Ein paar Schritte durch das Tor – und plötzlich fühlt sich Berlin ganz anders an.
Vorbei an dem alten Gutshaus, und schon steht man mitten auf dem Hof. Am liebsten bin ich hier unter der Woche, wenn ich frei habe. Dann ist es ganz ruhig. Nur ein paar Spaziergänger wie ich sind unterwegs. Es duftet nach Kuchen, nach Kaffee, manchmal auch nach frisch gebackenem Brot. Schon als Kind bin ich gern hierhergekommen. Zu den Festen und Märkten, die es fast das ganze Jahr über gibt: Erntefest, Kartoffelfest, Adventsmarkt.
Die Domäne Dahlem ist für mich ein Ort, an dem sich Berlin immer ein bisschen nach Dorfleben anfühlt. Dabei ist man mitten in der Stadt. Ein paar Minuten von der U-Bahn entfernt. Auf der Straße fahren Autos vorbei, Busse halten. Aber hier auf dem Gelände ist davon kaum etwas zu spüren. Es ist, als wäre die Stadt plötzlich ganz weit weg.
Wenn ich heute über die Domäne gehe, fällt mir auf, wie ungewöhnlich das eigentlich ist: Landwirtschaft mitten in Berlin.
Hier kann man sehen, wo unser Essen wächst. Nicht nur im Museum, sondern direkt vor den Augen. Man sieht, wie etwas gepflanzt wird, wie es wächst – und irgendwann geerntet wird.
Ende September ist davon besonders viel zu sehen. Das Jahr auf den Feldern neigt sich dem Ende entgegen. Was im Frühjahr ausgesät wurde, ist jetzt groß geworden. Die Ernte ist eingefahren oder steht kurz bevor.
Und ich bekomme hier ein Gefühl für die Zeit, die vergeht.
Ein Feld lässt sich nicht einfach schneller machen. Eine Pflanze braucht Sonne und Regen. Erde, Pflege und Geduld. Und irgendwann ist der richtige Moment gekommen, sie zu ernten.
Die Domäne selbst blickt auf eine lange Geschichte zurück. Seit mehr als 800 Jahren wird an diesem Ort Landwirtschaft betrieben. Das historische Herrenhaus stammt aus dem 16. Jahrhundert. Lange bevor Berlin hier so aussah wie heute, wurde auf diesem Boden schon gesät und geerntet.
In den 1970er Jahren sollte das Gelände bebaut werden. Menschen aus der Nachbarschaft gründeten eine Bürgerinitiative und setzten sich dafür ein, dass die Domäne erhalten bleibt. Dass hier weiter Kinder einen Bauernhof erleben können. Dass Felder mitten in Berlin bleiben. Und dass Menschen bei Märkten und Festen zusammenkommen.
Und ich gehe weiter über die Domäne. Vorbei an den Tieren, an den Feldern, an den alten Gebäuden. Und ich denke: Manches braucht seine Zeit.
Und vielleicht tut es gut, zwischendurch stehenzubleiben und zu schauen, was um einen gewachsen ist.
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.
Die Bibel, Prediger 3,1–2