwas wie eine Hymne von uns. Es heißt „Mein Mund besinge tausendfach“.
In fast allen Methodistischen Gesangbüchern der Welt steht es als Lied Nummer 1 im Gesangbuch. Gedichtet wurde es in englischer Sprache von Charles Wesley. Mit seinem Bruder John gründete er im 18. Jahrhundert in England die Methodistische Bewegung. Angefangen hatte sie als ein Klub christlicher Studenten in Oxford. Durch ihre Hilfe für arme Menschen wollten sie ihren Glauben ganz praktisch leben. Bald wurde daraus eine Gemeinschaftsbewegung. Menschen aus der ganzen Bevölkerung fühlten sich angesprochen. Ermutigende Worte der Bibel wurden vor allem durch gemeinsames Singen miteinander geteilt. Manche sagen sogar: „Der Methodismus wurde im Lied geboren.“ So wichtig war Singen von Anfang an für unsere Kirche!
Sieben kurze Strophen hat dieses Lied „Mein Mund besinge tausendfach“. Zur ersten habe ich mir ein paar Gedanken gemacht.
„Mein Mund besinge tausendfach den Ruhm des Herrn der Welt…“ So beginnt sie. Am Anfang steht also die Lust zum Singen von Lobliedern für Gott. Das Wort „tausendfach“ betont: Es gibt unendlich viel Grund, Gott zu loben! Mich erinnert es an ein deutsches Lied von Johann Mentzer: „O, dass ich tausend Zungen hätte und einen tausendfachen Mund, so stimmt‘ ich damit um die Wette vom allertiefsten Herzensgrund ein Loblied nach dem andern an von dem, was Gott an mir getan.“ Die Übereinstimmung mit diesem Lied ist kein Zufall. Charles Wesley hat nämlich auf einer Schifffahrt nach Amerika eine deutsche Gruppe aus Herrnhut, einer sächsischen Kleinstadt nahe bei Görlitz, kennengelernt. Auch bei den heftigsten Stürmen sangen diese Leute Lieder voller Gottvertrauen. Das fiel auf. Es hat Charles Wesley tief beeindruckt. Zurück in England war er mit Peter Böhler befreundet. Auch der gehörte zu den Herrnhutern und kannte das Lied „O, dass ich tausend Zungen hätte“. Davon inspiriert sagte er mal: „Wenn ich tausend Zungen hätte, würde ich mit ihnen allen Loblieder für Christus singen!“ Das inspirierte Charles Wesley zu seinem Lied.
Was ist der zentrale Grund für dieses überschwängliche Gotteslob? Die Antwort lässt sich aus der restlichen Strophe heraushören: „Mein Mund besinge tausendfach den Ruhm des Herrn der Welt, der meiner Sünde Joch zerbrach, sich gab zum Lösegeld.“ Die Botschaft ist: Gott bietet jedem Menschen Erlösung an! Befreiung von allen schweren Lasten. Dafür gebührt ihm Ruhm und Ehre! Das ist nicht bloß eine Info! Für Wesley war es eine persönliche, befreiende Erfahrung! Deshalb heißt es: „der meiner Sünde Joch zerbrach“. John Wesley hat es selber erfahren: Durch Gottes Liebe spüre ich: Ich bin ein geliebtes Kind Gottes! Nichts kann mich von seiner Liebe trennen, nicht einmal meine Abwendung von Gott. Durch die Lebenshingabe von Jesus Christus lässt Gott mich diese Liebe ohne Wenn und Aber spüren. – So ähnlich hat uns diese Erfahrung die junge Ärztin mit ihrem Lieblingslied beschrieben. Diese entlastende und befreiende Erfahrung lässt mich aufatmen und überschwänglich singen!
Dein Name, Jesus, heilt den Schmerz, macht aus dem Leid ein Lied, dringt Sündern wie Musik ins Herz, ist Leben, Heil und Fried.
