12.07
2026
08:40
Uhr

U-Bahnhof Ullsteinstraße

Die Welt in Scherben

Ein Beitrag von Thekla Schönfeld

Ein kühler Luftzug empfängt mich, als ich die grauen Steinstufen zum U-Bahnhof Ullsteinstraße heruntersteige. Der Bahnhof hat den Charme der 60er Jahre, die gelben Kacheln sind schon leicht verschmutzt und an der Decke fehlt ein Stück der Verkleidung.

„Zurückbleiben bitte“ höre ich noch, und schon schließen sich vor mir die Türen der U6 Richtung Kurt-Schumacher Platz, ohne dass ich einsteigen konnte. 

Während ich der abfahrenden Bahn hinterherschaue, gibt sie den Blick frei auf die dahinterliegende Wand, an der ein großer Teil der gelben Kacheln fehlt. Und gleich neben einer Werbetafel, am Positionsschild mit der Nummer 2, entdecke ich es: ein Mosaik aus Spiegelscherben. 

Es ist ein wenig unscheinbar, und erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es eine Weltkarte darstellt. Kontinente und Länder sind aus zerbrochenem Spiegelglas zusammengesetzt, die Meere sind als grauer Mörtel sichtbar.

Die Welt in Scherben – wie passend zu den vielen globalen Krisen … 

Und doch, das Scherbenbild scheint ganz lebendig, Menschen spiegeln sich darin, während sie den U-Bahnsteig entlang gehen.

Auch ich kann mich sehen, mein Spiegelbild ist mehrfach gebrochen, und ich finde mich sozusagen auf mehreren Kontinenten gleichzeitig wieder. Nachdenklich betrachte ich das Mosaik und folge mit meinem Blick den Reflektionen der vorübergehenden Gesichter, die über die zerbrochene Weltkarte wandern.

So kaputt dieses Bild der Welt auf den ersten Blick erscheint, so viel Leben steckt auch darin. Es sind die Menschen auf diesem U-Bahnhof, die den Fragmenten Farbe und Lebendigkeit geben. Vielleicht ist es genau das, was unsere so verwundete Welt braucht – jeden und jede von uns.

Wenig später fährt die nächste U-Bahn ein, schiebt sich vor das Mosaik und verdeckt es wieder.

Ich steige ein, und während ich mich auf einen Platz am Fenster setze, erhasche ich noch einmal einen Blick auf dieses zerbrechliche Welt-Bild, und blicke kurz in mein Spiegelbild, bevor die Bahn abfährt. 

„Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass alle Kraft von Gott und nicht von uns kommt.“

Die Bibel, Zweiter Korinther-Brief