Das Bild zeigt einen historischen Kirchturm mit einer markanten Uhr und einer Kuppel. Im Hintergrund sind moderne Gebäude und Bäume zu sehen, während der Platz im Vordergrund einige Passanten und Fahrzeuge zeigt. Der Himmel ist blau mit wenigen Wolken.
31.05
2026
10:00
Uhr

Die güldne Sonne

evangelischer Gottesdienst zum 350. Todestag von Paul Gerhardt.

„Die güldne Sonne“ – unter diesem Titel steht der Rundfunkgottesdienst aus der Paul-Gerhardt-Kirche in Lübben am 31. Mai 2026. Zum 350. Todestag des bedeutenden Lieddichters Paul Gerhardt feiern wir einen Gottesdienst mit seiner Sprache, seinen Liedern und ihrer bis heute bewegenden Kraft.

Die Liturgie gestaltet Pfarrer Martin Liedtke, die Predigt hält Landesbischof Christian Stäblein. Neben weiteren Mitwirkenden prägen musikalische Beiträge von Prof. Dr. Konrad Klek an der Orgel und dem Vokalensemble Cantemus unter der Leitung von Hardy Schulze diesen besonderen Gottesdienst.

Ablauf des Gottesdienstes

Predigt

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, unter den kräftig hervortretenden Bekenntnisliedern von Paul Gerhardt ist „Ist Gott für mich so trete“ ein ganz markantes. Das liegt nicht zuletzt an der Melodie. Ihr Ursprung liegt im England des 16. Jahrhunderts: Eine herbe, trotzig herausfordernde Stimmführung – wir werden es gleich hören und gewissermaßen singend diesen Trotz auch praktizieren. 13 Strophen Trotz sind es im Evangelischen Gesangbuch – Paul Gerhardt dichtete tatsächlich noch mehr. Sechs davon werden wir in der nächsten Viertelstunde anstimmen. Wir schreiten damit Stück für Stück voran, das Lied ist sozusagen ein starker Auftritt, mit fester Schrittfolge. Wenn man es in der Sprache des Herkunftslandes der Melodie sagen wollte, ein nachdrückliches: Here we go. Los geht’s! Mit der ersten und der dritten Strophe, im Evangelischen Gesangbuch Nr. 351

 

351,1.3 Ist Gott für mich so trete

 

Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich – hier draußen vor der Lübbener Kirche kann man Paul Gerhardt in Lebensgröße anschauen, das Bronzedenkmal wurde 1907 anlässlich seines 300. Geburtstages aufgestellt und ist, weil es so eindrücklich ist, seitdem mehrfach kopiert worden. Sie, liebe Lübbener und liebe Gäste in der Stadt, kennen es gut. Paul Gerhardt tritt einem da gewissermaßen entgegen, ganz handgreiflich oder eigentlich, wenn es das gäbe, fußgreiflich, denn er steht tatsächlich nicht, wie Statuen es öfter tun – er schreitet aus: Die klassische Stand- und Spielbeinhaltung, wie die Experten sagen, in diesem Falle ziemlich sprechend. Here we go, sozusagen, mit Stand- und Spielbein. Beides finden wir bei Paul Gerhardt in Leben und Liedern. Da ist das fröhlich spielerische, wie wir es vor allem aus den Dichtungen von ihm kennen, in denen die Schöpfung beschrieben wird. Da gilt schon mal „die unverdrossene Bienenschar fliegt hin und her, sucht hier und da“ oder „das Schwäblein speist die Jungen“ – da geht – aus diesem Lied sind die Zitate – das „Herz aus und suche Freud“, das vielleicht bekannteste Paul Gerhardt Lied über alle Grenzen und Milieus der Gesellschaft hinweg – geh aus, mein Herz, und suche Freud. Wer das tut, innerlich, singend, gedanklich, der reist in verspielter Weise durch die Schöpfung – barock mag man dieses Spielbein auch nennen, ist Paul Gerhardt doch der Liederdichter des Frühbarocks. Und Barock heißt ja auch, den Schmuck des Lebens in den Blick zu nehmen, ja daran mitgestalten, die Ornamentik der Welt und des gemeinsamen Lebens nachzeichnen, ausmalen, in Sprachbilder und Töne bringen. Barock – ich liebe das: in aller Fülle - du findest immer noch eine Locke mehr in der Betrachtung einer Pflanze, einer Blume, eines Strauches, du setzt noch einen Schnörkel mehr auf das Bild, das die Welt dir malt. Narzissus und die Tulipan - hier in der Kirche hängen sie gemalt, von Menschen, die hier zuhause sind - die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide – das muss man erstmal sehen, und wenn man es endlich begriffen hat, dann gibt das Schwung, auch im Gesang. Schnörkel, für die der Barock so berühmt sind, ist nur ein anderes Wort für Schwung. Also hinein in den Schwung des Spielbeins der Welt und dieses Dichters – davon leben wir bis heute, vom wunderbaren Schwung dieser Lieder. Ist doch so, denke ich, und machen wir vielleicht zu selten: den Schwung der endlosen Strophen auskosten, für die er auch berühmt ist. Sie wirklich alle hintereinander weg singen. Das machen sie hier in Lübben vielleicht öfter mal! Erst denkst Du: au wie, kann lang werden, aber dann merkst Du, wie Du in Schwung kommst, so ab Strophe 4 oder 5 vielleicht und irgendwann kann man gar nicht mehr aufhören, so stark ist der Schwung. So ist die Schöpfung, so ist Gottes Spiel für uns, so das Spielbein der Lieder des Dichterfürsten, ich will ihn einmal doch so nennen: Dichterfürst. Für einen, der zu seiner Zeit wenig kirchenpolitisch erfolgreich schien, aber eben künstlerisch, heute würden wir vielleicht sagen: Liedermacher der Herzen. Keiner allerdings, der in der Innerlichkeit verschwindet, im Gegenteil: raus da, geh raus, mein Herz, und suche Freud, in diesem Leben, in dieser Welt. --

