Eine beeindruckende Backsteinkirche mit einem hohen, geschwungenen Turm steht im Vordergrund. Der rot gedeckte Dach zieht die Blicke auf sich, umgeben von Bäumen und Tischen im Freien. Der Himmel ist teilweise bewölkt, was dem Bild eine ruhige Atmosphäre verleiht. Eine beeindruckende Backsteinkirche mit einem hohen, geschwungenen Turm steht im Vordergrund. Der rot gedeckte Dach zieht die Blicke auf sich, umgeben von Bäumen und Tischen im Freien. Der Himmel ist teilweise bewölkt, was dem Bild eine ruhige Atmosphäre verleiht.
Eine beeindruckende Backsteinkirche mit einem hohen, geschwungenen Turm steht im Vordergrund. Der rot gedeckte Dach zieht die Blicke auf sich, umgeben von Bäumen und Tischen im Freien. Der Himmel ist teilweise bewölkt, was dem Bild eine ruhige Atmosphäre verleiht.
09.11
2025
10:00
Uhr

ev. Gottesdienst aus der Oberkirche St. Nikolai in Cottbus

Mitwirkende:

Superintendent Georg Thimme (Predigt & Liturgie)

Pfarrerin Katrin Rebiger & Pfarrerin Johanna Melchior (Lesungen & Gebete)

Musikalische Ltg.: Kirchenmusikdirektor Peter Wingrich

 

Predigt
Liebe Gemeinde, hier in der Kirche, zuhause oder unterwegs – wo immer Sie zuhören und mit uns feiern,

der Tag heute hat es in sich. Licht und Dunkel so nah beieinander. Ich blicke zurück:

9. November 1938: Synagogen brennen, auch hier in Cottbus, jüdische Geschäfte werden zerstört, Menschen gejagt, erniedrigt, ermordet. Die frühere Jüdische Gemeinde in Cottbus existierte bis 1938. Ihre Mitgliederzahl betrug zu dieser Zeit fast 400 Personen. Menschen aus allen Berufen und Schichten. „normale“ Bürger. Unter ihnen waren angesehene Persönlichkeiten der Stadt. Die jüdische Glaubensgemeinschaft in Cottbus galt als eine der reichsten Gemeinden in Deutschland – so lässt es sich im Archiv der Stadtgeschichte nachlesen. So ein Satz ist gefährlich. Denn er nährt das Vorurteil, das heute noch begegnet: JUDE=GELD= Reich … Als würde diese falsche Behauptung irgendetwas rechtfertigen! In der Reichspogromnacht am 09. November 1938 wurde die Cottbuser Synagoge in Brand gesetzt. Mit diesem Datum hörte die Gemeinde auf zu existieren. Nach Kriegsende lebten in Cottbus nur noch 12 Mitglieder der ehemaligen Gemeinde. Nachbarinnen und Nachbarn damals sahen in der Pogromnacht zu. Manche schauten weg. Der 9. November ist ein Tag des Schmerzes, der Schuld und des Erinnerns.

Aber er ist auch zum Tag der Hoffnung geworden. Ein anderes Jahr, derselbe Tag: 1989. Menschen auf den Straßen, Kerzen in der Hand. Sie glauben an Freiheit, Veränderung, an die Kraft des Wortes. Grenzen öffnen sich, Mauern fallen. Tränen der Freude. Auch das ist Erinnerung – diesmal eine, die befreit und verbindet. Der 9. November steht für beides: für maßloses Verbrechen und Scham und für Aufbruch in Freiheit. Für das Wegsehen – und für das Hinsehen. Für Dunkelheit – und Licht.

Und mitten hinein in diese Spannung hören wir Jesu Worte aus dem Lukasevangelium. Sie treffen in`s Schwarze. Sie gehen ins Herz. Sie stellen Welt infrage: „Ich aber sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde. Tut Gutes denen, die euch hassen. Segnet, die euch verfluchen. Bittet für die, die euch beleidigen. Richtet nicht, dann werdet ihr nicht gerichtet. Vergebt, dann wird euch vergeben. Gebt, und es wird euch gegeben werden: ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß. Denn mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch zurückgemessen werden.“

Diese Worte klingen fast zu groß, zu schön, zu herausfordernd – ja, auch wie eine Zumutung: Liebt eure Feinde. Wie soll das gehen? Und doch spüre ich, wie notwendig solche Worte sind – gerade in diesen Tagen, wo es so viele harte Stimmen gibt. Und ich selber bin nicht frei davon.  In politischen Debatten, in den sozialen Medien. Worte werden schärfer, Urteile schneller, Gräben tiefer. Menschen fühlen sich verletzt – und verletzen selber auch andere. 

Jesus spricht mitten hinein in diese Spirale. „Liebt eure Feinde“. Das ist kein romantischer Satz. „Liebe“ im biblischen Verständnis meint nicht vordergründig romantische Gefühle. Es geht vielmehr um das ganz praktische Miteinander: der andere, auch wenn er oder sie mir feindlich gegenüber steht, ist und bleibt ein Mensch wie Du und ich.  Jesu Worte sind Aufruf zum Widerstand – gegen den Hass. Feindesliebe heißt nicht, alles hinzunehmen. Es heißt, Mensch zu bleiben, wo andere unmenschlich werden. „Sei a Mentsch“ nannte es einst der Vater des Sportreporters Marcel Reif. Du, lass Dich nicht verhärten, singt es Wolf Biermann.