Predigt Teil II Pastorin Maren Herrendörfer
Kurzansprache zu EM 1,3: Mein Mund besinge tausendfach
Morgen bin ich wieder bei der Physiotherapie und kann mich darauf freuen, dass mein Nacken durchgeknetet wird. Manchmal drückt der Therapeut so lange auf eine verhärtete Stelle, bis der Schmerz nachlässt. Das ist ein wohltuender Moment! Aber bis dahin möchte ich manchmal am liebsten von der Liege springen. Das geht uns allen so: Egal, in welchem Bereich wir Schmerzen empfinden: Wir sehnen uns danach, dass sie aufhören. Schmerz ist unangenehm und manchmal auch unerträglich. Zahnschmerzen, Gliederschmerzen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen – die gehören zum Alltag und irgendwann auch zum Alter. Wahrscheinlich kann jede und jeder davon ein Lied singen. Solche Schmerzen schränken uns ein. Sie stechen oder brennen, ziehen oder pochen, und sie können uns regelrecht lahmlegen. Wie gut, dass es Schmerzmittel gibt, die ich der Migräne entgegensetzen kann, wenn sie mich mal wieder überfällt.
Aber es gibt auch Schmerzen, da helfen keine Tabletten. Bei sehr schweren Erkrankungen – aber auch bei Schmerzen, die die Seele betreffen: Trauer, Enttäuschungen, Einsamkeit … Auch das tut weh und ist manchmal kaum auszuhalten. Und dann? Versuchen wir, diesen Schmerz irgendwie zu verdrängen oder zu betäuben. Doch das gelingt in der Regel nur mäßig. Wie lassen sich solche Schmerzen überwinden? Was kann helfen?
Charles Wesleys Antwort lautet so – in der dritten Strophe dichtet er: Dein Name, Jesus, heilt den Schmerz, macht aus dem Leid ein Lied, dringt Sündern wie Musik ins Herz, ist Leben, Heil und Fried.
Was für eine Botschaft: Für Wesley ist allein der Name Jesus Medizin gegen seelische Schmerzen! Dem möchte ich nachgehen. In der Bibel haben Namen immer eine tiefere Bedeutung. Wir benutzen Namen heute oft einfach als Bezeichnung und wissen oft nicht mehr, was sie bedeuten. Marlene, Karsten, Lotta, Paul … Vielleicht erinnern Namen an Verwandte oder andere herausragende Persönlichkeiten. Aber wofür der Name wirklich steht?
Das war zu biblischen Zeiten anders. Der Name sollte immer etwas über die Person aussagen: welche Wünsche und Hoffnungen man für sie hat. So wird Joseph aufgetragen, den Sohn, den Maria zur Welt bringen wird, ‚Jesus‘ zu nennen, das heißt: Gott rettet. An anderer Stelle wird Jesus in der Bibel auch Immanuel genannt, bedeutet: Gott ist mit uns!
Wenn ich mir das vor Augen halte, bekomme ich eine Vorstellung davon, wie sein Name Schmerz heilen kann. Es ist diese Botschaft: Gott ist da! Gott rettet! – Das ist es, was Jesus deutlich macht – allein schon in seinem Namen. Und das gilt ganz besonders da, wo wir selber Schmerz und Leid erfahren. Da soll ich wissen: Ich bin nicht allein. Gott ist an meiner Seite, um mir Halt zu geben und zu helfen, um mich zu retten. Dafür steht er mit seinem Namen ein, und darauf darf ich mich berufen.
„Dein Name Jesus heilt den Schmerz“ - das heißt für mich: Deine Nähe, Jesus, heilt den Schmerz. In deiner Nähe erfahre ich Liebe, Annahme, Verständnis und Trost. Du kennst mich wie kein anderer. Du verstehst mich und fühlst meinen Schmerz mit mir. Du sagst nicht: „Reiß dich mal zusammen. Wird schon wieder. Kopf hoch.“ Nein, du bist da. Fühlst mit mir. Nimmst mich in den Arm, schenkst mir deine Aufmerksamkeit. Verurteilst mich nicht. Nennst mich nicht „Weichei“ oder „Mimöschen“. Und genau darin liegt mein Trost und Heil. In deinem Verstehen. In deinem Aushalten. Auf einmal kann ich loslassen, aufschauen, aufatmen. Denn du bist da.
Ich kann dich nicht sehen. Darum brauche ich immer wieder Zeiten des Innehaltens, um auf deine sanfte Stimme in meinem Herzen zu hören. Du sprichst auf unterschiedlichste Weise: Manchmal durch ein Bibelwort oder durch ein Lied, manchmal durch einen Sonnenstrahl oder einen Blütenzweig, durch einen anderen Menschen oder durch die Weite des Sternenhimmels. Wenn ich das erkenne, dass du da bist, löst das meinen Schmerz nicht sofort auf, aber ich bekomme Zuversicht: Er hält ihn mit mir aus.
