20.12
2025
08:40
Uhr

Warschauer Brücke

Immer was auf den Ohren

Ein Beitrag von Lukas Hetzelein

Schön ist sie nicht – die Warschauer Brücke in Friedrichshain. An einem Ende das RAW-Gelände mit seinen heruntergekommenen Hütten und der Freifläche, die vor allem für Fahrradleichen und Sperrmüll genutzt wird. Am anderen Ende - die U-Bahn-Station und der viel zu enge Gehweg Richtung Oberbaumbrücke. Und mittendrin: der S-Bahnhof Warschauer Straße. Er ist an drei Seiten offen und im Winter pfeift der kalte Wind mitten hindurch. 

Es ist optisch sicherlich nicht der schönste Ort in Berlin, aber er ist für mich ein ganz besonderer. Denn auf der Fläche vor dem S-Bahnhof gibt es fast immer was auf die Ohren: Sängerinnen, die zur Musik aus der Bluetooth-Box singen, beatboxende Rapper oder kleine Bands mit echtem Schlagzeug und Klavier – alle Musikrichtungen gibt es hier zu hören für alle Menschen, die hektisch von A nach B wollen. 

Und es ist seltsam: ich habe immer das Gefühl, die Musik ist gerade genau auf mich abgestimmt. Als hätten die Musiker gewusst, wie ich mich gerade fühle und hätten zu sich gesagt: Ah, der Lukas ist gerade so und so drauf, dazu passt dieses Lied – lass uns das gleich für ihn spielen. Ich weiß natürlich, dass das Blödsinn ist. Aber gerade im Vorübergehen, wenn ich meinen Gedanken nachhänge, spricht mich die Musik ganz besonders an. Wie ein Verstärker, der das, was ich gerade fühle, noch viel intensiver macht. Traurigkeit wird zu Melancholie, Freude zu Glück, Sorge zu Schwermut, Zufriedenheit wird zu tiefer Dankbarkeit. 

In diesen Momenten, wenn ich dort eine Weile stehen bleibe und der Musik lausche, fühle ich mich so verbunden mit mir selbst wie nur selten – und gleichzeitig verbunden mit den anderen Menschen und der Situation.  

Das ist eine schöne Erfahrung: Ganz bei mir sein -  ganz verankert sein an diesem Ort – sich ganz verbunden fühlen – auch mit etwas Größerem - und das trotz Großstadt, Trubel und Anonymität.   

Heute wird die Warschauer Brücke der Ort sein, wo ich mich von Berlin verabschiede, um über Weihnachten zu meinen Eltern zu fahren. Welches Lied wird wohl gespielt werden? Ich bin gespannt und freue mich ich schon jetzt auf die Musik, die mich heute in einer Woche, wenn ich wieder heimkomme, in Berlin begrüßen wird am S- Bahnhof Warschauer Straße. 

„Jauchzet dem Herrn alle Lande, freut euch, jubelt und singt!“  Die Bibel, Psalm 98, Vers 4.