Ich denke an Situationen, in denen das schwerfällt: Ein Streit in der Familie, der nicht beigelegt wird. Ein Kollege, der unfair über mich redet. Ein Mensch, der mich enttäuscht hat. Da ist es leichter, innerlich dichtzumachen, als die Hand auszustrecken. Doch genau da beginnt das Evangelium: Lass dich nicht gefangen nehmen vom Unrecht, das dir begegnet. Handle anders. Handle aus Liebe.

In der Sprem, der zentralen Cottbuser Fußgängerzone, gibt es heute wieder eine Synagoge. Die 1714 von Hugenotten errichtete Schlosskirche wurde bis dahin vielfältig genutzt. 2003 wurde sie umfassend saniert. Als die seiti hrer Neugründung 1998 stetig anwachsende Jüdische Gemeinde Cottbus ein Gebäude zur Nutzung als Synagoge suchte, fiel die Wahl auf dieSchlosskirche. Nach Klärung vieler Fragen war es dann soweit endlich am  27. Januar 2015 soweit: Die Synagoge wurde eingeweiht. Mitten im Zentrum unserer Stadt. Wenn ich heute an diesem Ort stehe, spüre ich: Erinnern heißt nicht nur, Vergangenheit im Gedächtnis zu behalten. Sie ist nicht rückwärtsgewandt. Erinnern heißt, Verantwortung zu übernehmen. Leben zu gestalten. Nicht zu verhärten. Damit Hass nicht wieder Wurzeln schlägt.

Ein Satz von Jesus trifft mich besonders heute: „Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden.“ Wie schnell bin ich dabei, andere zu bewerten: „Der tut zu wenig.“ – „Die ist schuld.“ – „Der hat’s besser.“ Aber Gott sagt: Ich messe dich nicht nach deiner Leistung. Ich messe dich nach deiner Liebe. 

Ich stelle mir Gottes Maß vor wie ein randvoll gefülltes Gefäß. So gibt Gott. Nicht spärlich, sondern verschwenderisch. Dieses Bild verändert mich: Ich muss nicht länger leben aus der Angst, zu kurz zu kommen, sondern kann es aus der Gewissheit tun, reich beschenkt zu sein. Ich kann selber geben und schenken: Zeit, Geduld, Nachsicht, Zuhören. 

„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“ Das ist der Kern dieser Rede Jesu. Barmherzigkeit – klingt weich, ist aber stark. Barmherzigkeit sieht den Menschen vor der Meinung. Sie hört zu, wo andere längst fertig sind mit ihrem Urteil. Sie traut Verwandlung zu, wo alles verloren scheint.

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft diese Haltung neu lernen. Barmherzigkeit – über Meinungsgrenzen hinweg. Zwischen denen, die laut sind, und denen, die leise geworden sind. Zwischen Generationen, Lebensstilen, Überzeugungen. Und dabei nicht vergessen: Gott misst nicht mein Rechthaben, sondern meine Liebe. 

Ich komme viel herum in unserer Region und sehe, wie sie sich verändert – wirtschaftlich, sozial, kulturell. Manches, was lange selbstverständlich war, bricht weg. Und doch entdecke ich überall Zeichen von Hoffnung: Menschen, die Neues wagen. Initiativen, die Nachbarschaft leben. Gemeinden, die offen sind für andere. Diese Bewegungen sind leise, aber sie tragen. Sie zeigen: Wandel ist kein Untergang. Er ist eine Einladung, neu zu denken, neu zu glauben, neu zu lieben.

Die wechselvolle Geschichte des 9. November erinnert daran: Mauern können fallen. Herzen können sich öffnen. Frieden kann wachsen – wenn Menschen darauf vertrauen, dass Liebe stärker ist als Angst.

Das ist das Evangelium: Wir leben nicht, weil wir alles richtig machen. Wir leben, weil Gott uns liebt – daraus wächst unser Auftrag: menschlich bleiben - Frieden suchen. Worte finden, die verbinden.

Liebe Gemeinde am 9. November – heute gelten diese Worte Jesu: „Liebt eure Feinde. Richtet nicht. Vergebt. Gebt.“ Das beginnt ganz klein: im Gespräch, am Gartenzaun, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde. Es beginnt in der Art, wie wir über einander sprechen. Und in der Art, wie wir uns ansehen: als Geliebte Gottes.

Da, wo früher die Synagoge in Cottbus stand, erinnert heute eine Gedenktafel an ihre Zerstörung am 9. November 1938. Eine Menora ist dort abgebildet – der siebenarmige Leuchter. Daneben ein Ausspruch des Rabbiners Martin Riesenburger. 1961 wurde er Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden in der DDR. Seine Worte berühren mich. Sie fassen alle wechselvollen Ereignisse dieses Tages zusammen. Zeigen, wobei es bei der Erinnerung geht und wie Leben gelingen kann. Seine Botschaft lautet: „Wer den Frieden fördert, wer den Frieden stiftet, wer für ihn kämpft und ihn liebt, der wird neues Lebensglück und Freude hineintragen in die Welt.“

So segne uns der barmherzige Gott,

der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.

Mitwirkende

Predigt: Superintendent Georg Thimme
Liturgie: Pfarrerin Katrin Rebiger, Pfarrerin Johanna Melchior, Superintendent Georg Thimme
Musikalische Leitung: KMD Peter Wingrich