Ein abgelegter Weihnachtsbaum liegt auf schneebedecktem Boden. Die Zweige sind grün und frisch, der Stamm wurde abgeschnitten. Im Hintergrund sind unscharfe Strukturen erkennbar.
25.12
2025
08:40
Uhr

Weihnachtsbaum auf der Bizetstraße

Ein Beitrag von Alexander Höner

Genau heute vor einem Jahr ist mir etwas passiert, womit ich nicht gerechnet habe. Nach dem trubeligen Heilig Abend schläft der Rest der Familie noch, und ich schleiche mich mit unserer Hündin Anouk nach draußen. Auch dort ist noch alles ganz ruhig. Wir gehen Richtung Komponistenviertel in Weißensee und biegen in unsere Lieblingsstraße ein. Ihr Name klingt wie das süße Schaumgebäck, ehrt aber den französischen Komponisten der berühmten Oper Carmen: die Bizetstraße.

Mein Hund und ich genießen die kühle, frische Luft und schlendern gerade beim Italiener vorbei, als wir ihn plötzlich sehen. Ich traue meinen Augen nicht. Da liegt einer. Ein ausrangierter Weihnachtsbaum. Ein paar Stunden nach Heiligabend! Das gibt’s doch gar nicht. Ich entdecke in den Zweigen noch eine kleine rote Kugel und einen Strohstern. „Man, was muss da denn bitte passiert sein, dass der jetzt schon rausgeflogen ist?“ 

Ich male es mir aus: Ehestreit, misslungene Soße, einfallslose Geschenke, zu viel oder zu wenig Alkohol, auf jeden Fall zu hohen Erwartungen, und dann sitzt man da erschöpft vor dem Weihnachtsbaum und denkt: „Ich hab‘ kein Bock mehr auf den ganzen Kram, ich hau‘ den Baum raus!“ Oder: Man saß davor und hat sich noch einsamer gefühlt als sonst. Dann muss der Baum erst recht raus!

Vielleicht ist es auch viel unspektakulärer, als ich denke. Vier Wochen „frohe Weihnachten“ gewünscht zu bekommen, ist einfach genug. Im Radio „Last Christmas“ nicht unter drei Mal am Tag. Und seit August gibt’s auch schon Lebkuchen. Der Weihnachtsbaum muss also raus, damit das endlich aufhört.

Als ich mit Hund wieder Zuhause ankomme, habe ich auch kurz den Impuls: Baum raus. Das war doch wirklich wieder alles zu viel, zu dicht – aber auch schön. Ich lege mich mit dem Rücken auf den Boden. Der Weihnachtsbaum schräg über mir. Er duftet. „Nein, nein, er bleibt drin“, entscheide ich. Ich brauch‘ ihn noch ein bisschen. Für diese einmalig stillen Momente, wo ich ahne, was Wunderbares damals in Bethlehem geschehen ist. 

„Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe“  – Die Bibel, Lukasevangelium, Kapitel 2.