Mitwirkendende
Predigt: Bischof Dr. Christian Stäblein
Liturgie: Pfarrer Michael Kösling
Lektorin: Ella Joos
Chor: Staats- und Domchor Berlin
Flöte: Martin Ripper
Violine: Catherine Aglibut
Kontrabass: Annette Rheinfurt
Bariton: Raphael Riebesell
Leitung: Kai-Uwe Jirka
Orgel: Marienorganist Xaver Schult
Predigt
Bischof Christian Stäblein
Liebe Gemeinde zu diesem Fest,
an der Krippe stehen und bleiben, das ist ja von der Geschichte der Geburt Jesu her die Geste dieses Abends, dieser Nacht: an der Krippe stehen. Das neue Leben betrachten. Den leisen Atem hören. Schutz und Schirm wünschen, auch diesem Jesus. Als ob Du ihm in Gedanken die Hand über den Kopf legst, ohne Berühren natürlich, wie beim Segnen. Eine ganz besondere Geste bei diesem kleinen Leben, als ob wir ihn - der uns alle segnen wird, der Gottes Liebe in Reinform bringt, von dem wir wünschten, dass er uns beschirmt alle Tage - dass wir ihn, so an der Krippe stehend, auch einmal segnen: die gewölbte Hand über dem Köpfchen. Du siehst die Fontanelle des Neugeborenen pulsieren. Wie verletzlich das Leben. Schon ein besonderer Moment, dass der, der uns durch unser Pulsieren und eben auch unser Zerbrechen tragen wird, dass der selber so zerbrechlich in die Welt kommt, so verletzlich, wie Neugeborene eben sind. Aber: Der wird eines Tages unsere ganze Kraft sein, im Verletzlichen besonders stark.
Also an der Krippe stehen bleiben, das ist die Geste dieses Abends, dieser Nacht, da nimmst Du dieses Fest in Dir auf, der Rest ist ja drum herum, schönstes Drumherum, oh ja, aber wenn Du an der Krippe stehst, denkst Du: Darum geht es. Neues Leben, mitten in der Dunkelheit ein Licht, ein Anfang. Der Anfang einer ganzen eigenen Welt. Und dieser kleine Mensch, oh ja, er schließt die Dunkelheit neu auf. Den Abend, die Nacht, die Welt – und mich auch.
(I) STEHEN
An der Krippe stehen. Sie können das hier in der Kirche. Ich weiß nicht, ob Sie zu Hause eine haben. Kommt auch nicht darauf an, geht äußerlich wie innerlich. Stehen ist ja vor allem eine Haltung: Aufrecht. In Distanz und Nähe zugleich. Respekt gehört dazu. Die ganze Achtung vor dem Leben steckt darin, Achtung vor dem Leben selbst. Abwarten gehört dazu – und ja, auch Unsicherheit, man tastet sich sozusagen vor. Wie die Hirten, denen man gesagt hatte, sie werden das Kind in der Krippe finden. Und als sie dann in den Stall kommen, stehen sie erst einmal da. Unsicher. Suchend. Tastend. Sie werden leise geworden sein, denke ich, verharrend, ist es das, das Kind, ja, tatsächlich? Pst. – Und dann bleibst Du erstmal stehen, und es ist wie ein Schauer, der dich durchfährt. Neues Leben blickt dich an. Und so siehst auch du das Leben neu an: mit Respekt. Mit Respekt auf die neben uns schauen: Da ist die, die sich mit all der Verantwortung im Ärztehaus durch die Tage kämpft, manchmal zwischendurch nicht weiß, wo ihr der Kopf steht und fast immer trotzdem ihren kühl bewahrt. Und jetzt siehst Du sie an diesem Abend und du spürst, wie erfüllt. Wie viel Leben sie gibt. Du stehst da und siehst sie neu mit diesem Blick des Respekts von der Krippe her. Und da ist der, der sein Leben seit zwei Jahren am Rande des Abgrunds meistert: Grundsicherung, alle zwei Wochen die Kinder, immer mal ein Minijob, echt fordernd, und du siehst ihn an diesem Abend so im Stehen aus der Distanz und denkst: Respekt, wer sagt das endlich mal: Respekt statt meckern und schimpfen. Und da ist die, die abends für sich immer noch eine Runde dreht, bevor das Nachbarskind kommt, auf das sie aufpasst, mit ein paar Seiten Bobo Siebenschläfer schläft es ein und sie manchmal auch. Froh, gebraucht zu werden. Seliger Atem. Mit allem Respekt und aus der Entfernung siehst du sie und die Menschen neben Dir an diesem Abend, denen Du Leben verdankst und Liebe und Zuwendung und Kümmern und Begleitung – geteiltes Leben. Krippe leuchtet rüber, und Du hast eine neue Achtung vor diesen Menschen und vor dem Leben - an diesem Abend.
