Heute, auf den Tag genau vor 75 Jahren, begann die Europäische Union Wirklichkeit zu werden. Unter dem aus heutiger Sicht fast altmodisch klingenden Namen „Montanunion“ ging es zunächst um Kohle und Stahl – also um Wirtschaft. Doch genau das bildete die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben, zunächst in Westeuropa. Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande beschlossen, zusammenzuarbeiten. Sie waren von da an im Bereich der Kohle- und Stahlindustrie nicht mehr nur sich selbst verpflichtet, sondern dem Gemeinwohl aller Mitgliedstaaten. Ein großer Schritt für die internationale Zusammenarbeit.
Mein Leben lang hat mich der europäische Gedanke begleitet. Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen, in unmittelbarer Nähe zu den Gründungsstaaten Frankreich, Belgien und den Niederlanden – und in einer Familie, die nach der Vertreibung aus Schlesien, heute in Polen, hier Zuflucht fand. Lange bedeutete die Europäische Gemeinschaft für mich vor allem den Blick nach Westen: nach Paris, Amsterdam und Brüssel. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaft veränderte sich diese Perspektive.
Nicht zuletzt durch meinen Umzug in das Bistum Dresden-Meißen und später in das Erzbistum Berlin sind mir unsere osteuropäischen Nachbarn nicht nur geografisch, sondern seelisch näher gerückt.
Wir können uns heute – ob links oder rechts der Oder – glücklich schätzen, dass bereits 1951 so vorausschauend gedacht und gehandelt wurde. Mit der Osterweiterung im Jahr 2004 wurde ein weiterer großer und notwendiger Schritt getan. Die Europäische Union ist dadurch vielleicht nicht immer stabiler, aber gewiss zukunftsfähiger geworden.
Denn gemeinsam sind wir stärker – nicht nur in wirtschaftspolitischen Fragen.
Der europäische Gedanke, der so wichtig ist, steht heute unter Druck. Gerade wir als Christinnen und Christen – die noch immer etwa zwei Drittel der Menschen in der Europäischen Union ausmachen – sind aufgerufen, aus unserem Glauben heraus gemeinsam jeden Tag für ein Miteinander statt Gegeneinander einzutreten. Wir können dankbar sein für das Erreichte. Zugleich sind wir alle gefordert, uns immer wieder neu für die Einheit in Vielfalt und für den europäischen Gedanken einzusetzen.
Ich wünsche Ihnen morgen einen gesegneten Sonntag.