Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt – und fühlt sich schon ziemlich intensiv an: Lichter überall, Bilder, Schlagzeilen, Push-Nachrichten im Minutentakt. Alles gleichzeitig. Meine Finger merken das – sie haben Muskelkater vom Tippen. Neujahrsgrüße gehen heute fast nur noch digital raus, übers Handy, übers Smartphone. Digitalisierung gehört dazu, auch 2026 – sie verbindet, informiert, beschleunigt. Aber sie verlangt uns auch einiges ab. Während die jüngeren Finger scheinbar mühelos und unentwegt übers Display fliegen, merke ich meine Langsamkeit. Und vermisse Ruhe und Sinnlichkeit beim Schreiben und Lesen. Das Knistern von Papier, die Karte in der Hand, eine geschwungene Handschrift.
Da bewundere ich alle, die mit ihren Fingern nicht bloß schreiben, sondern lesen können. Heute ist Welt-Braille-Tag. 201 Jahre ist es her, dass der Franzose Louis Braille seine geniale Idee in tastbare Schriftzeichen umsetzte: sechs Punkte im Quadrat zum Fühlen in Papier gestanzt. Je nach Anordnung ein eigenes Alphabet für die, die gar nicht oder nur sehr eingeschränkt sehen. Ein Riesenstück Teilhabe am alltäglichen Leben und Teilhabe an Bildung. Denn so schön es auch ist, vorgelesen zu bekommen: selber lesen können ist was anderes. Ein Stück Selbstbestimmung. Durch Lesen lernen wir Rechtschreibung. Tauchen ein in andere Welten – auch in andere Bildungswelten. Kein Hörbuch kann das ersetzen.
Ich bin jedes Mal fasziniert, wenn ich bei dieser sinnlichen Art zu lesen zuschauen darf: Die Finger gleiten über das Papier – mit Gefühl eben: tastend, konzentriert und dabei flüssig und schnell. Gerade im digitalen Zeitalter, wo so viel und überall kommuniziert wird: im Stehen und Laufen, beim Rennen und Fahren – wo so viel gleichzeitig passiert, oft auch unkonzentriert, ist Brailleschrift lesen der Gegenentwurf – als wolle der Erfinder uns sagen: nur mit Gefühl und Konzentration kommst Du an`s Ziel.
Apropos an`s Ziel kommen – Braille ist auch in Berlin präsent: Am Bahnhhof Friedrichstrasse zum Beispiel am Treppengeländer, das zu den Gleisen führt. Fühlen Sie mal! Ich finde das ein gutes Motto 2026 für Berlin: Mehr Teilhabe! Mehr Empfindsamkeit und Achtsamkeit füreinander – mehr Ruhe und Konzentration in dieser wirbeligen Stadt. Mehr Hinschauen mit dem Herzen. Mehr Nächstenliebe.
Es gibt ein Wort dafür – ganz kurz – fünf Buchstaben nur, tippt sich ganz leicht: SEGEN! Den wünsche ich Ihnen, uns und der Stadt für dieses Jahr!