Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg. Viele kennen wahrscheinlich nur den U-Bahnhof Bayerischer Platz, von dem die Straßen wie die Speichen eines Rades in alle Richtungen führen. Wer hier spazieren geht, sieht – am besten im Sonnenlicht – zuerst die prachtvollen Häuser: große bürgerliche Fassaden, Balkone, hohe Etagen und kleine Straßen. Um 1900 wurde dieses Viertel bewusst als modernes Wohngebiet für das Berliner Bürgertum geplant. Viele der Familien, die hier einzogen, waren jüdische Ärzte, Juristen, Wissenschaftler, Künstler oder Kaufleute. Darum nannte man das Viertel später die „jüdische Schweiz“. Der Anteil jüdischer Bewohner war hier etwa doppelt so hoch wie im übrigen Berlin.
Beim zweiten Blick fallen sie auf: Schilder an den Laternen. Achtzig Stück im ganzen Viertel. Auf der einen Seite ein Bild, auf der anderen Seite ein Satz. Vor einer Bäckerei etwa ein Brotlaib. Geht man an dem Schild vorbei, liest man auf der Rückseite einen Erlass aus der NS-Zeit:
Jüdische Bürger dürfen Brot nur noch zwischen 16 und 17 Uhr kaufen.
Im Park hängt ein Schild mit einer Parkbank – direkt neben einer Parkbank.
Auf der Rückseite: „Nur für Arier.“ Und am Spielplatz wird klar: Für jüdische Kinder war selbst dieser Ort damals verboten.
Diese Tafeln erinnern daran, wie eine Nachbarschaft Schritt für Schritt auseinandergerissen wurde. Denn hier lebten einmal Menschen wie Albert Einstein, Hannah Arendt, Gisèle Freund oder der Rabbiner Leo Baeck. Marcel Reich-Ranicki ging hier zur Schule, Emanuel Lasker wohnte gleich um die Ecke, und auch Billy Wilder kannte diese Straßen. Wenn man das alles hört, denkt man fast: In diesem Viertel waren wahrscheinlich sogar die Nachbarschaftsgespräche ziemlich klug.
An den Schildern, den Stolpersteinen im Pflaster oder an den Gedenktafeln an den Häusern kann man stehen bleiben und mit dem Handy die Geschichten der Menschen erforschen, die hier einmal lebten. Ich mag diesen Stadtteil sehr, gerade wegen dieser Parallelität. Man kann hier das Leben genießen – und gleichzeitig erinnern.
Vielleicht gerade heute. Denn heute denken viele an den Beginn des Warschauer Ghettoaufstands im Jahr 1943. Für mich passt dazu ein Satz aus der Bibel:
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“
Ich nehme diesen Satz ganz persönlich – und er sagt mir auch: dass durch Erinnerung Namen nicht verloren gehen und Menschen fast wieder lebendig werden.
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“
Die Bibel, Buch Jesaja 43,1
Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg. Viele kennen wahrscheinlich nur den U-Bahnhof Bayerischer Platz, von dem die Straßen wie die Speichen eines Rades in alle Richtungen führen. Wer hier spazieren geht, sieht – am besten im Sonnenlicht – zuerst die prachtvollen Häuser: große bürgerliche Fassaden, Balkone, hohe Etagen und kleine Straßen. Um 1900 wurde dieses Viertel bewusst als modernes Wohngebiet für das Berliner Bürgertum geplant. Viele der Familien, die hier einzogen, waren jüdische Ärzte, Juristen, Wissenschaftler, Künstler oder Kaufleute. Darum nannte man das Viertel später die „jüdische Schweiz“. Der Anteil jüdischer Bewohner war hier etwa doppelt so hoch wie im übrigen Berlin.
Beim zweiten Blick fallen sie auf: Schilder an den Laternen. Achtzig Stück im ganzen Viertel. Auf der einen Seite ein Bild, auf der anderen Seite ein Satz. Vor einer Bäckerei etwa ein Brotlaib. Geht man an dem Schild vorbei, liest man auf der Rückseite einen Erlass aus der NS-Zeit:
Jüdische Bürger dürfen Brot nur noch zwischen 16 und 17 Uhr kaufen.
Im Park hängt ein Schild mit einer Parkbank – direkt neben einer Parkbank.
Auf der Rückseite: „Nur für Arier.“ Und am Spielplatz wird klar: Für jüdische Kinder war selbst dieser Ort damals verboten.
Diese Tafeln erinnern daran, wie eine Nachbarschaft Schritt für Schritt auseinandergerissen wurde. Denn hier lebten einmal Menschen wie Albert Einstein, Hannah Arendt, Gisèle Freund oder der Rabbiner Leo Baeck. Marcel Reich-Ranicki ging hier zur Schule, Emanuel Lasker wohnte gleich um die Ecke, und auch Billy Wilder kannte diese Straßen. Wenn man das alles hört, denkt man fast: In diesem Viertel waren wahrscheinlich sogar die Nachbarschaftsgespräche ziemlich klug.
An den Schildern, den Stolpersteinen im Pflaster oder an den Gedenktafeln an den Häusern kann man stehen bleiben und mit dem Handy die Geschichten der Menschen erforschen, die hier einmal lebten. Ich mag diesen Stadtteil sehr, gerade wegen dieser Parallelität. Man kann hier das Leben genießen – und gleichzeitig erinnern.
Vielleicht gerade heute. Denn heute denken viele an den Beginn des Warschauer Ghettoaufstands im Jahr 1943. Für mich passt dazu ein Satz aus der Bibel:
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“
Ich nehme diesen Satz ganz persönlich – und er sagt mir auch: dass durch Erinnerung Namen nicht verloren gehen und Menschen fast wieder lebendig werden.
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“
Die Bibel, Buch Jesaja 43,1