Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
der 9. November morgen fällt ausnahmsweise auf einen Feiertag, also einen Sonntag. Es jährt sich zum 87. Mal die Reichspogromnacht. Wir erinnern und gedenken des schrecklichen Bedrohens, Verfolgens und Mordens der Nazis von Juden und Jüdinnen, gedenken der Angriffe auf ihre Geschäfte und ihr Leben in unserem Land und das gezielte Anzünden und Brennen ihrer Synagogen – eine Nacht und ein Tag, wie wir ihn gerade angesichts des Antisemitismus in unserem Land heute und in Europa niemals vergessen dürfen.
Und es jährt sich morgen zum 36. Mal, dass an diesem Tag Menschen friedlich die Mauer zum Einsturz gebracht haben. An jenem Abend haben sie das Unverzüglich – auf die Rückfrage, ab wann die neuen Reisevorschriften gelten – unverzüglich umgesetzt und: die Mauer zum Stürzen gebracht. Aber nicht im passiv, gefallen oder so, sondern eben aktiv. Als verdichteter Kern einer friedlichen Revolution, die in den Kirchen ihren Ausgang nahm.
Gedenktag an unvergleichlichen Schrecken also und besonderen Jubel – beides gehört zum 9. November und dass beides zu diesem Tag gehört, ist erst recht besonders. Mancher versucht, es alles unter eine Überschrift zu bringen: Tag für die Freiheit und die Menschenwürde etwa, denn es gilt zu erinnern, wie sie getreten und verfolgt wurde diese Würde aller, die jeder und jede vor Gott hat. Und es gilt zu feiern, wie Freiheit in Würde erstritten wurde. Oder: Der 9. November zeigt, wie eine Gesellschaft untergeht, wenn das Recht nicht mehr gilt und Gotteshäuser nicht geschützt, sondern niedergebrannt werden. Und er zeigt, wie Recht und Demokratie vom Volk selbst den Weg gebahnt bekommen. Beides eben.
Freiheit und Menschenwürde – aber: Das Verbinden in Oberbegriffen überzeugt, so richtig es ist, nicht gänzlich. Viel Wichtiger wird ja bleiben, die Dinge, die waren, zu unterscheiden und stets beides im Blick zu haben. Das konkrete Leid und Versagen vor über 85 Jahren. Und das konkrete Glück und Erringen am 9. November ‘89. Konkret und als Auftrag für heute das eine und das andere.
Ich sage: der 9. November ist der Gedenk- und Feiertag in der deutschen Geschichte, man sollte ihn begehen mit Gottesdiensten, mit Erinnerungsstunden, mit Reden, mit Gebeten, multireligiös und verbindend und tatsächlich mit allem, was eben zu diesem Tag gehört. Deshalb: Macht den Tag frei und setzt ein Zeichen – gerade jetzt. Freiheit und Menschenwürde, Erinnern und Gedenken – in unserem Leben und vor Gott gehört beides zusammen. Und wir kriegen es nicht hin, da einen würdigen Gedenk- und Feiertag zu halten? Bitte? Wann, wenn nicht am 9. November!