Eine gelbe Doppeldeckerbus-Haltestelle mit einem Schild für "Tickets" im Vordergrund, während im Hintergrund ein weiterer gelber Bus und mehrere Autos an einer belebten Straße anhalten. Geprägte städtische Umgebung mit Gebäuden und Bäumen.
26.07
2026
08:40
Uhr

Im M29

Mehr als nur ein Verkehrsmittel

Ein Beitrag von Tobias Przytarski

„Willkommen im M29! Auf dem Oberdeck gibt es noch viel Platz, vergessen Sie aber nicht, sich gut festzuhalten. Gute Fahrt und einen schönen Tag!“ – Etwas irritiert schauen meine Sitznachbarn und ich uns an. So viel Freundlichkeit sind wir als Berliner nicht gewohnt. Und so brummelt ein älterer Fahrgast: „Der hat wohl Quasselwasser getrunken.“ Lächelt aber immerhin dabei. 

Wobei ich wirklich nicht sagen will, dass Busfahrerinnen und Busfahrer gewöhnlich unfreundlich sind. Im Gegenteil. Und das bei einem Job, der bestimmt nicht immer einfach ist. 

Fast jeden Tag sitze ich im Bus, eigentlich müsste ich `mal ausrechnen, wieviel Lebenszeit ich schon darin verbracht habe. Ob er mich pünktlich ans Ziel bringt, hängt von diversen Baustellen, Demonstrationen oder anderen Stauursachen ab. Ich bin auch schon im Konvoi von drei Bussen gefahren. Mein Platz auf dem Oberdeck bietet mir dabei viel Gelegenheit, meine Mitmenschen zu erleben. 

Da ist die Mutter mit den beiden kleinen Söhnen, die regelmäßig morgens dazusteigen. Der Tag ist gerettet, wenn es ihnen gelingt, die Plätze vorn an der Windschutzscheibe zu ergattern. Wenn dort besetzt ist, fließen schon mal Tränen, dann benötigen die drei lange Verhandlungen über alternative Sitzplätze.  

Oder die Dame, die kaum hingesetzt schon beginnt, in ihr Handy zu sprechen, das natürlich laut gestellt ist. Ich verstehe die Sprache nicht, es klingt jedoch nach Drama. Fast jeden Tag, - schön, dass wir alle `was davon haben.  

Im Augenblick fehlen wegen der Ferien die Schüler, die sonst morgens und nachmittags den Bus bevölkern. Dafür sind viel Touristen im Bus, der an diversen Sehenswürdigkeiten vorbeifährt. Der Busfahrer mit dem freundlichen Willkommensgruß gibt denn auch prompt den Hinweis: „Wollen Sie sich das KaDeWe ansehen? Dann sollten sie nächste Haltestelle aussteigen.“ 

Eigentlich ist so ein Bus viel mehr als nur ein Verkehrsmittel. Ich lerne nicht nur die Stadt, sondern auch meine Mitmenschen kennen, die wie ich unterwegs sind. Und denen ich die Worte des 121. Psalms zurufen möchte: „Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit.“ 

 

Die Bibel, Psalm 121