Stehen. Zum Leben stehen. Das, wir wissen das in dieser Nacht, ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe: Menschen immer neu ansehen, wo Schutz und Schirm gefragt sind. Stehen zu sozialem Zusammenhalt. Stehen zu der jüdischen Gemeinschaft, es ist ein jüdisches Kind, Jesus, das da geboren wird, also wer will uns trennen? Niemand darf das, weg mit dem Antisemitismus - Haltung zeigen! Und ja, es ist ein Kind. Findet sich als Flüchtlingskind unter Flüchtlingskindern. Und als Neugeborenes im Armutsstall unter den Armen. Stehen mit allem Respekt vor den Tausenden Kindern in Armut in dieser Stadt und dass wir zusammengehören: Reiche nicht für sich sind, nein: zusammen - Groß und Klein, so kommen die Hirten da an, und so kommen wir da an: zusammenstehend an der Krippe, das ist die Geste dieser Nacht.
Ich steh an deiner Krippen hier, haben wir gerade gesungen, also Du und ich. An der Krippe. Ansehen und angesehen werden. Das ist Respekt vor dem Leben. Das ist Weihnachten. Der Atem dieser Nacht.
(2) KNIEN
Und dann gibt es noch eine Haltung, die sich mit Weihnachten verbindet: Du bleibst nicht stehen. Vor der Krippe – es lässt sich vermutlich kaum vermeiden – vor der Krippe, die ja niedrig ist, gehst Du in die Knie. Erstmal um besser zu sehen. Und weil Du ja anders gar nicht auf Augenhöhe kommst mit dem Leben. Beugst Dich runter zu ihm, kniest Dich hin. Wer die Weihnachtsnacht durchgeht, geht irgendwann in die Knie, innerlich sicher. Weihnachten ist ein Knieereignis. Weil Weihnachten heißt, das Kleine zu achten. Sag ruhig Kleinachten, wenn Du möchtest. Da gehst du in die Knie – und das tut gut.
Ich weiß, liebe Festgemeinde, Knien ist ein zweischneidiges Bild. Du denkst für einen Moment, wo du in die Knie gegangen bist im letzten Jahr. Bei der bitteren Nachricht vom Krebs der Freundin. Beim Abschied von einem Plan, den du lange gehegt hattest – oder von einem geliebten Menschen. Bei bedrückenden Nachrichten – die sind wie ein Schlag in die Kniekehle und Du knickst ein wie ein Streichholz. Wer will schon in die Knie gehen? Und doch gehört das womöglich zusammen: Die Geschichte von dieser Geburt, von diesem Jesus, ist ja die Geschichte dessen, der später knickt wie ein Schilfrohr, gebrochen selbst und doch wird der durch den Tod tragen, der Geschundenste aller Geschundenen, am Kreuz, Krippe und Kreuz, ein Holz gewissermaßen. In manchen Weihnachtsliedern klingt das mit. Knien heißt gerade deshalb auch: Du musst einmal nicht rennen, nicht vor dem Tod weg, und also auch nicht vor dem Leben weg. Du kannst bleiben und spüren, dass das Leben bleibt und Du, ja, obwohl echt schon meine Gelenke auch nicht mehr so recht wollen, komm, einmal knien. Kommt man näher ran ans Leben. In dieser Haltung: Ich nehme das Leben so, wie es in diesem Kind vor mir liegt. Die Macherein, die vom Machen pausieren kann, weil sich eben nicht alles machen lässt. Die Überlebenskünstler, die oft am Rande aller Kunst sind. Die Suchenden, die von ihrer Suche nach Leben so durcheinander geworden, dass sich keine Ruhe einstellt. Und ich in diesem Moment, wo ich gar nicht weiß, wo ich gerade bin und wer eigentlich.
Ob die Hirten gekniet haben? Wie so oft ist eine Lücke in der Geschichte, aber ich kann es mir kaum anders vorstellen, als dass sie auf die Knie gegangen sind, so betet man ja, so lobt und preist man seit Jahrhunderten, in dieser Geste, die sagt: komm, leg du mir die Hand auf den Kopf, Gott, ich bin da, deinen Segen erbitte ich für mein Leben. Deine Kraft, die mich trägt durch diese Zeit. Ich sehne mich danach.
Die Haltung von Weihnachten: Demut vor dem Leben.
