Novemberlicht fällt durch kahle Äste alter Bäume. Buntes Laub raschelt unter meinen Füßen und bedeckt die verwitterten Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert. Hier und da flackern Grablichter in der Dämmerung, kleine Flammen gegen das Vergessen. Eine Insel der Stille mitten im Berliner Lärm, nur wenige Schritte von der vielbefahrenen Chausseestraße entfernt. Ich bin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof unterwegs, denn hier wird deutsche Geschichte für mich lebendig.
Bei meinem Spaziergang durch die Gräberreihen begegnen mir Bertolt Brecht und Helene Weigel, Heinrich Mann, Christa Wolf, Heiner Müller. Die Philosophen Hegel und Fichte ruhen hier. Große Namen, bedeutende Künstler, Denker, Staatsmänner. In mir steigen Bilder auf, Geschichten und historische Ereignisse ziehen an meinem inneren Auge vorbei.
Am Ende meiner nachdenklichen Tour verweile ich am Grab von Johannes Rau. Hier stehe ich länger als an den anderen Gräbern. Der ehemalige Bundespräsident und Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens hat mich von Jugend an begleitet. Ich durfte ihn sogar persönlich kennenlernen – einen aufrechten, humorvollen, skatbegeisterten, belesenen und tiefgläubigen Menschen, der sich sein Leben lang politisch für die Menschen im Ruhrgebiet eingesetzt hat, wo auch ich aufgewachsen bin.
Es macht mich wehmütig und traurig, dass er nicht mehr lebt. Gleichzeitig fühle ich mich getröstet, dass ich ihn erleben und ihm begegnen durfte. Dieser Mann, den viele wegen seines tiefen Glaubens "Bruder Johannes" nannten, bleibt für mich Vorbild und innerer Kompass. Und während ich vor seinem Grab stehe, ist er mir gegenwärtig, lebendig in der Erinnerung. Und fast höre ich ihn, wie er mir die tröstenden Worte zuspricht:
„Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“
Die Bibel: Buch Offenbarung, Kapitel 21, Vers 4