Es ist eine Straße wie viele in Kreuzberg, mit Kopfsteinpflaster, Häusern im Stil der Gründerzeit neben Bausünden aus den 60ern, viele mit Graffiti verziert. Familien auf dem Fahrrad sind hier ebenso unterwegs wie einige Wohnungslose mit ihren Packtaschen.
Die Waldemarstraße ist eigentlich unspektakulär, und doch hat diese Straße eine besondere Geschichte, zumindest ein Teil von ihr, denn sie liegt am Berliner Mauerweg.
Hier trennte die Mauer 28 Jahre lang Ost und West, und sie trennte auch die Kirchengemeinde St. Michael, deren Westberliner Teil durch den Mauerbau von der Backsteinkirche im Osten abgeschnitten war. Damals wurde für den Westteil ein neues Kirchgebäude errichtet, das schlicht „St. Michael an der Mauer“ genannt wurde.
Wie oft war ich als Kind an dieser Stelle, wo meine kleine Westberliner Welt zu Ende war. Und manchmal bin ich auf dem Weg zur Kirche mit der Hand an der Graffiti-besprühten Mauer entlanggefahren – so spürbar war hier die Teilung der Stadt.
Heute stehe ich in dieser Straße und suche den doppelreihigen Pflastersteinstreifen, der die ehemalige Grenze markiert. Ich finde ihn ganz am Ende der Straße und halte inne. Ein Scooter fährt an mir vorbei und wackelt kurz, als er über die Kopfstein-Doppelreihe fährt.
Dieser Streifen, der ganz Berlin durchzieht, erscheint mir wie eine Narbe, die hier aufblitzt, denn die Mauer und auch ihr Fall haben Spuren hinterlassen im Gesicht der Stadt und im Leben der Menschen.
Gegenüber der Neubau-Kirche, die heute „St. Michael Kreuzberg“ heißt, stehen mittlerweile statt der Mauer Wohnhäuser mit Blumenkübeln vor dem Eingang, und wo früher der Todesstreifen begann, ist jetzt ein kleines Straßencafé. Zwei Männer sitzen dort in der Sonne, trinken Tee und unterhalten sich. Begegnung statt Teilung.
Die Stadt ist an dieser Stelle ineinander gewachsen, und ich bin dankbar, dass heute mein Weg zur anderen Straßenseite nicht mehr versperrt ist.
„Ich will jubeln, mich freuen an deiner Freundlichkeit (…) denn du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Die Bibel, Psalm 31