Die Abbildung zeigt ein kunstvolles, rundes Fenster mit einem zentralen Motiv eines Engels. Das Fenster besteht aus vielen bunten, goldenen und gelben Glasstücken, die ein warmes Licht spenden und eine beeindruckende Atmosphäre schaffen.
25.05
2026
10:00
Uhr

„Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“

Geistliche Gedanken zu Pfingsten von Generalvikar Pater Manfred Kollig SSCC

Geistliche Gedanken zu Pfingsten von Generalvikar Pater Manfred Kollig SSCC

Autor Wir feiern Pfingsten. In Deutschland stehen uns dafür sogar zwei Tage zur Verfügung, der Pfingstsonntag und der heutige Pfingstmontag. Aber was feiern wir eigentlich? Eine Kraft die uns geschenkt wird? Einen Gott, der uns seinen Geist vererbt? Eine Person, die Christinnen und Christen den Heiligen Geist nennen? Vielleicht denken einige von Ihnen an Gemälde und Skulpturen, auf denen der Heilige Geist als Taube dargestellt wird. Vielleicht erinnern Sie sich an Bilder, auf denen zu sehen ist, wie der Heilige Geist in der Gestalt von Feuerzungen auf die Jünger herabkommt. Vielleicht aber ist es auch so, wie es vor einiger Zeit in der Crucis-Kirche, einer Barockkirche am Stadtrand von Erfurt, geschehen ist. Hier fiel die Taube aus Gips herunter.

Weihnachten und Ostern werden aus teils religiösen, teils kulturellen und teils auch aus wirtschaftlichen Gründen wachgehalten. Pfingsten hingegen ist eher zweitklassig. Ist bei uns vielleicht nicht nur die Taube aus Gips, sondern der Heilige Geist heruntergefallen?

Musik: Motette von J.S. Bach, BWV 226

Autor: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“ Dies haben wir gerade in einem Ausschnitt aus der gleichnamigen Motette von Johann Sebastian Bach gehört. Dieses Werk Nummer 226 im Bachwerkeverzeichnis wurde für ein Begräbnis geschrieben. Dieses soll im Jahr 1729 stattgefunden haben. Die Motette bedient sich des Textes aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom. In den Versen 26 und 27 des 8. Kapitels schreibt Paulus über den Heiligen Geist:

Sprecherin: So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist. Denn er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. (Röm 8,26f)

Autor: Die Motette von Johann Sebastian Bach wurde anlässlich eines Begräbnisses geschrieben. Dem Heiligen Geist wird aber von Christinnen und Christen nicht erst am Ende eines Lebens Bedeutung zuerkannt. Vielmehr wird um ihn gebetet von der Geburt eines Menschen bis zu seinem Tod.

In der Taufe heißt es: „Christus hat euch von der Schuld Adams befreit und euch aus dem Wasser und dem Heiligen Geist neues Leben geschenkt.“ Mit der Schuld des Adam ist jene Schuld gemeint, die aus der Ursünde des Menschen folgt. Diese Ursünde ist die Urschwachheit des Menschen, sich nicht als Mensch anzunehmen. Der Mensch will nicht sein wie ein Mensch, nicht zu sich Ja sagen, sondern er will sein wie Gott. Manche Menschen wollen allmächtig sein und werden größenwahnsinnig. 

In der Taufe wird dem Menschen zugesagt, dass Gott ihn annimmt, so wie er ist. Gott nimmt den Menschen an mit seinen Stärken und seinen Schwächen. Dieses Ja zu dem konkreten Menschen – weiblich, männlich oder divers, Säugling, jugendlich oder erwachsen – spricht Gott in der Muttersprache dieses Menschen. Dieses Jawort Gottes gilt ein Leben lang und ist unabhängig von den weiteren Entwicklungen. Dieses Ja beinhaltet Erfolge und Misserfolge, Gelingen und Scheitern, Freude und Leid. Ja, Gott hat den Menschen sogar so gewollt und ins Leben gerufen: zugleich stark und schwach, kreativ und einfallslos.

Musik: Motette BWV 226

Autor: Wenn der Mensch in die Pubertät kommt, wird es spannend. Dann zeigt sich die Schwäche des Menschen auf neue Weise. So fragt sich der junge Mensch: Wohin gehöre ich? Wer bin ich? Warum meckern alle an mir herum? Stimmungsschwankungen erzeugen Missverständnisse und Konflikte in Elternhaus und Schule. Das Gehirn des pubertierenden Menschen gleicht einer Großbaustelle. Die Lust, sich von den Eltern zu lösen, wächst. In diese Phase hinein fällt das Angebot der Jugendweihe. In der Evangelischen Kirche wird den Jugendlichen die Konfirmation angeboten. Die Katholische Kirche lädt ein, das Sakrament der Firmung zu empfangen.

