31.12
2025
19:30
Uhr

Licht und Schatten

Geistliche Gedanken zum Jahresende von Joachim Opahle

Ein Beitrag von Joachim Opahle

Musik: J.S.Bach, Charconne, BWV 1004, Alex Jacobowitz, LC 6670

"Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht.“ (Gen 1)

Licht und Dunkelheit haben uns Menschen schon immer sehr beschäftigt. Geht es nach den Autoren der Bibel, ist ganz am Anfang der Weltentstehung alles dunkel. Später erst kommt das Licht dazu. Und nur das Licht wird auch ausdrücklich „gut“ genannt. Das Dunkle aber, das ist zuerst da. Es hat einen Vorsprung. Dennoch gilt die Dunkelheit als eher negativ. Das Dunkle erweist sich als natürlicher Gegner des Hellen. Andererseits leuchtet ein: Erst durch die Dunkelheit hindurch kann das Licht offenbar werden. Beides gehört also zusammen, das eine ist nicht ohne das andere denkbar. 

Am heutigen, letzten Tag des Jahres, sind solche Gedanken zu Hell und Dunkel naheliegend. Vor allem die Nacht spielt heute eine Rolle, denn die letzte Nacht des alten Jahres ist eine Nacht, in der wir uns anschicken, das Dunkel mit Lichtern und Farben kunstvoll zu erhellen und am Himmel in Szene zu setzen.  

Es heißt, das Feuerwerk habe seinen Ursprung in China. Um das 10.Jahrhundert herum, als dort erstmals Schwarzpulver entdeckt wurde. Man füllte es in Bambusrohre und brachte es zur Explosion, vermutlich um böse Dämonen oder mythische Ungeheuer zu vertreiben. 

Andererseits geht das Lichterspektakel in der Neujahrsnacht auch auf germanische Einflüsse zurück. Im damaligen Götterkult war es üblich, zum Jahreswechsel Holzräder anzuzünden, um sie brennend ins Tal zu rollen. Man erhoffte sich davon, die Wintergeister zu vertreiben und den Kriegsgott Wotan davon abzuhalten, während der langen dunklen Nächte im Winter Schaden anzurichten. 

Das Feuerwerk, wie wir es hierzulande kennen, dürfte sich allerdings eher an den europäischen Fürstenhöfen des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelt haben. Wenn hier der Nachthimmel glanzvoll erhellt wurde, ging es nicht um die Abwehr böser Wintergeister, sondern um Luxus und Lebensfreude. Georg Friedrich Händel hat die fröhlich-festliche Stimmung gekonnt musikalisch in Szene gesetzt: 

Musik: Georg F. Händel, Feuerwerksmusik, Ouvertüre, The English Concert, Trevor Pinnock, Deutsche Grammophon, BestNr. 028946914526

Ob es um die Beschwörung mythischer Ungeheuer ging oder um einen Überschwang an Lebensfreude – das Entzünden von Feuer und die Farbenpracht am Himmel haben eine erkennbar spirituelle Dimension. Das Feuerwerk bildet eine symbolische Brücke zwischen uns, den Irdischen, und denen da oben in den himmlischen Welten: das Feuerwerk als eine Art moderne Opfergabe, um Schutz und Segen für Volk und Land zu erbitten. 

„Fürchte nicht den Schrecken der Nacht“  (Psalm 91,5) – ruft der Beter aus dem 91. Psalm. Es ist jener berühmte Hoffnungs-Psalm, der uns ermutigt, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Nicht vor Pest und Seuche, nicht vor Krieg und Heimtücke: 

„Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen. Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ (Psalm 91,10-12)

Am Ende dieses Jahres 2025 frage ich mich: Haben wir Grund für eine solche tiefe Zuversicht? Sollten wir ein großes Feuerwerk zünden zum Jubeln - und um unserer Lebensfreude Ausdruck zu verleihen? Oder mahnen uns die Probleme und Herausforderungen im großen und im kleinen Maßstab eher zu Nüchternheit? 

Wenn ich Silvesterknaller höre, kommen mir immer sofort die Bomben und Granaten in den Sinn, die in eben diesen Stunden in der Ukraine niedergehen. Sie klingen ähnlich wie unsere Silvester-Böller, und bringen doch nur Tod und Zerstörung und unsägliches Leid mit sich. Viele weitere gesellschaftliche Aufgaben stehen an und müssen irgendwie bewältigt werden, von der dramatischen Klimakrise über einen neuerwachten Fremdenhass und Rassismus bis hin zur weltweiten Destabilisierung der internationalen Ordnung durch Kriege und Aufrüstung. Wäre Pessimismus nicht die angemessenere Antwort auf all diese Krisen? 

