Ein schmaler Weg führt durch eine Allee mit hohen Bäumen. Am Ende des Weges ist ein Gebäude mit einer großen Eingangstür zu sehen. Der Weg und die Umgebung sind von grünen Pflanzen gesäumt, die eine ruhige und einladende Atmosphäre schaffen.
03.05
2026
08:40
Uhr

Die "Toteninsel" in Halensee

Der kleine Friedhof in der Bornstedter Straße

Ein Beitrag von Tobias Przytarski

Kennen Sie die „Toteninsel“ in Halensee? – So wird in meiner Nachbarschaft der kleine Friedhof in der Bornstedter Straße genannt. Er liegt tatsächlich wie eine Insel zwischen Bahngleisen und muss über eine Brücke betreten werden. Zu sehen ist er eigentlich nur von der S-Bahn aus, ein Hügel, den Grabmonumente wie eine Burgmauer abschirmen.

Die Toteninsel wird aufmerksam bewacht – von Eichhörnchen. Wenn ich den Hauptweg zur Kapelle entlanggehe, kommt mindestens eins vom Baum herunter und stellt sich mir in den Weg. Eintrittsgeld wird erwartet - am liebsten in Form von Nüssen. Habe ich nichts dabei, springt das Tier mit empörtem Keckern auf seinen Baum zurück. Und ich gehe mit etwas schlechtem Gewissen weiter. 

Wie es sich für die deutsche Hauptstadt gehört, gibt es strenge Regeln für die Grabstellen, - zu wieviel Prozent sie mit Stein bedeckt werden dürfen, aus welchem Material die Grabmäler sein müssen und was keinesfalls toleriert wird. Und wie es in Berlin ebenfalls üblich ist, hält sich kein Mensch daran. Manchmal ist schon abenteuerlich, was an Plastikfiguren, Fotos und Andenken auf den Gräbern herumsteht. 

Was mir an diesem Friedhof Spaß macht: Er ist – anders als man bei einer Begräbnisstätte erwarten würde – voller Leben. Nicht nur wegen seiner liebenswerten Unordnung. So klein der Friedhof auch ist, ich war noch nie allein dort. Irgendjemanden treffe ich immer an. Anders als auf der Straße grüßt man sich. Und wenn ich mich bei der Grabpflege `mal wieder besonders dusslig anstelle, kommt gern die eine oder andere ältere Dame herüber zu mir und zeigt mir, wie man´s richtig macht. Oder hilft mir beim Laubeinsammeln. 

Eigentlich ist dieser Friedhof ein friedlicher und fröhlicher Ort. Gerade jetzt, im Mai, wenn alles blüht. Der Anlass für meine Besuche ist am Anfang traurig gewesen – wie wohl für die meisten, die dort die Gräber ihrer Angehörigen besuchen. Aber die „Toteninsel“ in Halensee macht mich dann doch bei jedem Besuch froh. Und sie illustriert für mich zugleich die Verse 2 und 3 aus dem 6. Kapitel des Buches Hosea. Darin wird über Gott gesagt: „Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht. … Er kommt so sicher wie das Morgenrot, wie der Regen, wie der Frühlingsregen, der die Erde tränkt.“