Das würde man sich natürlich wünschen in dieser Nacht, wenn das so abliefe: in den Krankenhäusern und an allen zerstrittenen Orten, auf den Kampffeldern, in den Folterkellern und sonst allüberall, wo nicht gestanden, wo viel mehr angstvoll gerannt und erbittert gekämpft und versucht wird, Leben in die Knie zu zwingen. Das würden wir uns doch wünschen für diese Nacht, dass das ein Ende hat oder mindestens unterbrochen, ja abgebrochen wird, weil jemand die Krippe ins Bild schiebt und damit sagt: Haltung bitte – guck mal, Leben. Achte es, schütze es. Glaube an dieses Leben, auch wenn, ja gerade weil es klein ist. Es unterbricht ja eigentlich immer und alles, wenn ein Kind kommt, ob es schläft oder schreit: Du hörst für einen Moment auf zu streiten und zu schießen und zu rennen. Du stoppst – lässt dich anhalten vom Leben: Hör mal, der Atem. Ein. Aus. Ein. Und dann also dieses Neue, die Liebe selbst, Gottes Liebe, zum Niederknien wie eine Hand, die schützend über deinem Kopf sich wölbt. -- Ha. Das unterbricht doch alles, irgendwie, müsst Ihr mal ausprobieren später, das unterbricht alles, wenn einer sagt: Tut mir leid. Diese Geste. Und Du wolltest dich gerade schön aufregen, es hatte ja sowieso schon ein Wort das andere gegeben – und dann sagt der: Tut mir leid, kannst Du mir noch einmal verzeihen? Kniet sozusagen vor Dir. Das ist wie so ein Krippenkind im Bild, wie eine Geste: Ich sehe dich! Und eben fandest du noch, dass alles ziemlich verlogen stinkt wie der Dreck im Stall, da willst du dich echt nicht hinknien, aber dann siehst du: Da ist ja das Kind dieser Nacht. Das abhängigste, schwächste, hingeknieteste – und macht’s möglich, diese Haltung: „Tut mir leid“. Da fängt das an in dieser Nacht. Und hört nicht auf seitdem. Fängt immer neu an.
(III) AUFBRECHEN
Das ist die Haltung von Weihnachten – zum Mitnehmen nach Hause und in unsere Gesellschaft, in Politik und Welt: Stehen – Knien. – Ich steh an deiner Krippen hier. Ich knie an deiner Krippen hier. Und dann? Später? Nach dem Fest? Aufbrechen: Natürlich, irgendwann werden, ja müssen die Hirten wieder aufgestanden sein, das steht ja da in der Geschichte. Los sind sie, allzu lange werden sie da nicht im Stall verharrt haben, aber aus diesen kostbaren Momenten haben sie geschöpft und dann erzählt auf dem Weg von der Krippe wieder weg: Ich lauf von deiner Krippen her gewissermaßen – und so ist es ja auch: Du läufst von der Krippe her los, die Nacht, die nächsten Tage, das ganze Jahr im Grunde kommst du von der Krippe her und hast sie hinter dir, im Rücken und immer wieder möge sie sich ins Bild schieben. Und so läufst du ins Leben, merkst nicht nur heute, auch morgen und übermorgen: irgendwie darf das ja nicht sein mit der Einsamkeit um uns und in uns, da läufst du doch noch schnell bei dem einen Stock über dir vorbei. Geht ja nicht anders. Und irgendwie kann das doch gar nicht sein mit den unaufhörlichen Kriegen, da gehst du schon noch in Gedanken vorbei bei allen, die ernst und das ganze Jahr über nach Wegen suchen, wie wir das aushalten und trotzdem endlich einen Ausgang finden. Von der Krippe herkommen, laufen, das ist kein gestresstes Hetzen, kein ergebenes Trotten, kein Marschieren, das ist fröhliches, zuversichtliches Laufen, merkst auch bald deine Knie gar nicht mehr so sehr. Das alte Lied weitergetextet klänge so: Ich komm von deiner Krippen her, o Jesu, Du mein Leben. Und zwar in dieser Haltung: Achtung vor dem Leben, Respekt, Nähe und die nötige Distanz zum anderen, genau die richtige Mischung eben. Hoffnung, dass Leben Zukunft hat. Und diese Gewissheit: Ich seh’ dich. Gott sieht dich. Und ich bin gesehen. Hörst du. Und denkst aber: Das Kind kann doch nicht sprechen, das doch nun wirklich als Neugeborenes noch nicht. Und da merkst du – guck mal, wer da spricht – guck mal, da ist jemand neben dir, und du siehst zur Seite – Haben Sie gerade was gesagt? Ach ja, entschuldigen Sie, ich stand hier nur so an der Krippe – und Sie auch? – na dann: Ich seh‘ Sie. Gott sieht Dich. Euch. Frohe Weihnachten also. Amen.