Das Schaufenster ist beschlagen von der Januarkälte. Warmes Licht und bunte Farben schimmern nach draußen auf die Straße. Als ich die schwere Tür öffne, klingelt ein kleines Glöckchen über mir – und ich betrete eine andere Welt.
Sofort umfängt mich der warme Duft von Holz und Werkstoffen – Leinöl mischt sich mit dem herben Geruch von Terpentin. Soweit das Auge reicht, gibt es hier Farbtöpfe und Pinsel, Leinwände und Papier. Ein Kunde streicht prüfend über die raue Oberfläche einer grundierten Leinwand, irgendwo kratzt ein Bleistift übers Papier. Nach ein paar Schritten finde ich mich umgeben von Tuben, Kreiden und Stiften - in allen Farben des Regenbogens.
Kraftvolles Orange und leuchtendes Gelb, sattes Grün und tiefes Blau – gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit, leuchten sie mir wohltuend entgegen. Der Januar ist nicht gerade für seine Farbenpracht bekannt, und an manchen Tagen, die nur in Grautönen daherkommen, sehne ich mich so sehr nach Licht. Doch ich weiß: Ich muss nicht in den Süden fliegen – gleich um die Ecke wartet dieser Ort voller Möglichkeiten.
Der Anblick dieser Farbenvielfalt lässt mich an den Anfang eines neuen Tages denken. Wenn der erste Lichtstreifen am Horizont erscheint, in dem schon eine Ahnung von Himmelblau mitschwingt. Langsam geht dann die Sonne in leuchtendem Gold auf und bringt nach dem Schwarz der Nacht nicht nur das Licht, sondern auch die Fülle der Farben zurück. Ein neuer Morgen bricht an – und ich bin mittendrin. Dankbar, Teil dieser Schöpfung und ihrer Schönheit zu sein.
Auch ich bin wunderbar geschaffen und habe mit meinen Begabungen und Talenten Anteil an der Schöpfungskraft, die wie ein göttlicher Funke jedem von uns gegeben ist.
Man braucht kein Atelier und auch keine Erfahrung im Umgang mit Spachtel und Leinwand, um Künstler zu sein. Mit Phantasie ist jeder Mensch begabt. Und beim Anblick der vielen Farbtuben steigen schon die ersten Ideen in mir auf …
Ich mag diesen Ort voller Möglichkeiten, wo die Farben mich einladen, kreativ zu werden und meinen inneren Bildern Ausdruck zu verleihen.
Und so gehe ich hinaus, ohne etwas gekauft zu haben – und doch voller Ideen und mit Lust, diesem Tag meine ganz eigene Farbe zu geben.
„Wach auf meine Seele, wach auf, Harfe und Saitenspiel, ich will das Morgenrot wecken“ Die Bibel, Psalm 108