Ein „Lieblingsort“, das ist dieser Ort bestimmt nicht. Aber einer, der ein Teil von Berlin ist wie der Fernsehturm und das Brandenburger Tor.
Die Wände sind weiß mit Kalk getüncht, der Fußboden nackter Estrich – in der Mitte ein Bodenausfluss. Durch den Raum, im hinteren Teil, geht ein Stahl-Doppel-T-Träger. Daran große Fleischerhaken. Rechts hinten eine Tür, Stahl wieder oder vielleicht mit einem Blech verkleidet; links an der Seite ein Spritzschutz aus beigen Kacheln. Durch die schmalen Fenster gegenüber dem Eingang fällt gedämpftes Licht.
Auch im Frühling befällt einem in diesem Raum ein leichtes Frösteln.
Heute werden hier Rosen und Kränze niedergelegt. Es ist der zentrale Ort der Gedenkstätte Plötzensee.
Damals war es wohl eher ein unbedeutendes Nebengebäude, ein Schuppen. So hieß er tatsächlich: „Hinrichtungsschuppen.“
In den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Diktatur wurden hier mehr als 2800 Menschen zu Tode verurteilt und hingerichtet. Natürlich zu Unrecht.
Ermordet. Durch das Fallbeil, oder erhängt.
Darunter:
Hilde Coppi.
Alfred Delp.
Helmut Graf James von Moltke
Hildegard Jadamowitz
Mildred Harnack
Galina Romanowa
Über 250 Menschen mit einem polnischen Namen.
Über 650 mit einem tschechischen.
Menschen sterben, natürlich. Sie sterben an Herzinfarkten, an Krebs, an Alter, bei Unfällen. All das ist schrecklich. Aber hier wurde gemordet. Im Namen des deutschen Volkes, mit Gerichtsurteil. Zukunft vernichtet. Und die Asche der Ermordeten, sie wurde hinterher auf den Rieselfeldern im Westen von Berlin verteilt.
Auch in Berlin gibt es sie, diese Orte, an denen mir das Zitat in den Kopf schießt, das Jesus am Kreuz gesprochen hat:
„Mein Gott, mein Gott – warum hast du mich verlassen?“ Die Bibel – Psalm 22 und in den Passionsberichten von Markus und Matthäus.