Die spektakulärste Sehenswürdigkeit von Berlin ist kostenlos und kann von vielen Orten aus bewundert werden. Vom Kreuzberg oder vom Müggelberg. Von hohen Gebäuden aus.
Man muss noch nicht mal in die Höhe steigen - es genügt auch ein weiter Blick von einer der vielen Brücken der Stadt - über die S Bahn oder über die Spree: Ich spreche vom Sonnenaufgang.
Im Sommer verpasse ich ihn meistens; da schlafe ich zu lang. Aber jetzt im Winter, da schaffe ich es des Öfteren mal, zu der Zeit an einem Ort zu sein, wo ich ihn sehen kann. Und wenn er sich dann auch sehen lässt, dann bin ich immer wieder aufs Neue berührt.
Erst ist alles dunkel und dann kommt so ein ganz besonderes Blau. Manchmal sieht man den Morgenstern. Ich finde, er ist ein bisschen gelber als die anderen Sterne. Manchmal ist der Mond noch zu sehen. Dann die ersten hellen Streifen am Horizont. Irgendwann der Sonnenball selbst. Er taucht alles in warmes Licht.
Oft bin ich nicht die einzige, die dann staunend dasteht: wer ihn sieht, lässt sich berühren. Menschen halten kurz an. Manche machen Fotos.
Das Gebet der Muslime richtet sich nach dem Stand der Sonne. Das erste Gebet des Tages sollte kurz vor Sonnenaufgang sein. Wenn man sich zum Beten aus dem Bett gequält hat, wird man mit Licht belohnt. Gar nicht so schlecht, denke ich, dass eine Religion mich dazu bringt, für die Wunder der Welt wach zu sein.
Seit ich Menschen kenne, die das tun, schicke ich, wenn ich den Sonnenaufgang mal erlebe, zwischen zwei Herzschlägen einen Gruß an sie. Und dann lass ich mich davon anstecken - und schicke mein eigenes Dankeschön hinterher und mein Staunen gleich mit.
„Die Welt“, schreibt der Dichter Nazim Hikmet, „wird durch Schönheit erlöst. Damit, dass ein Mensch liebt, fängt alles an.“
„Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.“ 1 Johannesbrief Kapitel 4,Vers 18.