Ich trete aus dem U-Bahnhof Hallesches Tor in Kreuzberg, die Hände tief in den Taschen. Die Kälte hängt noch zwischen den Häusern, der Atem steht kurz in der Luft. Eigentlich will ich nur irgendwo rein. Über mir fährt gerade die U1 Richtung Kotti. Unter mir fließt der Landwehrkanal.
Im Sommer ist es hier bunt und lebendig, an Pfingsten stehen rund ums Hallesche Tor die bunten Stände und Bühnen vom Karneval der Kulturen, der ein oder andere Mojito liegt da in der Luft zusammen mit dem Duft nach gebratener Sucuk, aber jetzt nichts als grau. Mich fröstelts gleich noch mehr. Also los, ich laufe etwas schneller geradewegs auf die Tür der Amerika-Gedenkbibliothek zu. Drinnen ist es warm.
Nicht gemütlich wie in einem Café. Ich bleibe kurz stehen, überlege, wo ich genau hinmuss und dann gehe ich rein. In eine Welt zwischen Buchdeckeln und ungelerntem Wissen, neuen Abenteuern, die ich erleben kann und Dingen, ich noch entdecken muss.
Nach der Spaltung Berlins 1948 und 1949 fehlten im Westteil der Stadt viele Bibliotheken. Die Amerika-Gedenkbibliothek war eine Antwort darauf. Ein Geschenk an eine Stadt, die eingesperrt war. Sie sollte ein Ort für freie Gedanken, offene Regale, offene Türen sein in einer Stadt in der man nicht überall frei hinkonnte.
Die Amerika-Gedenkbibliothek gehört zu den Orten, mit denen die amerikanische Besatzungsmacht nach dem Krieg die Demokratisierung in West-Berlin fördern wollte – so wie das Amerika-Haus oder der Sender RIAS. Auch ihre Architektur steht dafür: offen, lichtdurchflutet – sie ist ein Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Vergangenheit.
Und heute, heute ist sie mein Lernort. Sie war es schon immer. Während der Schulzeit ging ich hierhin, um spezielle Bücher zu finden, die es in meiner kleinen Stadtteilbibliothek nicht gab und auch während der Uni-Zeit kam ich immer wieder hierher. Ich setze mich an einen freien Tisch. Um mich herum Menschen, Jacken rascheln, jemand zieht einen Stuhl zurück, irgendwo klappen Seiten um. Hier redet kaum jemand, und trotzdem fühlt man sich nicht allein. Manche lesen Zeitung, andere lernen, jemand schläft kurz ein. Das mag ich an diesem Ort. Alle können sein wie sie wollen und wir alle wollen irgendwie auch das gleiche: Zeit. Ruhe. Wärme. Ein Ort offen für alle, die ihn brauchen.
Der Anfang der Weisheit liegt im Erwerben von Weisheit,
und all dein Besitz besteht im Erwerben von Einsicht.
Die Bibel, Buch der Sprüche 4,7