Eine bronzene Skulptur einer sitzenden, nachdenklichen Figur in einem minimalistischen Raum mit grauen Wänden. Ein kreisförmiges Oberlicht beleuchtet die Figur und schafft eine atmosphärische Stimmung der Einsamkeit und Reflexion. Eine bronzene Skulptur einer sitzenden, nachdenklichen Figur in einem minimalistischen Raum mit grauen Wänden. Ein kreisförmiges Oberlicht beleuchtet die Figur und schafft eine atmosphärische Stimmung der Einsamkeit und Reflexion.
Eine bronzene Skulptur einer sitzenden, nachdenklichen Figur in einem minimalistischen Raum mit grauen Wänden. Ein kreisförmiges Oberlicht beleuchtet die Figur und schafft eine atmosphärische Stimmung der Einsamkeit und Reflexion.
08.11
2026
08:40
Uhr

Neue Wache

Ein Beitrag von Jasmin El-Manhy

Mitten in Berlin, an der Straße Unter den Linden ist die Stadt in Bewegung. Menschen gehen zur Arbeit, Touristinnen fotografieren die großen Gebäude. Genau dort steht die Neue Wache.  
Die Neue Wache ist ein eher kleines Gebäude mit Säulen vor dem Eingang. Drinnen ist es still. Der Raum ist schlicht und fast leer. Von oben fällt Licht durch eine Öffnung in der Decke. Es trifft auf eine Skulptur der Künstlerin Käthe Kollwitz, die in der Mitte des Raumes steht: eine Mutter mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß.
Die erste Biografie, die ich gelesen habe, war die von Käthe Kollwitz. Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt.
Ihre Tagebucheinträge über ihren Sohn Peter, der im Ersten Weltkrieg gefallenen war, gingen mir damals sehr nah. Ich stellte mir Käthe Kollwitz als alte Frau in ihrer Werkstatt vor. Allein, schweigsam, mit großer körperlicher Kraft an ihren Skulpturen und Zeichnungen arbeitend.
Jahre später studiert ich direkt nebenan an der Humboldt-Universität. Da besuchte ich auch die Neue Wache und es war das erste Mal, dass ein Kunstwerk meine Seele erreichte. Abgesehen von Musik hatte mich bis dahin nichts so gefesselt. Ich konnte nicht wegschauen. Ich stand lange da und sah diese Frau an, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält. Ihr Blick geht ins Leere. Sie wirkt abwesend, ganz in sich zurückgezogen. 
Später las ich, dass Käthe Kollwitz die Haltung der Frau als „Nachsinnen“ beschrieben hat.
Nachsinnen. Über etwas Vergangenes nachdenken. Einen Sinn suchen. Versuchen zu verstehen, was ich nicht ändern kann.
Doch die Neue Wache ist auch ein umstrittener Ort. Seit sie im November 1993 zur zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wurde, wird darüber diskutiert, ob diese Skulptur dem Leid vor allem der jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und des Krieges gerecht wird. 
Im November erinnern wir uns an unsere Toten. Am Volkstrauertag an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Am Totensonntag denken viele Christinnen und Christen an ihre Verstorbenen. Der November ist auch der Monat, in dem ich Gott am wenigsten verstehe. So viel Tod. So viel Leid. So viele Fragen, auf die ich keine Antwort finde.
Dennoch spüre ich Gott in diesem Monat besonders. Als eine leise Gegenwart. In der Stille. Im Erinnern. Im Aushalten dessen, was ich nicht ändern kann.
 

„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein.“
Die Bibel, Offenbarung des Johannes 21,14