Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit. Deshalb kenne ich auf der Strecke die Ampelschaltung und jedes Schlagloch auswendig. Umso überraschter bin ich, als vor etwa einem halben Jahr auf meiner Strecke von Friedrichshain nach Mitte ein Fahrverbot für Autos eingerichtet wird. Ein kurzer Abschnitt der Singerstraße zwischen Lichtenberger und Schillingstraße. Auf der einen Seite zwei Schulen, auf der anderen ein Park mit Spielplatz – so gesehen gibt es gar keine Anwohner, denen die Zufahrt zu ihrer Wohnung nicht mehr möglich wäre.
Den Fortschritt verfolge ich Tag für Tag: Poller wurden aufgestellt. Mit schwerem Geschütz wurden Löcher in den Asphalt gebohrt, um Bänke mit integrierten Blumenbeeten mitten auf der Straße zu verankern. An manchen Stellen wurde der Asphalt abgetragen und es wurden Beete angelegt. Die Beete blieben erstmal trostlos – Schuld daran: der lange Winter. Auch die bunten Markierungen auf der Straße - ein 50-Meter-Wettrennen und eine Rennbahn für Dreiräder und Bobbycars – wirkten im winterlichen Grau eher trüb.
Im Frühling aber wurde alles anders: die Blumen und Sträucher wurden grün, es blühte, die Vögel zwitscherten und es kehrte Leben ein. Jetzt im Sommer fahren Kinder auf der markierten Rennbahn, Mütter sitzen auf den Bänken – nicht mehr in Sorge vor fahrenden Autos –, alte Menschen beobachten das Treiben – und ich auf dem Fahrrad verlangsame meine Geschwindigkeit, um den Blumenkübeln auszuweichen und nicht zu stören. Und an den heißen Tagen, an denen die riesige Plansche auf dem Spielplatz im Betrieb ist, tummeln sich die Kinder auf dem Wasserspielplatz und die Erwachsenen kühlen ihre Füße im Wasser.
Im Nachhinein erfahre ich: der Bezirk hat die Anwohner gefragt, wie sie diese Zone nutzen möchten. Und das Ergebnis gibt der Sache recht: Aus einer Straße ist eine Fußgängerzone geworden. Aus einem Verkehrsweg ist ein öffentlicher Ort entstanden, an dem sich Menschen unterschiedlichen Alters gerne und sicher aufhalten können. Ein völlig neuer Ort – ein Ort der Begegnung und der Erholung, ein Ort für alle, die hier wohnen – mitten in Berlin.
„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“ Die Bibel, Psalm 23.