„Wollen wir durch die Gärten gehen?“ Das ist eine Frage, die meine Frau oder ich ungefähr einmal in der Woche stellen. Nicht: „Wollen wir noch schnell einkaufen?“ Sondern einfach: „Wollen wir durch die Gärten gehen?“
Und dann gehen wir los, hinein in die Kleingartenkolonie Johannisberg. Durch den schmalen Finkenweg, den kleinen Amselweg und die vielen Wege mit klangvollen Vogelnamen dazwischen. Wir haben eigentlich kein Ziel. Wir laufen einfach hin und her. Schauen, was blüht, was gerade wächst und welcher Garten sich verändert hat.
Für mich ist die Kleingartenkolonie Johannisberg am Rüdesheimer Platz eine der schönsten: 237 Parzellen, kleine, schnuckelige Wege, jedes Häuschen ist anders und die liebevoll gepflegten Gärten, die Bäume und viel Grün – mitten in Berlin. Manche Durchgänge sind von Pflanzen überwachsen. Wenn man hindurchgeht, hat man fast das Gefühl, eine andere Welt einzutauchen. Ein kleines Paradies mitten in der Großstadt.
Manchmal bleiben wir stehen, weil irgendwo ein Vogel sitzt. Oder wir entdecken einen besonders schönen Garten und sagen: „Guck mal da.“ Und bestaunen wie dort gegärtnert wird, auch jetzt im Oktober.
Und manchmal haben wir besonders Glück. Dann hängt an einem Gartentor ein Körbchen oder eine Kiste. Mal liegen Äpfel darin. Oder Tomaten, Zucchini, vielleicht ein paar Kräuter. Daneben ein kleines Schild: „Zum Mitnehmen.“ Und genau da sind wir schon mitten im Erntedank, dem heutigen Feiertag der christlichen Kirchen. Denn Kleingärten sind keine wilde Natur. Sie sind von Menschen angelegt, geplant und in kleine Parzellen aufgeteilt.
Die Bibel beginnt übrigens auch mit einer Gartenerzählung: dem Garten Eden. Sie erzählt von einer Welt, in der Mensch, Tiere, Pflanzen und Erde miteinander verbunden sind. Und dann heißt es: „Und siehe, es war sehr gut.“
Vielleicht müssen wir gar nicht weit reisen, um etwas von diesem Garten Eden zu erfahren. Vielleicht reicht ein Spaziergang durch die Schrebergärten. Ein paar Minuten, in denen niemand etwas von uns will. Und plötzlich ist da dieses Gefühl: Es ist gut.
Genau das ist Erntedank: nicht nur für die großen Dinge Danke zu sagen, sondern die kleinen guten Dinge wieder wahrzunehmen. Und deshalb werde ich wahrscheinlich auch in der nächsten Woche wieder fragen: „Wollen wir durch die Gärten gehen?“
„Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist auf der Erde.“ (1. Mose 1,11)