Berliner Gedenktafel, die an den 1868 gegründeten Berliner Asyl-Verein für Obdachlose erinnert. Die Tafel beschreibt die Eröffnung eines Asyls im Jahr 1896 für 700 Männer und die Erweiterung im Jahr 1907 um 400 Schlafplätze für Frauen. Der Name „Die Wiesenburg“ wird erwähnt.
18.10
2026
08:40
Uhr

Die Wiesenburg

Zentrum für obdachlose Menschen

Ein Beitrag von Christoph Kießig

Im Brennpunktbezirk Berlin Wedding wird ein neues Zentrum für Obdachlose Menschen eröffnet. Ein namhafter Architekt entwickelte auf einem 12.000 qm großen Grundstück ein modernes und funktionales Bauwerk, ökologisch und technisch auf dem neuesten Stand. 700 Personen haben hier Platz. Es verfügt über modernste sanitäre Anlagen, eine eigene Küche und sogar eine Bibliothek. Beachtenswert ist: der Bau und die Unterhaltung dieser Einrichtung nehmen keine Mittel der öffentlichen Hand in Anspruch! Berliner Unternehmer und einflussreiche Persönlichkeiten der Stadt finanzieren das Projekt über einen eigens gegründeten Verein.

Vielleicht denken sie: Na endlich, kümmert sich mal jemand um dieses Problem. Vielleicht sind sie erstaunt über das Engagement von Leuten, denen sie das gar nicht zugetraut haben. Vielleicht wundern sie sich aber auch und denken, das kann ja wohl nicht wahr sein. 

Genau 130 Jahre ist das jetzt her. Seit dem Bau 1896 hat die Wiesenburg an der Pankstraße ein wechselvolles Schicksal hinter sich. Eine zweite Einrichtung für 400 Frauen kam dazu, bevor im 1. Weltkrieg Teile des Areals für militärische Zwecke genutzt wurden. Der Verein geriet in der Wirtschaftskrise in finanzielle Not - die Stadt Berlin sprang ein. Da die Gründer des Vereins vor allem liberale Juden waren, schlossen die Nationalsozialisten das Heim 1933 und produzierten dort Parteifahnen und später Rüstungsgüter. Im Krieg stark beschädigt verfiel das Areal zusehends, bis sich Künstler und Kreative dort ansiedelten und bis heute diesen seltsam vergessenen Ort direkt an der Panke beleben. 

Die Obdachlosen schlafen ein Stück weiter an den Bögen der Ringbahn, versteckt in den Parks oder offen unter den Brücken der Stadt. Menschenunwürdig. Ich will mich nicht daran gewöhnen und mich damit abfinden das unsere Gesellschaft vor diesem Problem kapituliert. Ein Blick auf die Wiesenburg und ihre Geschichte zeigt, dass es anders geht.

“Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen;”

 

Die Bibel, Evangelium von Matthäus, Kapitel 25, Vers 35