Musik: J.S.Bach, Bist du bei mir; Dominikus Trautner, Vier-Türme-Verlag, BestNr: 3 878683367

Viel wird in jüngster Zeit vom „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gesprochen. Er scheint in aller Munde zu sein, ein fast schon mythischer Begriff, der umso dringlicher beschworen wird, je weniger er sich konkret fassen lässt. Was gemeint ist, ist aber doch mehr oder weniger jedem klar: Unsere Gesellschaft ist anonymer geworden, trotz immer mehr Online-Vernetzung, auch aggressiver. Radikale Parteien haben Zulauf. Gemäßigte Stimmen werden leiser. Manchmal scheint es, dass die Probleme zumindest gefühlt immer größer werden, immer undurchsichtiger. Ist bei all den globalen Herausforderungen noch genügend Raum für einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft?

Mir kommt die Sternseherin Lise in den Sinn. Matthias Claudius hat ihr ein unvergleichlich schönes und nachdenkliches Gedicht gewidmet. Es handelt vom nächtlichen Sternenhimmel. Helle Lichter vor dunklem Hintergrund – für den Dichter sind die Sterne Hoffnungsboten. Sie stehen für Orientierung und für Zuversicht – inmitten einer ängstigenden Welt:

 

Ich sehe oft um Mitternacht,
wenn ich mein Werk getan und niemand mehr im Hause wacht,
die Stern` am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut
als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereiht
wie Perlen an der Schnur.

Und funkeln alle weit und breit,
und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
und kann mich satt nicht sehn ...

Dann sagte, unterm Himmelszelt,
mein Herz mir in der Brust:
Es gibt was Besser‘s in der Welt
als all ihr Schmerz und Lust.

Ich werf mich auf mein Lager hin,
und liege lange wach,
und suche es in meinem Sinn,
und sehne mich darnach.

(Matthias Claudius, 1803, Die Sternseherin Lise, Sämtliche Werke, VII. Teil,  

 

Musik: Herr ich bin dein Eigentum, Dominikus Trautner, Vier-Türme-Verlag, BestNr: 9783896805577
 

Das nächtliche Licht der Sterne ist ein Symbol für Zuversicht, denn es kommt von weit her, aus den weitesten Himmeln. Und es bringt uns zum Staunen. Das Licht steht auch für alles Lebendige. Erst wenn unser Lebenslicht erlöscht, wie es lyrisch umschrieben wird, droht die ewige Dunkelheit. Doch auch dann gibt es noch ein Licht, das Trost entfaltet, etwa wenn wir beim Begräbnis beten, dass das ewige Licht dem Heimgegangenen den Weg durch die Dunkelheit des Todes weisen soll.  Für den, der glaubt, ist diese Lichtquelle göttlichen Ursprungs. Ihre Energie geht nie aus. Nicht die Finsternis hat das letzte Wort, sondern das lebendige, wärmende Licht.

 

Musik: Elévation, Edmont J.L.Missa, Dominikus Trautner, Vier-Türme-Verlag, BestNr: 9783896805577 
 

"Lebt als Kinder des Lichtes!", so hat es der Apostel Paulus den Christen in Ephesus ins Stammbuch geschrieben (Eph, 5,8-9), denn "das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor". Und im Johannesevangelium ist es Christus selbst, der von sich sagt: "Ich bin als das Licht in die Welt gekommen, damit keiner, der an mich glaubt, länger in der Dunkelheit leben muss" (Joh 12,46).

Diese Gleichsetzung des Lichtes mit dem Göttlichen gehört zu den Urbildern des Glaubens: Deshalb heißt es in einem alten christlichen Osterhymnus beim Entzünden der Osterkerze: "Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages". Hier wird Christus besungen als das Licht, das in der Finsternis aufscheint und neue Hoffnung und neues Leben verheißt. 

 

Musik: Der Morgenstern ist aufgedrungen, Michael Praetorius, Windsbacher Knabenchor, Bayer Records, LC 8498, BestNr: 4011563103004

 

Vor allem in langen Winternächten warten wir hoffnungsvoll auf das erste Tageslicht. Ein Hinweis auf den beginnenden Tag ist der Morgenstern, der sich gleich nach Mitternacht am Nachthimmel zu erkennen gibt. Weil er als erster von der aufgehenden Sonne kündet, spielt er eine mythologisch wichtige Rolle. Er signalisiert, dass die Sonne den Kampf gegen das Dunkel gewonnen hat. Im Altertum wird der Morgenstern mit der Göttin der Morgenröte gleichgesetzt. Die Bibel wiederum bringt den Morgenstern in der Geheimen Offenbarung mit Christus in Verbindung, der von sich sagt: "Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern". (Apk 22,16).

