Ein Straßenbahnwagen in Gelb und Rot, der mit buntem Graffiti verziert ist. Auf der Seite sind die Schriftzüge „YO“, „MAL“, „ANAL“ und „JOB ROCK“ zu sehen. Menschen stehen am Bahnsteig und warten auf die Bahn, während Bäume im Hintergrund sichtbar sind. Ein Straßenbahnwagen in Gelb und Rot, der mit buntem Graffiti verziert ist. Auf der Seite sind die Schriftzüge „YO“, „MAL“, „ANAL“ und „JOB ROCK“ zu sehen. Menschen stehen am Bahnsteig und warten auf die Bahn, während Bäume im Hintergrund sichtbar sind.
Ein Straßenbahnwagen in Gelb und Rot, der mit buntem Graffiti verziert ist. Auf der Seite sind die Schriftzüge „YO“, „MAL“, „ANAL“ und „JOB ROCK“ zu sehen. Menschen stehen am Bahnsteig und warten auf die Bahn, während Bäume im Hintergrund sichtbar sind.
01.02
2026
08:40
Uhr

Die Ringbahn

Ein Beitrag von Alexander Höner

„Der ultimative Geheimtipp“ – „die schönste Idee“ – „das absolute Must-Do“ – wenn ich solche Ankündigungen höre, weiß ich: das ist oft ein alter Hut mit Superlativen aufgepimpt. So wie beim „Geheimtipp“, die Berliner Buslinie 100 für eine günstige Stadtbesichtigung zu benutzen. Vom Zoologischen Garten bis zum Alexanderplatz führt sie vorbei an Brandenburger Tor, Reichstag, Museumsinsel und Fernsehturm. Einige der typischen Highlights. Wenn ich allerdings meinen Tipp geben soll, wie man Berlin am besten kennenlernt, dann sage ich: „Fahrt Ringbahn“ – wenn sie denn fährt...

Ringbahn ist für mich Berlin. Sie fährt zwar an weniger berühmten Sehenswürdigkeiten vorbei, aber dafür kann man hautnah erleben, wie Berlin tickt. Nämlich ganz direkt und ungeschminkt. Ich erinnere mich noch gut an eine Fahrt, als ich frisch nach Berlin gezogen war. Zwei Männer kamen sich wegen einer Lappalie ins Gehege: „Pass uff, ich steck dir gleich in die Mülltonne!“ – Der andere: „Es klatscht gleich, aber kein Beifall!“ Und dann war gut. Berliner Schnauze eben. Man weiß, woran man ist. Oder der junge Typ, der neben mir sitzt, mir plötzlich mein Handy aus der Hand nimmt und sagt: „Oh Mann, komm‘, ich mach‘ das, ich kann’s nicht sehen, wie lange das bei dir dauert!“ Und ich ihm dann meine Nachricht diktiere. Klingt konstruiert, ist aber genauso passiert.

In der Ringbahn ist eben alles möglich: Ein junger Mann wuchtet ein schrottiges Klavier auf Rädern in den Wagon und fängt an, ein Lied zu klimpern. Drei Frauen quetschen trotz Überfüllung noch ein komplettes Billy-Regal rein. Alle gucken völlig genervt, aber irgendwie ist doch noch Platz. „Bewahrt euch das, ihr beiden Süßen, guckt euch für immer so verliebt an wie jetzt,“ sagt die Drag-Queen und strahlt das Pärchen gegenüber an. Und ja: Auch die vielen Gestrandeten gehören dazu, die vielen, die sich gerade jetzt bei Kälte im Fahren aufwärmen. Eine Runde Wärme. 27 Bahnhöfe. In einer Stunde einmal rum um die ganze Stadt. Und wem immer noch kalt ist, fährt einfach weiter die zweite Runde. Manchmal kriegen sie was zugesteckt. Dit is die Ringbahn. Dit is Berlin. Nicht immer schön. Aber echt. Und menschlich.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“ Die Bibel, Römerbrief