Meine spontane Reaktion: Jetzt einfach nur gemütlich zuhause bleiben! Ich hab‘ zu nichts mehr Lust. Der Tag war super anstrengend, ich sitze bereits mit Jogginghose auf‘m Sofa und so richtig toll sieht das Wetter draußen auch nicht aus. „Hey Alexander, lass uns doch schnell noch mal in den Weißen See springen“. Textnachricht von meinem Kumpel. Ja, von wegen schnell mal… ich weiß, es würde mir guttun, das kühle Wasser auf der Haut, die Bewegung und das Schnacken mit meinem Freund. Danach fühle ich mich bestimmt wie ausgewechselt. Aber die Gravitationskraft des Sofas, die ist gerade am Abend besonders groß. Außerdem ist der Sommer doch Mitte September schon fast vorbei.
Halt. Stopp. Allein schon dieser Gedanke: „Der Sommer ist doch schon fast vorbei.“ Nein, das darf nicht sein. Ich will weiter Sommer. Licht, Leichtigkeit, Lebensfreude – ich muss das retten und entscheide mich um: springe auf, entkomme dem Sog des Sofas, stopfe Shorts und Handtuch in den Beutel und tippe gleichzeitig noch in mein Handy: „Bin schon unterwegs, bis gleich.“
Fünf Minuten später stehe ich vor der schwarzen Fassade mit den lustigen weißen Zeichnungen. Das Strandbad Weißensee: über hundert Jahre alt, früher mal Teil eines Vergnügungsparks. Vom Alexanderplatz sind es gerade mal zwanzig Minuten Richtung Nordosten mit der Tram. Und dann fühlt man sich im trubeligen Berlin plötzlich wie im Paradies.
Ich lass mich ins Wasser gleiten. Mein Körper zieht sich vor Kälte zusammen. Das Sofa ist auf jeden Fall wärmer gewesen. Schnelle, kräftige Züge. Ich pruste ins Wasser. Nach drei Bahnen drehe ich mich auf den Rücken, höre meinen Herzschlag und Atem. Treibe einfach so dahin. Schaue in den Himmel. Lustige Wolkenfiguren ziehen vorbei: ein Drache, ein Delphin. Und dazwischen Blau. „Das war ein schöner Sommer“, denke ich, „Danke, lieber Gott, und ja, es ist auch okay, dass er jetzt langsam zu Ende geht.“ Wasser spritzt mir plötzlich ins Gesicht. Mein Kumpel ist neben mir reingesprungen. „Cool, dass du da bist“, ruft er mir zu.
„So habe ich erkannt: Es gibt kein größeres Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und sich’s gut gehen zu lassen.“ Der Prediger Salomo in der Bibel.