Eine Treppe mit beleuchteten Stufen führt nach oben. Die Stufen sind aus dunklem Material und die Beleuchtung hebt die Kanten hervor. Die Umgebung wirkt modern und minimalistisch.
15.03
2026
08:40
Uhr

Rolltreppe im U-Bahnhof Friedrichstraße

Es geht nicht mehr aufwärts. Jedenfalls nicht mit Rolltreppe. Meine Tage in der Stadt beginnen mühsam und an vielen Orten in Berlin steckt der Wurm drin: S-Bahnhof Friedrichstrasse zum Beispiel. Wo sonst munteres Geschäftstreiben herrschte, stehen ganze Ladenzeilen jetzt leer. Die Rolltreppen: Dauerbaustelle. Manche davon sogar vorübergehend ganz stillgelegt. Da, wo es abwärts geht, wurden die Stufen jetzt ausgebaut – in kurzer Zeit wandelt sich der gähnende Krater zum Mülleimer der Vorübergehenden. Wirklich deprimierend aber ist es in den Morgenstunden, wenn die Massen sich zur Arbeit bewegen – ich mitten drin. Da geht meist nix auf dem Weg zu den oberen Gleisen. Also trotten die Massen duldsam nach oben – den schweren, mühsamen Weg über Rolltreppenstufen, die nicht fahren. Es geht sich schwerer, als auf normalen Treppenstufen, denn Abstände und Stufenhöhe sind eben nicht zum Laufen gedacht, sondern zum Stehenblieben und Fahren. Gerade Älteren fällt das schwer. Von Gehbehinderten und Kinderwagen einmal ganz zu schweigen. Hilft aber nix, nach oben müssen die Menschen. Also Zähne zusammenbeißen, Blick nach unten, damit man die Abstände richtig einschätzen kann, und Muskelkraft, wenn`s nach oben geht. Tempo anpassen an den Menschen vor mir, links überholen – besser nicht. Klaglos bewegt sich der Strom nach oben. Gemeckert wird selten. Dafür ist die Freude groß, wenn die Rolltreppe an einem Tag läuft – überraschend, wie geschmiert. Das weiß man dann richtig zu schätzen und freut sich wie Bolle, wenn es so elegant und leicht nach oben geht.
Im Kirchenjahr ist Passionszeit jetzt. Die letzten Wochen bis Ostern noch. Christen weltweit erinnern sich an den mühsamen und beschwerlichen Weg Jesu nach Jerusalem, der schließlich am Kreuz endete. „Wir gehen hinauf nach Jerusalem…“ sagt Jesus in der Bibel – und es klingt so wie der Aufstieg auf einer Rolltreppe, die nicht fährt: mühsam und beschwerlich. Ein Gefühl, als ginge langsam aber sicher alles den Bach runter in dieser Stadt. Der Sonntag heute aber trägt den Namen „Lätare“ - Freut Euch! Weil Gott Leben und Licht verspricht und Frieden für die Stadt und ihre Menschen. Ein Gefühl wie auf einer funktionierenden Rolltreppe nach oben.    

„Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt. Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom.“ 
Jesaja 66, 10a.12a