Ich gehöre zu einer aussterbenden Gattung: Ich lese Zeitschriften immer noch lieber ganz analog auf Papier. Digital am Bildschirm macht mir keinen Spaß. Und so pilgere ich mindestens einmal in der Woche zum kleinen Zeitungsladen um die Ecke. Wobei „Zeitungsladen“ eigentlich eine unzulässige Einschränkung ist, denn hier gibt es auch Tabak in jeder Form, Knabberzeug, Getränke, Eis, Lottoscheine – kaum ein Fleck ist nicht mit irgendetwas zugestellt. „Horror vacui“, die sprichwörtliche Angst vor der Leere bekommt man hier bestimmt nicht. Und zum Glück hat hier auch kein Designer jemals Hand angelegt.
Eigentlich ist das Geschäft eher ein Nachbarschaftstreff mit Verkaufsangebot. Bei schönem Wetter sitzen meistens ein paar Nachbarn vor dem Laden auf improvisierten Gartenmöbeln, rauchen, trinken und reden. Im Laden werden die Schlagzeilen der Zeitungen diskutiert oder auch über den einen oder anderen Politiker gelästert. Freundlich aber bestimmt wird die Kundschaft von zwei Damen dirigiert, die im Wechsel Dienst tun. Und die dem älteren Herrn auch schon mal sagen, wenn er genug Bier getrunken hat, oder die allzu redselige Kundin darauf hinweisen, dass hinter ihr jetzt ausreichend andere sich die Beine in den Bauch gestanden haben.
Hier habe ich nach einigen Jahren auch meinen persönlichen Ritterschlag erhalten. Ich hatte leise meine Hilfe angeboten, als ein Kunde Randale machte. Natürlich lehnte die Verkäuferin ab: „Lass mal, mit dem werd ick schon allein fertig.“ Aber seitdem werde ich geduzt. Was mich anderswo schon mal stört, hier bedeutet es: Ich gehöre jetzt dazu. Und ja, ich bin ein bisschen stolz darauf.
Hier ist auch möglich, was in Berlin sonst gewöhnlich nicht so üblich ist, - man wird angesprochen: „Sie sind doch ein Pfarrer oder sowas, ich hätte da mal ne Frage.“ Nicht dass die Frage dann allzu viel mit meinem Beruf zu tun hätte; es geht etwa darum, wie man ein Testament schreibt.
Eigentlich müssten Orte wie mein kleiner Zeitungsladen unter Bestandsschutz gestellt werden. Denn wie heißt es bereits: „Besser ein Nachbar in der Nähe als ein Bruder in der Ferne“ (Spr 27, 10b). Die Bibel, Buch der Sprichwörter, Kapitel 27, Vers 10.