Dahin, wo es das Standbein braucht: Ist Gott für mich so trete gleich alles wieder mich ist ja ein Lied über den Stand in der Welt, der Grund, da ich mich gründe, ist Christus und sein Blut. Es macht Paul Gerhardts Lieder und zweifellos auch sein Leben aus, dass er so klar und fest weiß, wo sein Stand ist. Here I am, hier stehe ich!

Paul Gerhardts Entscheidung, das klare Bekenntnis über eigene Vorteile zu stellen, der entschiedene Weg in Abkehr zum preußischen Königshaus und seinen Bekenntnisvorgaben, beeindruckt. Hier stehe ich, auch wenn die Oberen gegen mich treten. Mit dieser Haltung ist er von Berlin nach Lübben gezogen und jener Spreewalddichter geworden, den wir heute feiern. Aber wir wissen nur zu gut, wie hart das sein kann, im Leben seinen Standpunkt durchzuhalten – auch mal am Zeitgeist vorbei. So oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Nicht hinter mich, sondern hinter sich heißt es da in der ersten Strophe des Liedes. Die Dinge in die Schranken weisen – singend – betend – und so Gott ins Herz treten lassen. Ach, Sätze dieser Art klingen schön und fromm, aber schnell auch nach einer Sonderwelt. Wie geht das? fragen nicht nur die, die weit weg von Kirche und Glauben sind, sondern ich auch manches Mal, wie geht das: Gott ins Herz holen, eintreten lassen, Gottes Stand- und Spielbein im eigenen Leben erfahren. – Wir würden nicht so viel über Paul Gerhardt und das Singen reden, wenn nicht gerade das ein guter Weg wäre. Singen ist ja jene Form, in der ich gewissermaßen mit meiner Stimme aus mir heraustrete – und als Stimme von außen zu mir zurückkehre. Das ist beim Sprechen auch so, aber beim Singen noch anders, weil mein Ich beim Singen zurücktritt, wenn es nicht allein, sondern mit anderen singt. Und ebenso verändert zu mir zurückkehrt. Klingt kompliziert? Nun, wer singt, spürt sofort, was gemeint ist: So oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sichSein Geist wohnt mir im Herzen, regiert mir meinen Sinn, vertreibet Sorg und Schmerzen, nimmt allen Kummer hin. Das kann sich einstellen beim Singen: Nimmt allen Kummer hin. Das Lied beschreibt, wie dieser Stand zu Stande kommt, eine Ahnung davon zumindest. Singend mitgehen, fest gestellt in der Welt. Draußen vor der Kirchtür hier in Lübben hat Paul Gerhardt ein aufgeschlagenes Gesangbuch in der Hand. Sie jetzt auch: Wir singen weiter - die 7. und die 9. Strophe aus dem Lied 351 im Evangelischen Gesangbuch