Wenn der Verstand aus der Sicht einiger Erwachsener verrücktspielt, lädt die Kirche ein, sich das Ja-Wort, das Gott in der Taufe gesprochen hat, bestätigen zu lassen. Wenn das Leben einer Berg- und Talfahrt gleicht und es erwachsenen Menschen manchmal schwerfällt, zu Menschen in der Pubertät Ja zu sagen, bekommen Jugendliche die Chance zu hören: „Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.“ Wenn sich der Mensch nicht mehr sicher ist, wer noch zu ihm steht, gibt Gott, wie eine Redewendung sagt, Brief und Siegel auf sein Ja. 

Ein Gebet für Jugendliche um den Heiligen Geist bringt das auf den Punkt:

Sprecherin

Heiliger Geist, 
komm in mein Herz, 
mach es lebendig, mutig und offen. 
Zeig mir, wer ich wirklich bin – 
geliebt, gewollt, einzigartig. 
Du bist wie Feuer – 
entzünde in mir die Leidenschaft für das Gute. 
Du bist wie Wind – 
beweg mich, wenn ich stehen bleibe. 
Du bist wie Licht – 
leuchte mir den Weg, wenn ich nicht weiterweiß. 
Schenk mir Kraft, 
wenn ich mich schwach fühle. 
Schenk mir Mut, 
wenn ich Angst habe, anders zu sein. 
Schenk mir Freude, 
die ansteckt und Hoffnung bringt. 
Mach mich wach für das, was zählt. 
Lass mich spüren, dass Glaube mehr ist 
als Regeln – 
dass er Leben ist, Liebe, Freiheit. 
Heiliger Geist, 
sei mein Freund, mein Coach, mein Kompass. 
Bleib bei mir – 
heute, morgen, immer. 

Amen. [i]


Musik: Motette BWV 226

Autor: Der Heilige Geist hilft unserer Schwachheit auf: vom Anfang unseres Lebens und immer wieder im Laufe unseres Lebens. Alle Sakramente verweisen auf den Heiligen Geist und vermitteln ihn. Wo wir schwach werden, wo uns die Ideen ausgehen, wo wir die Hoffnung verlieren, wo wir an uns selbst oder den anderen zweifeln und verzweifeln, wird uns der Heilige Geist zugesagt. Wenn wir uns schwach und hilflos fühlen, bewahrheitet sich, dass Jesus seinen Aposteln in der Verzweiflung den Heiligen Geist als Tröster an die Seite gestellt hat. So heißt es im Johannesevangelium, in den Versen 16 bis 18 des 14. Kapitels, dass Jesus gesagt hat:

Sprecherin: Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. (Joh 14,16-18)

Autor: Momente, in denen wir uns schwach fühlen, gibt es im Laufe unseres Lebens immer wieder: Zeiten, in denen wir selbst Fehler gemacht haben und die Folgen ertragen müssen. Schwach fühlen wir uns, wenn die Entwicklungen in unserer Welt schlecht verlaufen und wir nicht wissen, was wir tun sollen. Dann glauben wir nicht mehr, dass die Welt und ihr ökologisches Gleichgewicht gerettet werden können. Dann verlieren wir auch die Hoffnung, dass der Wille zum Frieden stärker ist als die Lust auf Krieg. Schwach fühlen wir uns, wenn andere zu mächtig sind und vielleicht sogar mit Allmachtsphantasien regieren. 

Unsere Schwäche und Anfälligkeit erfahren wir, wenn wir krank werden. Wenn wir vielleicht nicht einmal eine Aussicht auf Genesung haben, besteht die Gefahr, dass wir dünnhäutig werden und zu verzweifeln drohen.

In diesen und anderen Situationen kann es sein, dass selbst jene Menschen, welche sich für sehr religiös halten, nicht mehr wissen, was sie beten sollen. In dem Text aus dem Brief an die Gemeinde in Rom, den wir gehört haben, nimmt an dieser Stelle der Heilige Geist die Rolle des Menschen ein. Er betet stellvertretend für den Menschen, der nicht weiß, wie er beten soll. Es ist schwer oder wahrscheinlich gar nicht zu verstehen: Der Geist wird hier nicht nur als Kraft verstanden, sondern als Person. Er gibt uns nicht nur Energie, sondern handelt stellvertretend, betet, tröstet, ist Anwalt und Lehrer. Er schenkt nicht nur neue Kraft, wie es bei der Salbung der Kranken zugesagt wird: „Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen. Er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes.“ Er handelt auch selbst und hat eine persönliche Beziehung zu Gott und zu den Menschen. 