Predigt Teil III Pastor Joachim Georg
Kurzansprache zu EM 1,6: Mein Mund besinge tausendfach
Vor gut zwei Wochen hat Markus Henrik sein neues Buch vorgestellt. Viele kennen ihn unter seinem Künstler-Namen Dr. Pop. „Macht Musik!“ heißt das Buch, Untertitel: „Wie Musik uns ein Leben lang trägt und glücklich macht“. Wow, Musik macht glücklich?! Dr. Pop muss es wissen. Er ist nicht nur Kabarettist, sondern vor allem engagierter Musikwissenschaftler. In dem Buch trägt er Studien und Fakten zusammen über die positive Wirkung von Musik. Er schreibt zum Beispiel: Wer regelmäßig unter der Dusche singt, hat nachweislich ein stärkeres Immunsystem. Singen setzt positive Kräfte frei. Es muss ja nicht die Dusche sein. Wer mag, kann im Gottesdienst singen. Und gemeinsames Singen, auch das stellt Dr. Pop heraus, hat demokratische Elemente. Es stärkt den Gemeinsinn. Wer miteinander singt, muss aufeinander hören.
In der sechsten Strophe heißt es:
„Ihr Tauben, hört ihn! – gemeint ist Jesus.
Also: Ihr Tauben, hört ihn! Stumme, singt!
Ihr seid zum Lob befreit.“
Schon etwas befremdlich, oder? Das entspricht so gar nicht unserer Lebenserfahrung. Ebenso seltsam geht es weiter:
„Seht, Blinde, den, der Heil euch bringt!
Ihr Lahmen, springt vor Freud!“
Verrückt ist das – fanden schon Menschen zu Jesu Zeit: Wenn Taube hören und Lahme gehen - Ich füge einen Bundestrich ins Wort ein. Dann wird aus „verrückt“ im Sinne von „weltfremd, undenkbar und unmöglich“ ein „ver-rückt“ im Sinne von verschoben. Gott ver-rückt, was unverrückbar scheint. Unser Blick wird auf Gottes Dimension hingelenkt.
Wie kommt Charles Wesley dazu, so zu dichten? Die Wesley-Brüder waren von Kindheit an mit Bibelworten vertraut. Ihre Predigten und Liedern sind voll davon. Manchmal war ihnen das selbst nicht bewusst. Allein dieses kurze Lied enthält über dreißig Anklänge an Bibel-Zitate.
In dieser Strophe bezieht sich Wesley auf Jesaja 35. Da heißt es: Wenn Gott euch rettet, „dann gehen den Blinden die Augen auf, und die Tauben können auf einmal hören. Der Gelähmte springt wie ein Hirsch, und der Stumme jubelt aus vollem Hals.“ Solche wunderbaren Veränderungen wurden mit dem Eintreffen des Messias verbunden. Wenn er kommt, so die jüdische Heilshoffnung, wird sich Gottes Liebe allen deutlich zeigen. Jesu Freundinnen und Freunde glaubten: Jesus ist der Messias. Auch damals waren sich Menschen nicht sicher und fragten: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Jesus antwortete: Schaut doch, was hier passiert: „Blinde sehen, Lahme gehen. … Taube hören… und denen, die Sehnsucht nach Gott haben, wird das Evangelium verkündet.“ Natürlich wurden damals in Israel nicht alle Blinden sehend. Nicht alle Lahmen konnten plötzlich gehen. Aber eins war spürbar: Gott wendet sich in Liebe den Menschen zu, allen Menschen. Das sehen wir an Jesus Christus, an seinem Reden und Handeln.
Charles Wesley weist genau darauf hin: Jesus Christus ist der, auf den es ankommt. In ihm erkennen wir Gottes Liebe zu uns. Und zwar eindeutig. Wenn wir auf sein Wort hören, wird unser inneres Ohr geöffnet. Dann können wir Loblieder singen. Dann sehen wir, woher das Heil kommt, nämlich von Gott. Dann, ja dann, springen wir innerlich vor Freude auf. Und das ist heilsam. Amen.
Mitwirkende
Marco Alferink
Gerald Brose
Joachim Georg
Albrecht Gündel-vom Hofe
Maria Helmin
Maren Herrendörfer
Christiane Mikkeleitis
Agnes Linke-Georg
Katherina Roth
Oliver Olesch