351,7+9 Sein Geist wohnt mir im Herzen

Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich. Liebe Gemeinde, wenn wir das Paul-Gerhardt-Denkmal hier in Lübben vor der Tür genauer betrachten – und es lohnt sich, sage ich, die, die jetzt am Radio zuhören, vielleicht gerade im Auto, kann ich nur ermuntern: schauen Sie im schönen Lübben vorbei, die Natur, das Wasser, die Stadt mit Statue am Marktplatz vor der Kirche, die Menschen hier sind beeindruckend -, also wenn wir das Denkmal genauer betrachten, die Lübbener wissen es: Es gibt hinter den schon beschriebenen Beinen ein ungewöhnliches Detail aus Bronze, gewissermaßen verwachsen mit Paul Gerhardts Stand: eine angedeutete Kanone, die von Kornähren überwuchert wird. Eine Erinnerung, dass Paul Gerhardt mit Leben und Liedern aus der Zeit des 30jährigen Krieges kam, der seine erste Lebenshälfte über in Europa und durch sein Leben getobt hatte. Den Krieg und das Töten hinter sich lassen, das ist die Sehnsucht in seinen Liedern. Was uns in Wahrheit auf dieser Welt nährt, wieder wachsen und über alles Krieg führen wuchern sehen – die Ähren des Korns, friedensfähig, nicht kriegstüchtig, das ist Paul Gerhardts Stand, die Erfahrung einer Generation, die die Verheerung Europas erlebt hat. Da brauche ich gar nicht viel anfügen heute. Bei aller Debatte, die wir friedensethisch um diese Themen Wehrdienst und Kriegstüchtigkeit führen und führen müssen und uns nicht zu schnell dabei unser Christsein im Streiten absprechen sollten – es bleibt wichtig, die Friedensbotschaft des Evangeliums und dabei auch die Menschen im Blick zu haben, die jetzt und in diesem Moment überfallen, angegriffen und im Krieg sind und auf unsere Hilfe hoffen -, also bei aller Debatte um den richtigen Standpunkt des Glaubens, dürfen wir alle die Friedenssehnsucht nie aufgeben. Sie ist unser Stand- und unser Spielbein, unser Heraustreten: Here we go!

Und? Wo geht es hin? Was ist das Ziel? Hoffnung und Himmel sind die Orte, wusste Paul Gerhardt. Das wird in jedem seiner Lieder und in diesem heute besonders klar: Es ist Gott, der für uns eintritt. Es ist nicht unser Werk, dass alles, was da gegen uns tritt im Leben, am Ende der Seele und dem Herz nichts anhaben kann – naja, wieder auch so ein Satz, der sich leichter singt, als dass ich ihn vollmundig aussprechen mag. Aber hoffend, singend glauben: Es ist eben Gott, der für uns eintritt, in Christus. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ – da geht sie auf in der letzten Strophe des Liedes jetzt gleich. Das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist. Ich bin überzeugt, es sind diese Himmelsreisen in Paul Gerhardts Liedern, die ihn bis heute zu dem Popstar machen, der er kirchlich und außerkirchlich ist. Paul Gerhardt – twelve points, ruft ja die halbe Welt ihm zu in allen Jahreszeiten und Lebenswechselfällen und macht deshalb aus der gar nicht so runden 350, die sich ja auf den Todestag bezieht, fast so etwas wie einen großen Geburtstag. Weil er nicht zeitlos, sondern doch in jede Zeit eintritt mit diesen Liedern.

Ist Gott. Für mich. Vier kurze Worte gleich zu Beginn, die alles umfassen. Ist Gott. Ist Gott? Zu allen Zeiten die große Frage. Die man wohl stets nur so beantwortet, dass man es halt mal einfach voraussetzt. So kommt Glauben bisweilen zu Stande, in dem man ihn halt voraussetzt, vor alles andere, gleich am Anfang, erste Worte: Ist Gott. Und dann, wenn ja: doch nicht für sich, nicht abstrakt, nicht theoretisch, nein: Für mich. Jetzt. In meinem Leben. Pro me, das entscheidende, im alten Kirchenlatein gut lutherische pro me: für mich, sonst ist, sonst wäre der Glaube zumindest für mein Leben wertlos. In der Sprache der Melodie aus England, herbe und trotzig, aber wirkungsvoll: For me, besser: for me and for you. Der Anfang eines Tanzes geradezu, in Schrittfolge und Sprüngen. Bei Paul Gerhardt endet es ziemlich genau so, tänzerisch: Mein Herze geht in Sprüngen. Vielleicht das der Grund für die so lebendige, dynamische Statue vor der Tür. Im Wechselschritt durch die Zeiten, auch jetzt. Geht los, geht auf Dich zu, geht und nimmt dich im Singen mit. Das Herz in Sprüngen. Weil Gott für dich und für mich ist. Also nun die letzten Strophen: 11 und 13. Hier stehen wir und here we go. Spielerisch und genießend in dieser Welt, trotzig, wo es darauf ankommt, fest gegründet im Glauben. Können nicht anders, natürlich nicht. Da lacht die Sonne. Gott für Dich. Amen.

 

351,11+13 Die Welt, die mag zerbrechen