Jetzt ist die Zeit für ausgedehnte Herbstspaziergänge. Seit die Berliner Mauer nicht mehr diese Stadt durchzieht, geht das tatsächlich grenzenlos. Der 3. Oktober hat uns gerade daran erinnert. Ich finde es wichtig, sich an die große Freiheit immer wieder zu erinnern, die so lange gar nicht selbstverständlich war. An Tagen mit viel Zeit schnappe ich mir also die S-Bahn und fahre bis zum Großen Wannsee. Dort geht`s nicht auf den Dampfer, sondern weiter mit dem Bus, die lange Königsallee runter bis zum Schloss Glienicke. Der Bus fährt dann weiter geradeaus über die Glienicker Brücke bis nach Potsdam. Ich aber biege links ab und nehme zu Fuß den Berliner Mauerweg, der mich mitten durch Klein-Glienicke führt. Ein beschauliches Örtchen mit gerade mal knapp 600 Anwohnern. Eine kleine Kapelle gibt es dort, zu DDR-Zeiten verfallen, danach mit Spendengeldern und viel Engagement wieder liebevoll aufgebaut und restauriert. Die Häuser hier mit ihren Gärten direkt am Wasser gehörten damals in der geteilten Stadt zu Ost-Berlin: eine kleine Exklave – auch „Blinddarm der DDR“ im Volksmund genannt. Ein winziger Rest Ost-Berlin auf West-Berliner Seite. Hier war das alltägliche Leben Ausnahmezustand. Es gab Fluchtversuche, immer wieder fielen Schüsse, es wurden Fluchttunnel gegraben. Nicht immer erfolgreich. Kontrollen und Passierscheine gehörten zum Alltag für die Menschen so wie der Blick auf Grenzanlagen morgens beim Aufwachen und abends beim Einschlafen. Freiheit Fehlanzeige. Verbunden mit dem Potsdamer Stadtteil Babelsberg blieb Klein-Glienicke nur durch eine winzige Brücke: die Parkbrücke. Heute führt sie direkt ins Paradies: in den Schlosspark Babelsberg mit seinen riesigen Bäumen und verwunschenen Wegen und immer wieder seinen herrlichen Ausblicken auf die Stadt Potsdam und das viele Wasser, das unsere Stadt auch so besonders macht.
Viel prominenter als die kleine Parkbrücke ist natürlich die Glienicker Brücke, auf der während des Kalten Krieges Agenten ausgetauscht wurden. Ein beliebtes Filmmotiv. Im November 1989 lagen sich dann hier die Menschen in den Armen. Einer davon war ich. Mein persönlicher Liebling ist trotzdem die Parkbrücke. Gerade weil sie so klein ist. Darunter ziehen heute entspannt Motor- und Ruderboote vorbei. Ich winke ihnen zu und spaziere einfach darüber, grenzenlos, hinein in den Schlosspark: ein freier Mensch in Gottes wunderbarer Schöpfung!
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“
Die Bibel, Galaterbrief, Kapitel 5