Musik: Motette BWV 226

Autor: Die Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ von Johann Sebastian Bach wird heute üblicherweise kombiniert aufgeführt mit der 3. Strophe des Liedes von Martin Luther: „Komm heilger Geist, Herre Gott.“. In dieser Strophe wird der Heilige Geist nicht nur gebeten uns vor der Macht des Trübsal zu bewahren. Er soll uns auch helfen, „des Fleisches Blödigkeit zu überwinden.“

Pfingsten lädt ein, die eigenen Schwachstellen anzuschauen. Dies darf ich in der Zuversicht tun, dass der Heilige Geist sich dieser Schwachstelle annimmt, wenn ich dies möchte. Ich bin frei, ihn als Beistand anzunehmen und zuzulassen oder auch nicht. 

Wenn wir über Schwachstellen sprechen, sprechen wir nicht nur über besondere Situationen, in denen wir besonders auf andere angewiesen sind: als Säugling, in der Pubertät, in der Krankheit oder bei Verlusterfahrungen durch Unglück und Tod. Schwachstellen zeigen sich auch dort, wo wir geistlos handeln oder etwas aus unehrlichen Motiven tun. Deshalb ist es gut, wenn wir immer wieder die Geister unterscheiden, die in uns wirken.

Dabei geht es nicht um die Unterscheidung der Geister der anderen. Es geht nicht darum, die Motive der anderen zu be- oder verurteilen, indem wir beispielsweise sagen: Der macht diese Aktion doch nur, um sich wichtig zu machen. Oder: Die hilft nur, damit sie von anderen gelobt wird. Oder: Die wollen gar nicht uns helfen, sondern haben nur ihre eigenen Interessen im Kopf.

Wir können und sollten nicht die Geister der anderen unterscheiden, sondern nur unsere eigenen. Ich frage mich an jedem Abend: Was ist heute gelungen und was nicht? Was habe ich heute aus welchem Motiv und mit welcher Motivation getan? Ich weiß, dass ich Gutes tun kann aus einem Geist des Egoismus. Ich weiß, dass ich die Möglichkeit habe, so zu tun, als würde ich den anderen lieben, aber dabei nur meinen eigenen Vorteil suche. Das nennt Martin Luther die Blödigkeit des Fleisches.

Diese Blödigkeit kann sich auf große Systeme auswirken, auch auf Kirche und auf Nationen und auf die ganze Welt. Die Blödigkeit des Fleisches zeigt sich überall dort, wo vorgegeben wird, man würde anderen helfen, sucht aber nur den eigenen Vorteil.

In einem Gebet des verstorbenen Kapuzinerpaters Anton Rotzetter heißt es:

Sprecherin: Eine Schale will ich sein. Empfänglich für Gedanken des Friedens, eine Schale für dich, Heiliger Geist. Meine leeren Hände will ich hinhalten. Offen für die Fülle des Lebens, leere Hände für dich, Heiliger Geist.

Autor: Pfingsten ist eine Chance, dankbar darauf zu schauen, wo mir in meinem Leben der Heilige Geist in meiner Schwachheit geholfen hat. Das Fest ist die Gelegenheit, mein Leben zu betrachten und zu fragen: Wo wurde ich davor bewahrt, mich von dem Trübsal antreiben zu lassen? Wo wurde ich in der Trauer getröstet? Wo habe ich, als ich ausgetrocknet und müde war, neuen Mut und neue Lust auf das Leben bekommen? 
Ich wünsche Ihnen einen guten, erholsamen und geistreichen Pfingstmontag. Der Heilige Geist lenke, wo wir in die Irre gegangen sind. Er schenke Ruhe, wo wir hektisch werden. Er tröste, wo wir trostlos weinen. 
Bevor wir den letzten Teil der Motette von Johann Sebastian Bach hören, lade ich Sie ein, die sogenannte Pfingstsequenz in der Übersetzung von Heinrich Bone anzuhören, auf sich wirken zu lassen und vielleicht auch still mitzubeten.

Sprecherin:

Komm, o Geist der Heiligkeit!
Aus des Himmels Herrlichkeit
Sende deines Lichtes Strahl!

Vater aller Armen du,
Aller Herzen Licht und Ruh’,
Komm mit deiner Gaben Zahl!

Tröster in Verlassenheit,
Labsal voll der Lieblichkeit,
Komm, du süßer Seelenfreund!

In Ermüdung schenke Ruh’,
In der Glut hauch Kühlung zu,
Tröste den, der trostlos weint.

O du Licht der Seligkeit,
Mach dir unser Herz bereit,
Dring in unsre Seelen ein!

Ohne Dein lebendig Wehn
Nichts im Menschen kann bestehn,
Nichts ohn’ Fehl und Makel sein.

Wasche, was beflecket ist,
Heile, was verwundet ist,
Tränke, was da dürre steht.

Beuge, was verhärtet ist,
Wärme, was erkaltet ist,
Lenke, was da irregeht.

Musik: Motette BWV 226

 

[i] Quelle: Der Heilige Geist - ganz praktisch - Firmung.at