Es ist erstaunlich ruhig hier – trotz der mehrspurigen Straße ringsum. Ein breiter Grünstreifen trennt die Fahrbahn. Er ist ein Relikt aus der Kaiserzeit: Auf Wunsch Wilhelms II. wurde hier ein Reitweg angelegt, damit der Kaiser standesgemäß vom Tiergarten hinaus ins Grüne reiten konnte. Später kamen die Pferdekutschen – und bis in die 1960er-Jahre die Straßenbahn. Hier war die Endstation, bevor es wieder Richtung Innenstadt ging. Geblieben ist diese kleine Insel mitten im Verkehr – ein Stück Berliner Geschichte im Kleinformat: Ein kleines quadratisches Häuschen mit geschwungenem Dach und Erker: die Kaiserdiele.
Früher gab’s hier Zeitungen, Kaffee – und eine kleine „Bedürfnisanstalt“, gebaut für Kutscher und später Schaffner, die hier an der Endstation warteten.
Rund um den Platz pulsiert das Leben: Kneipen, Cafés, die Südwestbar, das Fischtaxi, sogar ein kleines Theater. Alles spielt sich auf und um diese winzige Insel am Südwestkorso ab. Und doch war die Kaiserdiele lange still: leer, verschlossen, vergessen. Immer wieder gab’s neue Betreiber, neue Ideen – mal lief’s zwei Monate, mal zwei Wochen – und dann wieder nix.
Wenn ich dann damals vorbeikam, blieb ich manchmal kurz stehen – und nicht nur ich.
Viele im Kiez blieben stehen, warfen einen Blick über die Hecke auf die leeren Stühle und durch die Fenster in das verschlossene Häuschen. Und man dachte so: Wieder nix.
Heute ist neues Leben eingezogen. Nach Jahren der Sanierung gibt es hier ein Café – mit Stühlen im Kies, Hecke ringsherum und richtig gutem Kaffee. Janz schnieke.
Werden und Vergehen, wie es sich an der Kaiserdiele im Kiez zeigt, das Bleibende im Wandel – das hat nicht nur Friedenauer bewegt. Auch die alten Schreiber der Bibel haben sich gefragt, ob Gott nur im Erfolg zu finden ist – oder auch im Vergänglichen, im Stillstand, im Loslassen. Und sie haben es einmal so aufgeschrieben:
„Alles hat seine Zeit –
Geborenwerden und Sterben,
Weinen und Lachen,
Klagen und Tanzen.“
Vielleicht ist das genau die leise Wahrheit, die dieses kleine Haus erzählt – dass Gott nicht nur im Neuen wohnt, sondern auch da ist, wo etwas endet, und dass beides – Anfang und Ende – ihren Platz haben unter dem Himmel.
Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
Die Bibel, Prediger 3,11