Die Abbildung zeigt eine dekorative Skulptur eines Engels mit goldenen Haaren. Der Engel hat einen nachdenklichen Gesichtsausdruck und faltet die Hände. Die Skulptur ist reich verziert und befindet sich vor einem Hintergrund mit ornamentalem Design.
18.01
2026
08:40
Uhr

Ein Engel in der Marienkirche

Ein Beitrag von Cordula Machoni

Im Schutz des großen Fernsehturms am Alexanderplatz steht die St. Marienkirche. Seit über 750 Jahren schaut sie auf die Stadt, die ihr Gesicht seitdem sehr verändert hat, und ihre bewegte Geschichte. Mein Ort an diesem Sonntag liegt im Bauch der Kirche. 
Wenn man die Kirche betritt und nach vorne geht zum linken Kirchenschiff, gleich hinter der Kanzel aus Gold, findet man eine Grabplatte, um sie herum hat der Bildhauer einige Putten, also Engelsfiguren versammelt.  
Ein Engel hat es mir besonders angetan. Seine kleinen Händchen ragen in den Raum hinein. Er weint bitterlich. Untröstlich sieht er aus. Ich möchte ihn in den Arm nehmen und frage mich, wen der Bildhauer vor Augen hatte, als er sein Gesicht gestaltet hat. 
Im Film „Der Himmel über Berlin“ erzählt Regisseur Wim Wenders auch von Engeln. Zwei werden in das Berlin der 80er Jahre versetzt. Hier streifen sie durch die Stadt und lauschen den Gedanken der Berlinerinnen und Berliner. Sie können sich nicht zu erkennen geben. Aber sie können zuhören und sich hinein fühlen in die Menschen. 
Im Film geschieht das Wunderbare: Ein Engel verliebt sich in das Leben, wie Menschen es führen. Als er sich verliebt, wächst sein Drang, Ewigkeit gegen die Empfindung einzutauschen. Sich immer nur am Geist zu begeistern genügt ihm nicht. Er will das Leben in all seinen Farben erfahren.

Wie ist das mit dem Engel in der Marienkirche? Ist er vielleicht einer der Mensch gewordenen Engel Berlins? Einer, der so untröstlich weinen kann wie wir, wenn uns etwas Trauriges widerfährt? Einer, dem Freudentränen über die Wangen rollen, wenn er etwas Unvergessliches erlebt?
Gibt es sie, die Mensch gewordenen Engel? Und wie begegnen sie uns? Mir gefällt der Gedanke, dass Engel durch unsere Stadt streifen und unseren Gedanken lauschen. Niemand muss an Engel glauben. Aber Engel müssen an die Menschen glauben. Das ist ihr Auftrag. 
So wünsche ich Ihnen an diesem Sonntag beides: Dass im Jahr 2026 Engel an Ihrer Seite sind oder Sie selbst jemandem zum Engel werden. Und wenn Ihnen der Glaube daran schwerfällt, dann gehen Sie doch einmal in die Marienkirche, der Nachbarin des Fernsehturms und besuchen Sie den kleinen Engel vorn rechts. Und wenn Sie wollen, grüßen Sie ihn bitte von mir.

Wochenspruch
Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Die Bibel. Johannesevangelium, Kapitel 1, 16