Auf einem der höchsten Punkte der Stadt liegt das Tempelhofer Feld. Ich liebe es, hier bei Wind und Wetter in die Weite des Himmels zu schauen. Die Luft ist so viel besser. Ich atme ein – und ich spüre, wie mein hektischer Geist entspannt. Ich atme aus – und ich spüre – wie Körper und Seele wieder zusammenkommen. Natur hilft immer – sogar an usseligsten Wintertagen!
Ein Spaziergang übers Tempelhofer Feld ist wie eine heilsame Wandlung.
Vielleicht ist es da kein Zufall, dass mitten auf der riesigen Wiese 49 blaue Stahlrohr-Hocker stehen, angeordnet in zwei konzentrischen Kreisen. Die Installation heißt „Zusammenkommen, auseinandersetzen, gemeinsam weitergehen“. Das ist meine Lieblingsecke auf dem Tempelhofer Feld. Sie lädt zum Austausch ein: Die innen sitzenden sollen mit den außensitzenden Personen ins Gespräch kommen. Und nach einiger Zeit rutscht der Innenkreis einen Hocker weiter. So habe ich immer einen neuen Menschen vor mir, der neue Aspekte bringt.
Die Installation droht zu verwittern. Der analoge Austausch, das echte Aufeinandertreffen, ist wohl mega old fashioned geworden. Die ursprüngliche Idee, dass dies ein Begegnungsort von Religion und Gesellschaft wird, scheint nicht gefruchtet zu haben.
Heute sehe ich nur zwei Menschen dort sitzen, ein streitendes Liebespaar. Sie werfen sich hässliche Sachen an den Kopf, bis irgendwann die Luft raus ist. „Hör auf, wir sind ja nicht alleine hier!“, höre ich die Frau brüllen. Ups – haben Sie mich etwa bemerkt? Die beiden schauen sich um. Das Firmament schillert in allen Farben der untergehenden Sonne. Fast hätten sie das Himmelsspektakel verpasst. „Boah“, entgegnet der Mann im sanften Ton: „es ist echt so schön hier!“
Gut, dass sie nicht zu Hause gestritten haben.
Ein paar Minuten Tempelhofer Feld, gemeinsam die Schöpfung betrachten - wie oft hat mir das bei schwierigen Gesprächen schon geholfen. Zusammenkommen, auseinandersetzen, gemeinsam weitergehen - genau das passiert hier. Aus der Enge des Streits in die Weite des Himmels, aus der Resignation zu neuen Möglichkeiten.
„Und es geschah, während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen“ Die Bibel, Evangelium nach Lukas, Kapitel 24, Vers 15. (Lk 24,15).