Das Bild zeigt eine historische Gebäudefassade, die teilweise mit Efeu bewachsen ist, umgeben von Bäumen. Überlagert ist ein Foto eines lächelnden Mädchens mit dunklen Haaren, das in einem hellen Kleid mit Schleife abgebildet ist.
12.04
2026
08:40
Uhr

Meerbaumhaus

Ein Beitrag von Cordula Machoni

Wenn ich aus dem S-Bahnhof Tiergarten steige, bin ich fast schon da. Nur kurz rechts um die Ecke in den Siegmunds Hof eingebogen und sofort fällt das himmelblaue Haus ins Auge. Selbst an trüben Tagen verliert es seine Farbe nicht. Nur der üppige Wein an seiner Fassade wechselt die Farben mit den Jahreszeiten. Das prächtige Haus lädt immer wieder zum Verweilen und Staunen ein.  Es trägt einen besonderen Namen: „Meerbaumhaus“. 

1898 wurde die Stadtvilla erbaut. 1950 schenkte die Familie Hartmann das Haus der Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Gemeinde, die damals im zerstörten Hansaviertel weder Kirche noch Räume für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hatte. Von da an pulsierte Leben in den Räumen: Kindergarten, Kinderladen, Jugendarbeit, studentische Wohngemeinschaften. Hier entstanden Begegnungen, Gespräche, Ideen – manche tragen die Menschen noch heute weiter, wie der Mittagstreff. 1987 wurde das Haus nach Selma Meerbaum benannt, die 1942 mit nur 18 Jahren geschwächt durch Deportation und Zwangsarbeit in Rumänien starb. Sie schrieb Gedichte und fasste ihre Gedichte unter dem Titel „Blütenlese“ zusammen. In einem ihrer Gedichte heißt es: 

„Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.“[1]

Meerbaum. Blütenlese. Straße, die auf die Menschen wartet. 

Ja, all das gehört zusammen, denke ich an diesem Sonntag nach Ostern. Der Tod hatte nicht das letzte Wort. Es ist wieder Ostern geworden. Das himmelblaue Haus steht da. Der Wein wird wieder Früchte tragen.  Selma Meerbaums Gedichte erklingen heute Morgen. Und das Haus mit ihrem Namen ist offen für alle: Menschen jeder Herkunft, Nationalität und Religion sind willkommen. Hier gibt es Begegnung, Nachbarschaftshilfe, Kultur, Besinnung, Handwerk – und Raum, einfach zu sein.

Und auch, was in dem Haus geschieht, klingt österlich. 

 Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, und er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! 

Die Bibel, Johannes 20, 26

 


[1] Meerbaum‑Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Herausgegeben von Jürgen Serke, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1980 (Neuauflage u. a. 2005).