Wie eine Trutzburg steht sie da mitten in der Häuserzeile: die Kirche der St. Christophorus Gemeinde. Ein dicker, roter Backsteinbau. Sein mächtiger Turm blickt direkt auf den Reuterplatz, unweit der Sonnenallee. Ein Platz mit Bäumen und Büschen, eine Rasenfläche in der Mitte, ein stillgelegter Brunnen und ein Kinderspielplatz.
Jetzt im Sommer werden unsere Kirchenstufen zu so etwas wie ein verlängertes Sofa. Die Leute setzen sich, verweilen einen Moment. Die großen Tore der Kirche sind dann weit geöffnet. „Willkommen!“ Freundliche Lettern auf einer Tafel laden zum Besuch ein. Neugierige wagen mal einen Blick ins Innere. Es empfängt sie dann eine angenehme Pause von der Mittagshitze. Und der Heilige Christophorus, eine lebensgroße Holzfigur in der Kapelle, strahlt seine Kraft aus. Er gilt als Schutzpatron der Reisenden – aber sind wir das nicht alle?
Heute wird sich auf dem Reuterplatz nur gesonnt, getrommelt, gelesen, geküsst und ein bisschen gestritten. Menschen mit und ohne Obdach schlafen auf den Bänken aus, Familien picknicken - dazwischen toben die Hunde ohne Leine. Man sieht Qi Gong und hört arabische Beats. Es passt alles irgendwie nicht und doch wieder ganz wunderbar zusammen. Neuköllnisch eben. Alle können hier ein Plätzchen für sich finden. Und das andere Neuköllnisch: Diese aggro-Ellenbogen-Anschnautz-Stimmung wurde heute scheinbar in den Urlaub geschickt.
Menschen suchen ihren Platz. Hier wie auch im Leben. Christophorus – der legendäre Heilige, war auch ein Suchender – aber gleich nach - Gott selbst! Als dieser kräftige Kerl Menschen auf seinen Schultern über einen reißenden Fluss half, traf er – tatsächlich – auf Jesus. Jesus gab sich in einem Kind zu erkennen. Christophorus verstand durch diese Begegnung: Es ist der Liebesdienst an die Menschen, der ihn seinen Platz finden ließ. Und dabei lässt sich sogar Gott finden! Ich denke, was für ein passender Schutzheiliger für unseren Ort. Wer weiß, was der heilige Christophorus so alles schultert, wenn sich jeden Morgen die Kirchentüren zum Reuterplatz öffnen... Ganz so, wie Jesus einmal sagte: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein.“
Aus der Bibel, Johannesevangelium Kapitel 12, Vers 26.