Es waren die Liederdichter der Barockzeit, die den Morgenstern intensiv besungen haben. Angelus Silesius, der Breslauer Lyriker und Arzt, bezeichnet in seinem berühmten Lied "Morgenstern der finstern Nacht" den Auferstandenen als ein Hoffnungslicht in der Dunkelheit. In einer verinnerlichten mystischen Schau soll Christus die Dunkelheit des "Herzens Schrein" erleuchten. Ein Morgengebet voller Inbrunst und Freude darüber, dass die nächtliche Finsternis vom göttlichen Licht überwunden wird. Man könnte geradezu meinen, einem nächtlichen Feuerwerk beizuwohnen, wenn mit immer neuen Beschreibungen der göttliche Schein besungen wird: als "freudenreicher Strahl" und "güldenes Seelenlicht" zur Erhellung der Dunkelheit: "Voller Pracht wird die Nacht, weil dein Glanz sie angelacht".

Ein anderer, Philipp Nicolai, der Autor des Liedes "Wie schön leuchtet der Morgenstern", hat diese Jesus-Licht-Mystik noch zu übertreffen versucht. Auch für ihn ist der Morgenstern als Lichtpunkt am schwarzen Nachthimmel ein mystischer Schein, "lieblich, freundlich, schön und prächtig, groß und mächtig …". In einer nicht enden wollenden Ansammlung von Bildern nennt er ihn ein "leuchtendes Kleinod", die "Flamme der Liebe", den "Freudenschein". 

In der Kantate zum Fest der Verkündigung an die Gottesmutter hat Johann Sebastian Bach diesem Morgensternlied von Philipp Nicolai ein überaus eindrucksvolles musikalisches Denkmal gesetzt, mit kunstvollen Harmonien und einer spannungsreichen Melodik, die man auch gut einem Silvesterfeuerwerk unterlegen könnte
 

Musik: J.S.Bach, Wie schön leuchtet der Morgenstern, Cantate BWV 1, Windsbacher Knabenchor, Sony Music, 887254097327

 

Wie schön leuchtet der Morgenstern
voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn,
du süße Wurzel Jesse.
Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm,

mein König und mein Bräutigam,
hast mir mein Herz besessen;
lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich,
reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.

 

Rund um die Welt begrüßen wir heute Nacht das Neue Jahr mit Jubel und Fröhlichkeit. Und wer keinen Grund zum Jubel hat, wird vielleicht im Stillen seiner Hoffnung auf eine gute Zukunft Ausdruck geben. Diese Hoffnung behauptet sich trotz aller Widrigkeiten. Nur deswegen gibt es ja die vielen guten Wünsche für das, was kommen mag: Die Glücksymbole, das gegossene Blei – alles Hilfsmittel, um spielerisch nach vorne zu blicken. Und deshalb stoßen wir an mit einem fröhlichen „Prosit Neujahr!“, was zu deutsch heißt „Möge es gelingen“. Oder wir wünschen uns einen „guten Rutsch“, was bekanntlich nichts mit Eisglätte zu tun hat, sondern mit dem jüdischen Neujahrsfest „Rosch ha-Schana“. Alle diese Bräuche sprechen von Zuversicht, man könnte es auch Optimismus nennen. 

Dieser Zuversicht wird am heutigen Abend auch in den Kirchen Raum gegeben. Eine Zuversicht, die auf Vertrauen gründet. Ein Vertrauen, das darauf setzt, dass Menschen es gut mit mir meinen. Es ist ein Sprung ins Ungewisse, aber nicht ins Leere.  „Von guten Mächten treu und still umgeben“ heißt es in einem berühmten Lied, das auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer zurückgeht. Heute Abend erklingt es tausendfach in den Andachten zum Jahreswechsel. Es ist ein Lied von fast schon übermenschlicher Zuversicht. Einer Hoffnung, die im festen Glauben gegründet ist, dass die hellen Momente des Lebens die dunklen stets überstrahlen. Und so wünsche ich allen Hörerinnen und Hörern einen guten und hoffnungsfrohen Start ins Neue Jahr 2026.

Musik: Von guten Mächten treu und still umgeben, Dietrich Bonhoeffer, Siegfried Fietz 2019, Abakus Music, BestNr: 9783881244923